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65 Jahre lang einen großen Bogen um Deutschland gemacht

Valentina Ivanuskina war nach Kriegsende zum ersten Mal in Deutschland

Schmochtitz. Jedes Jahr im Sommer lädt das Maximilian- Kolbe-Werk Überlebende aus Osteuropa, die in den Konzentrationslagern oder Ghettos der Nationalsozialisten inhaftiert waren, zu Tagen der Begegnung und Erholung ein - beispielsweise ins Bischof- Benno-Haus Schmochtitz.

Zum Programm der Tage der Begegnung und Erholung im Bischof-Benno-Haus in Schmochtitz gehörte auch ein sorbischer Abend (Zweite von links: Valentina Ivanuskina).

Matthias Mader findet, dass es aus der Zeit des Nationalsozialismus noch viele Leidensgeschichten gibt, die kaum im Bewusstsein der Öffentlichkeit sind. "Wir kennen die Geschichten aus den großen Konzentrationslagern, aber was beispielsweise damals Kinder in Ghettos und Lagern erlebt haben, ist noch viel zu wenig bekannt." Genau mit diesen Kindern hatte er es in diesem Sommer zu tun. Matthias Mader, hauptberuflich Krankenhausseelsorger in Dresden, hat als einer von drei Ehrenamtlichen die Tage der Begegnung und Erholung für Überlebende der nationalsozialistischen Konzentrationslager und Ghettos begleitet, die im Bischof-Benno-Haus in Schmochtitz stattfanden.

Eine der zehn Teilnehmerinnen war Valentina Ivanuskina aus Vilnius. Sie ist 1937 in Russland geboren. Mit drei Jahren kam sie nach Litauen. Ihr Vater war Flugzeugmechaniker bei den sowjetischen Streitkräften. Er wurde in der Folge des Einmarsches der Roten Armee in Litauen nach Vilnius versetzt und die Familie nahm er mit. Als dann der Zweite Weltkrieg nach Litauen kam, versuchte die Familie zurück nach Russland zu fliehen, doch es gab keine organisierten Evakuierungen. Und die Bemühungen auf eigene Faust scheiterten. Die Züge wurden mehrmals bombardiert und die Familie musste sich tagelang im Wald verstecken.

Die Stationen ihres dann bis Kriegsende folgenden Leidensweges schildert Valentina Ivanuskina eher stichwortartig: Die Familie kehrte nach Vilnius zurück. Untergebracht wurden sie im jüdischen Ghetto, dessen Bewohner vorher ermordet worden waren. Welche Lebensbedingungen hier herrschten, lässt sich erahnen, wenn sie sagt, dass sich vier bis fünf Familien ein Zimmer teilen mussen. Im September 1943 kam Valentina Ivanuskina für mehrere Monate ins Konzentrationslager Alytus. Das Kriegsende erlebte sie dann wieder in Vilnius.

Von ihrem Lebens nach dem Krieg berichtet Valentina Ivanuskina, die verheiratet ist und einen Sohn hat, nicht ohne Stolz. Sie hat in Vilnius, später in Moskau Chemie studiert, dann promoviert und wurde zu einer Spezialistin, deren Mitwirkung an Projekten in der ganzen Sowjetunion gefragt war. Angebotene Führungspositionen hat sie immer wieder abgelehnt, weil sie weiter wissenschaftlich arbeiten wollte. Bis heute lebt Valentina Ivanuskina in Vilnius. Ihren Lebensunterhalt muss sie nun von einer kleinen Rente bestreiten.

Beruflich und privat ist Valentina Ivanuskina in fast ganz Europa herumgekommen. Um ein Land hat sie dabei aber in all den Jahren einen großen Bogen gemacht: um Deutschland. Zu tief sitzen die Erinnerungen an das, was sie in den Kriegsjahren erlebt hat. Dann hat sie das Maximilian-Kolbe-Werk kennengelernt. "Die Menschen, die sich hier engagieren, haben nichts mit den Taten der Nazis zu tun. Trotzdem versuchen sie, die Beziehungen zwischen den Völkern wieder zu verbessern. Das hat dazu geführt, dass ich meine Meinung geändert habe."

Zusammen mit acht weiteren Frauen und einem Mann - alle leben heute in Litauen, stammen aber aus Russland oder Weißrussland und haben ein ähnliches Schicksal während der Kriegsjahre erlebt - hat Valentina Ivanuskina jetzt auf Einladung des Maximilian-Kolbe- Werkes die Tage der Begegnung und Erholung im Bischof-Bennohaus in Schmochtitz verbracht. Jährlich lädt der Verein, der Hilfe für Überlebende aus Konzentrationslagern und Ghettos organisiert, mehrere hundert Menschen dazu an verschiedene Orte in Deutschland ein. "Wir nehmen die besten Eindrücke aus Sachsen mit, das wir in diesen Tagen ein wenig kennengelernt haben. Der Gruppe hat das reichhaltige Programm gut gefallen", sagt Valentina Ivanuskina. Auf dem Programm standen unter anderem Besuche in Dresden, Moritzburg, Görlitz und der sorbischen Gemeinde Ralbitz. Besonders beeindruckt war die Gruppe von einem Gedenkstein auf dem Dresdner St.-Pauli-Friedhof, den die Künstlerin Annika Dube-Wnek geschaffen hat. Er erinnert an die Kinder von Zwangsarbeitern. Schicksale, die den Teilnehmern nahegingen, weil sie selbst Ähnliches erlebt haben.

Von Matthias Holluba

Mehr Infos im Internet: www.maximilian-kolbe-werk.de



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