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Domkapitular Jürgen Lenssen ist ein Kenner der Kunst in der DDR und fordert eine Neubewertung

Würzburg. Als die Maler Werner Tübke und Wolfgang Mattheuer im Jahr 2003 zur Neueröffnung des Museums am Dom nach Würzburg kamen, sagte Mattheuer zu Tübke: "Werner, endlich ein Museum, das uns versteht." Der Leiter des Museums, Domkapitular Jürgen Lenssen, sprach kürzlich über die Kunst in der DDR.

Domkapitular Jürgen Lenssen und Elfriede Rein vom Deutschordensmuseum sprechen über die

Systemnähe oder Unabhängigkeit? Bis heute hat die Diskussion um die Kunst in der DDR nicht nachgelassen. Doch sie wird verkannt, unterbewertet und zu Unrecht in die Ecke gestellt, so Domkapitular Dr. Jürgen Lenssen in seinem Vortrag zur Ausstellung "Kunst in der DDR", die kürzlich im Deutschordensmuseum in Bad Mergentheim zu sehen war.

"Wer heute diese Kunst sehen will, der muss in die Keller gehen", sagte Lenssen. In den Museen verschwand die Kunst aus der DDR oft im Depot. Und selbst im Leipziger Bildungsmuseum - mit der Leipziger Schule ein Zentrum der Kunst - finden sich die in der DDR-Zeit entstandenen Werke im Untergeschoss.

Unglaubliche Arroganz

"Zwar zugänglich, aber doch im Keller. Hinter den Toiletten, dort werden Sie fündig", kritisierte Lenssen, der Kunstbeauftragte des Bistums Würzburg das Leipziger Ausstellungskonzept. Für ihn lässt es sich auf den Punkt bringen, dass der Kunst in der DDR mit einer unglaublichen Arroganz begegnet wird.

Was sind die Ursachen der Unterbewertung? Nach dem Zweiten Weltkrieg war es im westlichen Teil Deutschlands verpönt, figürlich zu malen, so Lenssen. Künstler, die es trotzdem taten, waren gemieden, verkauften fast nichts.

Der Referent stellte weiter heraus, dass sich in der DDR und in der Bundesrepublik unterschiedliche Kunstszenen herausbildeten. "Ost und West gingen völlig getrennte Wege. Man nahm sich nicht wahr, wollte sich nicht wahrnehmen." Im Westen setzte man auf das Abstrakte, orientierte sich am internationalen Kunstmarkt.

Anders im Osten, wo an die Traditionen der großen Kunstakademien - so Dresden, die Burg Giebichenstein in Halle - angeknüpft wurde. Und, das war für den Westen der Skandal, die Künstler in der DDR wagten es, weiterhin figürlich zu malen. Lenssen kritisierte zudem, dass die Kunst des Westens eine marktorientierte Kunst ist - angeboten wird das, was sich auch verkaufen lässt. Der Inhalt bleibt dabei weitgehend auf der Strecke.

Inhalte, das Reiben an den gesellschaftlichen Bedingungen und die menschlichen Fragen machen jedoch die Kunst in der DDR für den Würzburger Kunstexperten so bedeutsam. In seinem Vortrag erinnerte er unter anderem an den 2004 verstorbenen Maler Wolfgang Mattheuer, einem Begründer der Leipziger Schule. "Mattheuer verstand sich nicht alleine als Künstler, sondern sah sich immer als Bildermacher, als einer, der die Menschen mit seinen Bilderwelten beschenkt", so Jürgen Lenssen.

Wege, um im DDRSozialismus zu überleben

Aus dieser Haltung Mattheuers heraus lässt sich, so der Referent, eine tiefe Ehrfurcht und Demut ablesen, die es dem Künstler ermöglichten, die Lebenswirklichkeit in den Blick zu nehmen. Nicht zuletzt habe Mattheuer damit seinen Weg gefunden, im System Sozialismus zu überleben.

Nicht verschwiegen wurde von Lenssen die Tatsache, dass viele Künstler einst antraten, der DDR ein künstlerisches Fundament zu geben. "Sie spürten jedoch, sich selbst etwas vorgemacht zu haben. Diese Erfahrung schlug sich authentisch in ihren Werken nieder." Ein Beispiel ist das Bild "Die Ausgezeichnete" von Wolfgang Mattheuer aus den Jahren 1973/74. Die alt gewordene Frau sitzt alleine am Tisch, vor ihr liegen einige Tulpen, ansonsten sind Müdigkeit und Resignation spürbar. Lenssen: "Dieses Bild ist eine klare Anfrage an den Staat. Die Phrasen, die der Frau entgegenschlugen, ihre Einsamkeit und Enttäuschung sind spürbar."

Die Künstler in der DDR fanden aus ideologischer Enttäuschung heraus zu einer inhaltlich ernsten Beschäftigung mit existenziellen Fragen des menschlichen Lebens, ist sich Jürgen Lenssen sicher.

So auch in der Beschäftigung mit religiösen Inhalten, denen sie sich in einem säkularisierten Umfeld mit großer Ehrfurcht und Offenheit näherten. Und nicht zuletzt waren die Maler, Grafiker und Bildhauer in der DDR immer mit den drei Fragen nach Theodor W. Adorno konfrontiert: "Woher komme ich?"; "Woraus lebe ich?" und "Worauf gehe ich zu?"

Die Suche nach Antworten lässt sich in vielen Werken der Kunst in der DDR ablesen. Für das Museum am Dom des Bistums Würzburg ist dies ein Grund, so Domkapitular Lenssen, Künstlern wie Wolfgang Mattheuer, Werner Tübke, Willi Sitte, Bernhard Heisig und vielen anderen einen Ort zu sichern, an dem sie verstanden werden. Sie und ihre Arbeiten, so Lenssen, sind willkommen und ausdrücklich erwünscht.

Ihrerseits sind die Künstler froh, im Museum am Dom einen Ort zu haben, wo sie ernst genommen werden, wo ein Dialog entsteht und wo sie, so wie Mattheuer einst zu Werner Tübke sagte, verstanden werden.

Von Holger Jakobi

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