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Keine falschen Hoffnungen

Spiritueller Tourismus ist für die Kirchen eine Chance, hat aber auch seine Grenzen

Erfurt. Pilgerwege, offene Kirchen, Kloster auf Zeit - auch im Osten Deutschlands sind in den letzten Jahren zahlreiche Angebote entstanden, die unter dem Stichwort "Spiritueller Tourismus" zusammengefasst werden. Über dessen Chancen und Grenzen sprachen Fachleute jetzt in Erfurt.

Viele Kirchengemeinden und Kommunen im Osten Deutschlands haben in den letzten Jahren ihre Kirchen und deren Bedeutung wiederentdeckt. Diese Erfahrung macht Oberkirchenrat Christoph Hartmann von der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) nicht erst seit der Wende. Schon in den letzten DDR-Jahren setzten sich Bürgermeister - beispielsweise in der Altmark - dafür ein, die Kirche im Dorf zu erhalten, wenn die Verantwortlichen der Landeskirche die Gebäude angesichts geringer werdender Gläubigenzahlen aufgeben wollten.

Inzwischen gibt es im Bereich der EKM etwa 250 Kirchbauvereine mit 10 000 Mitgliedern, von denen viele gar nicht getauft sind. Hartmann: "Die Menschen haben erkannt: Kirchen sind wichtige Identifikationsorte." Doch mit der Sanierung der Kirchen ist es nicht getan. "Die Kirchengebäude müssen auch offen gehalten werden. Schließlich kann man Förderbeträge in Millionenhöhe nicht für eine Stunde Sonntagsgottesdienst ausgeben."

Beim Reformationsjubiläum zusammenarbeiten

Auch hier ist viel geschehen: Im Bereich der EKM gibt es rund 120 verlässlich geöffnete Kirchen. Dass Wirtschaft und Politik vor allem in Sachsen-Anhalt den Spirituellen Tourismus unterstützen und dass das Pilgern sich wachsender Beliebtheit erfreut, hat diese Entwicklungen beschleunigt, stellt Hartmann fest. Für die kommenden Jahre wünscht er sich nicht nur, dass das Begonnene fortgesetzt wird. Mit Blick auf die Reformationsdekade hofft er auf eine weitere Intensivierung - in ökumenischer Zusammenarbeit: "Die Geschichte der christlichen Kirche hat nicht erst mit Martin Luther begonnen."

Vor zu hohen Erwartungen an den Spirituellen Tourismus warnt Kirchenpräsident Joachim Liebig von der Landeskirche Anhalt. "Unsere Gemeinden leiden an zwei Defiziten: an Geld und an Mitgliedern. Wenn Gemeinden sich den Arbeitsfeldern im Zusammenhang mit dem Spirituellen Tourismus zuwenden, in der Hoffnung, diese Defizite abzubauen, werden sie scheitern", prophezeit Liebig. Dennoch haben die Kirchen Interesse am Spirituellen Tourismus: "Im Laufe der Jahrzehnte ist in unserer Region der geistige Grundwasserspiegel erheblich gesunken. Spiritueller Tourismus kann eine Möglichkeit sein, ihn wieder zu heben. Menschen können so wieder mit geistlichen Themen in Berührung gebracht werden und die Kirche kann so ihr Image aufpolieren. Was darüber hinaus geschieht, ist aber nicht machbar", sagt der Kirchenpräsident.

Vor überzogenen Erwartungen warnt auch der sächsische Oberlandeskirchenrat Dietrich Bauer. Spiritueller Tourismus sei eine individuelle Angelegenheit. Menschen, die auf diese Weise unterwegs sind, wollen zwar die kirchlichen Orte besuchen, aber nicht ihre Dogmen übernehmen. "Wenn wir uns als Kirche für die Menschen unserer Zeit interessieren, müssen wir das trotzdem aufgreifen", heißt sein Appell. Der Mensch könne Christus leichter entdecken, wenn er seinen Alltag verlässt. "Spiritueller Tourismus kann ein Um-Weg zum Glauben sein."

Unübersichtliche Vielfalt der Pilgerwege

Oberlandeskirchenrat Bauer wie auch der Seelsorgeamtsleiter des Bistums Erfurt, Gregor Arndt, machten auf zwei Probleme im Zusammenhang mit Angeboten des Spirituellen Tourismus aufmerksam: die Unübersichtlichkeit und sich ständig vergrößernde Zahl von Pilgerwegen und das Fehlen einer modernen Theologie des Pilgerns. Das Seelsorgeamt Erfurt werde keinen neuen Pilgerweg ins Leben rufen, sagte Gregor Arndt. Die Aufgabe der Kirchenleitung sieht er eher darin, über bestehende Angebote zu informieren, sie zu vernetzen und Erfahrungsaustausch zu ermöglichen sowie die Kirchengemeinden zu motivieren, ihre Gebäude offen zu halten und den Menschen, die zu ihnen kommen, etwas mit auf den Weg zu geben.

Kirchen als Orte der Gastfreundschaft und die Erfahrung von Pilgern, zu einer weltweiten Gemeinschaft zu gehören, sind zwei Punkte, die für Gregor Arndt zu einer Theologie des Pilgerns gehören. Wichtig ist ihm dabei aber auch seine persönliche Erfahrung als Pilger auf dem Jakobsweg: "Es geht bei der Begegnung mit Menschen, die nicht aus christlichen Motiven auf den Pilgerwegen unterwegs sind, nicht um Mission, sondern um gegenseitigen Austausch. Auch die anderen haben für uns Christen eine Botschaft."

Für Klaus Tilly vom Bistum Magdeburg beginnt Spiritueller Tourismus nicht erst in Santiago de Compostela. "Fremdes Land betreten beginnt für manchen schon beim Kirchengebäude im eigenen Ort", sagt er und berichtet davon, wie ein kleiner Ort in Sachsen-Anhalt, in dem kaum noch Christen leben, seine Kirche wieder entdeckt habe, als es anlässlich des Kirchweihjubiläums ein entsprechendes Projekt in der Grundschule gegeben habe. Daneben sei es wichtig, dass die wenigen Christen, die vor Ort noch da sind, fit gemacht werden, denen, die ihre Kirche aufsuchen, Rede und Antwort zu stehen. Im Bistum Magdeburg hat es in den letzten Jahren deshalb entsprechende Schulungen und Ausbildungen gegeben.

Von Matthias Holluba

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