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"Lasst uns zusammenbleiben!"

Seligsprechung für Alojs Andritzki - Dachauer Mithäftling gab eindrucksvolles Glaubenszeugnis

Dresden. Als erster gebürtiger Sachse in der Geschichte der Christenheit ist am Pfingstmontag Alojs Andritzki seliggesprochen worden. Die Beteiligung übertraf mit rund 11 000 Mitfeiernden alle Erwartungen.

Kinder brachten im Anschluss an den Seligsprechungsakt Symbole zum Altar, die für Facetten der Persönlichkeit Alojs Andritzkis stehen, ein Fußball etwa veranschaulichte die Sportbegeisterung des neuen Seligen. Links im Bild neben Bischof Joachim Reinelt der römische Kardinal Angelo Amato und Nuntius Jean-Claude Périsset (Berlin).

Aus der ersten Reihe im Block der Ehrengäste verfolgte Prälat Hermann Scheipers die Seligsprechungsfeier mit. An die Jacke seines dunkelgrauen Anzugs hatte der 97-Jährige seine Dachauer Häftlingsnummer geheftet. Er ist wahrscheinlich der letzte noch lebende Priester, der im Konzentrationslager Dachau inhaftiert war, der letzte von insgesamt 2700 Geistlichen. 1034 von ihnen ließen bereits in Dachau ihr Leben, so wie Alojs Andritzki, der am 3. Februar 1943 an einer Giftspritze starb. Über ihn hatte Papst Benedikt XVI. am Tag zuvor gesagt, das Wirken des Heiligen Geistes sei an ihm "machtvoll aufgeleuchtet".

Der Wunsch erfüllte sich anders als erwartet

Hermann Scheipers war in einer anderen Häftlingsbaracke untergebracht als sein sorbischer Mitbruder. Dennoch traf er ihn immer wieder. Bei der ersten gemeinsamen Weihnachtsfeier im KZ hatte Alojs die Mitgefangenen mit einem selbst gestalteten Altarbild aus zusammengeklebten Zeitungen erfreut, erinnert sich der Überlebende. Alojs Andritzki sei über die eigene Baracke hinaus bekannt gewesen als einer, der vielen half, gerade den älteren Häftlingen.

Während der Andacht in der Dresdner Kathedrale zum Abschluss der Seligsprechungsfeier trat Hermann Scheipers ans Mikrofon und erzählte von seinen Erinnerungen an Alojs Andritzki. Als der sich mit Bauchtyphus in der Krankenbaracke melden wollte, sei er trotz hohen Fiebers als Simulant abgewiesen worden. Scheipers, der unterdessen selbst auch erkrankt war, schlug ihm vor, es am nächsten Tag noch einmal gemeinsam zu versuchen. Diesmal wurden beide aufgenommen, allerdings nicht in der gleichen Krankenstube. Die letzten Worte, die er aus dem Mund seines sorbischen Freundes hörte, sind ihm unvergesslich: "Du, wir wollen sehen, dass wir zusammenbleiben!" Der Wunsch hat sich nicht erfüllt. Die beiden haben sich danach nie wiedergesehen. Ein mit Aufsehervollmachten ausgestatteter Häftling soll Alojs Andritzki Augenzeugen zufolge wenig später eine Giftspritze gegeben haben, als er um den Beistand eines Priesters bat. Eigenmächtig, ohne Befehl durch die Verantwortlichen der SS, bewegt durch tiefen Hass auf die Kirche.

Nur auf den ersten Blick hat sich der Wunsch des Freundes nicht erfüllt, ist Hermann Scheipers überzeugt. Immer wieder in seinem Leben habe er sich in Gott zutiefst mit Alojs verbunden gespürt, erzählte er den dicht gedrängt sitzenden Gläubigen in der Kathedrale. Gerade in den schwierigsten Momenten habe ihm diese Gewissheit Kraft gegeben. Nicht zuletzt auch auf der gefährlichen Flucht aus dem so genannten Todesmarsch, der viele KZ-Häftlinge noch nach Kriegsende das Leben kostete. Er floh und versteckte sich in einem Gebüsch. Zweimal wurde auf ihn geschossen. Angsterfüllt wartete er ab, ob die Spürhunde, die man auf ihn angesetzt hatte, ihn finden würden. Gerade in diesem Augenblick seien ihm die letzten Verse des Psalms 91 in den Sinn gekommen: "Denn der Herr ist deine Zuflucht, du hast dir den Höchsten als Schutz erwählt. Dir begegnet kein Unheil, kein Unglück naht deinem Zelt. Denn er befiehlt seinen Engeln, dich zu behüten auf all deinen Wegen. Sie tragen dich auf ihren Händen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt; du schreitest über Löwen und Nattern, trittst auf Löwen und Drachen. Weil er an mir hängt, will ich ihn retten; ich will ihn schützen, denn er kennt meinen Namen. Wenn er mich anruft, dann will ich ihn erhören. Ich bin bei ihm in der Not, befreie ihn und bringe ihn zu Ehren. Ich sättige ihn mit langem Leben und lasse ihn schauen mein Heil."

Eine Brücke zwischen Himmel und Erde

Diese Worte hätten sich in seinem Leben erfüllt bis auf den letzten Vers, sagte Hermann Scheipers. Das lange Leben, das ihm geschenkt wurde, wolle er nutzen, um Zeugnis zu geben von dem, was ihm im Konzentrationslager widerfahren ist, vor allem aber von dem Glauben, der ihn mit Alojs Andritzki, den anderen Mithäftlingen und Christen auf der ganzen Welt verbinde. Bis nach Indien und in die USA ist der pensionierte Pfarrer in den vergangenen Jahren gereist, um jungen Menschen das weiterzugeben, was er auch an diesem Tag in Dresden sagte.

Die letzten Worte, die Alojs Andritzki an ihn gerichtet habe, seien eine Einladung an alle Christen: "Wir wollen sehen, dass wir zusammenbleiben!"

Jugendliche zeigten am Ende der Andacht auf ihre eigene Weise, dass sie an das Leben Alojs Andritzkis anknüpfen wollen. Von den seitlichen Emporen aus ließen sie bunte Papierflugzeuge durch das Kirchenschiff segeln. Zuvor hatten sie den neuen Seligen zitiert, der einst davon geträumt hatte, das Evangelium als Flieger bis zu den Enden der Erde zu bringen.

Von Dorothee Wanzek

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