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Mit Herz und Hirn: Kirche beim 20. Leipziger Stadtfest

Ökumenischer Familiengottesdienst auf dem Nikolaikirchhof

Leipzig. Traditionell zum Leipziger Stadtfest, wenn auch diesmal etwas im Schatten des Dresdner Evangelischen Kirchentages, hat sich am 5. Juni wieder die "Kirche auf dem Markt" versammelt. Knapp 1000 Menschen feierten einen abwechslungsreichen ökumenischen Familiengottesdienst.

Eine Schatzkiste auf der Bühne und etwa 80 zappelnde Herz- Luftballons am Caritas-Stand verrieten, dass das Motto des Dresdner Kirchentages auch für den Leipziger Gottesdienst gilt: "Denn wo dein Schatz ist, da wird auch dein Herz sein" - in diesem Sinne lud Pastorin Elke Bucksch von der evangelisch-reformierten Kirche die Leipziger und ihre Gäste auf eine etwa 90-minütige "Schatzsuche" ein.

Ohne Freunde sind Schätze nichts wert

Zuerst zeigten Schüler des Bischöflichen Maria-Montessori- Schulzentrums in einem Anspiel, an welchen Schätzen Kinderherzen hängen können: Computerspiele, Laptop, Kuschelbär, Eis oder Geld. Doch sie sind "nichts wert ohne Freunde", mit denen die Schätze geteilt werden können, wissen die Schüler.

In der Kinderpredigt sprach Pastorin Bucksch über ihren größten Schatz. "Wenn jemand sagt: ‚Ich will dich begleiten und immer für dich da sein.‘ Und er das dann auch hält." Wenn das aber wegbreche, komme der Boden unter den Füßen ins Wanken, so Elke Bucksch.

Über solche Situationen hatten vor dem Gottesdienst Beatrix Lewe und Liv Hermann-Hartwig von der Leipziger Arbeitsgruppe Schmetterlingskinder gesprochen. Sie kümmern sich mit etwa 25 Ehrenamtlichen unter dem Dach des Leipziger Hospizvereins um Eltern, deren ungeborenen Kinder - ihre kleine Schätze - gestorben sind. Für die Kosten der jährlich etwa 150 Bestattungen der Arbeitsgruppe wurde die Kollekte in Höhe von rund 2100 Euro während des Gottesdienstes gesammelt.

Die vielen Kinder, die sich auf dem Nikolaikirchhof bei knalliger Mittagssonne die Schattenplätze an der Kirche, unter Tischen oder auf den Pflastersteinen direkt vor der Bühne gesichert hatten, wollten in der Kinderpredigt noch erfahren, welchen großen Schatz es hier zu entdecken gäbe. "Gott ist der Schatz, das Geschenk, das wir in der Taufe bekommen", sagte die evangelisch-reformierte Pastorin. "Gott hat versprochen: ‚Ich bin immer für dich da.‘ Und wir können darauf antworten: ‚Ich habe dich lieb.‘"

Auch Propst Lothar Vierhock warf in seiner anschließenden Predigt die Frage auf, woran unser Herz hänge. Der Pfarrer der Leipziger Propsteikirche St. Trinitatis erweiterte den Gedanken noch vom Herz auf das Hirn: "Wo dein Hirn ist, da ist auch dein Herz", sagte Propst Vierhock und betonte die unheilvolle Situation, wenn Herz und Hirn nicht übereinstimmten.

Bei der Musik zum Gottesdienst stimmte aber alles überein: Der Posaunenchor unter Leitung von Christoph Käßler, der Gospelchor der Thomaskirche "open up wide" und das Ensemble "Lajuna" - sie alle spielten und sangen mit viel Herz und Verstand. "Hängen wir dieses Herz an Dinge, die bei uns bleiben", meinte nach dem traditionellen Agapemahl die Gemeindereferentin Simone Focke von der evangelisch-methodistischen Kirche, während sie in einer Hand einen Herz-Luftballon hochhielt.

Die anderen Luftballons konnten sich nun endlich die Kinder abholen, wie zum Beispiel der fünfjährige Lennard, der aus Langeweile zwischenzeitlich schon auf die Bühne geklettert war. "Uns hat es wieder gut gefallen", sagten seine Eltern Barbara und Gunter Stein aus der Leipziger evangelischen Bethlehemgemeinde. Sie waren schon mehrmals zur "Kirche auf dem Markt" und schätzen daran "die Ökumene und die hohe Kultur". Auch Simon Neumann, der mit seinem zweijährigen Sohn Aaron unter einem Stehtisch etwas Schatten gefunden hatte, lobte den Gottesdienst. "Besonders der Gospelchor hat mir sehr gut gefallen und die gemeinsamen Predigten", meinte der junge Mann aus der katholischen St. Trinitatisgemeinde.

Im Schatten des Dresdner Kirchentages

Insgesamt lieferte der Kirchentag in Dresden nicht nur das Motto für den ökumenischen Gottesdienst, er warf auch seine Schatten bis in die Messestadt: Sei es durch eine geringere Beteiligung der evangelischen Gemeinden bei den Vorbereitungen oder durch eine nur halb so große Teilnehmerzahl am Gottesdienst. "Wir haben dafür die anderen christlichen Gemeinden stärker einbezogen", sagte Propst Lothar Vierhock, der die Vorbereitungen des Stadtökumenekreises und des Caritasverbandes leitete. "Und wir waren überrascht, dass trotz des Kirchentages noch so viele Menschen gekommen sind."

Von Uwe Naumann

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