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Keine sinnvolle Arbeit mehr möglich

In Berlin protestieren die katholischen Kindertagesstätten gegen die Sparpläne des Senats

Kinder müssen gefördert werden: Bei den geplanten Sparmaßnahmen in Berlin eine Wunschvorstellung.

Berlin / Leipzig -Erst waren es die Krankenhäuser, dann die Schulen. Jetzt schlagen auch die Vertreter der katholischen Kindertagesstätten in der Bundeshauptstadt Alarm. Ab Januar will der SPD / PDS-Senat vor allem Personalkosten sparen -bis zu 38 Prozent bei den Leitungsaufgaben. Das bedeutet, dass auch die Leiter der Einrichtungen stärker an der Gruppenarbeit beteiligt werden sollen. Andere Erzieher müssen Stunden abgeben. Nach Angaben der Caritas werden die 67 katholischen Kindertagesstätten im Erzbistum Berlin dadurch insgesamt 28 Stellen einsparen müssen. Eine Katastrophe, wie der zuständige Abteilungsleiter beim Diözesan- Caritasverband Berlin, Konrad Berger, die derzeitige Situation beschreibt. "Ein eindeutiger Schritt in die falsche Richtung, wenn man sich den Bildungsnotstand in Deutschland ansieht", betont er. Zurzeit werde für jede Einrichtung geprüft, wie eine Umverteilung aussehen könne. Das finanzielle Defizit müsse durch den Abbau so genannter pädagogischer Stunden ausgeglichen werden. Bei den Erziehern liegen die Nerven blank. "Die Einschnitte sind schmerzlich, zumal die christlichen Einrichtungen in Berlin einen ausgezeichneten Ruf genießen", so Berger.

Die Leiter der katholischen Kindertagestätten haben sich in einem offenen Brief direkt an den Berliner Senat gewandt. Durch die Sparmaßnahmen könnten wichtige Bereiche wie die Qualifizierung von Mitarbeitern, die Gremien- und Öffentlichkeitsarbeit oder die Beratung der Eltern nicht mehr wahrgenommen werden. "Das wird unmittelbare Auswirkungen auf die Arbeit mit den Kindern haben", betonen die Erzieher. Der angestrebte Personalschlüssel lasse zukünftig keine sinnvolle pädagogische Arbeit zu. Die vom Familienministerium geforderte Bildungsoffensive werde somit ad absurdum geführt.

Gezielte Förderung ist dringend nötig

"Kinder sind unmissverständliche Seismographen für gesellschaftliche Veränderungen", sind die Verfasser des Schreibens überzeugt. Seit Jahren beobachte man ein Anwachsen der Zahl unkonzentrierter, verhaltensauffälliger und aggressiver Kinder, was sich durch wissenschaftliche Untersuchungen belegen lasse. Die katholischen Erzieher fordern deshalb, Bildung nicht auf den Schulbereich zu beschränken, sondern vor allem die "frühkindliche Förderung" zu stärken.

Die Situation ist jedoch bekannt: Berlin steht das Wasser bis zum Hals. Die Stadt hat Gesamtschulden von rund 40 Milliarden Euro. Die Probleme der Berliner Bankgesellschaft, eine Überversorgung in sozialen, medizinischen und kulturellen Bereichen und der damit verbundene Sparzwang des Senats verschärfen die Lage weiter. Vernünftige politische Konzepte scheinen noch nicht einmal in Sicht zu sein -bei den Bürgern schwindet mehr und mehr das Vertrauen in die rot-rote Koalition. Berlin muss seinen Haushalt weiter konsolidieren.

Dass jedoch immer zuerst bei der Erziehung und Bildung gespart werden soll, begreifen die Berliner nicht. "Wenn das so weitergeht, werden wir bald eine Hauptstadt ohne Zukunft sein", kritisiert ein aufgebrachter Vater den Sparkurs des Senats. Ähnlich äußert sich der Berliner Caritas- Sprecher Joachim Mordeja: "Gerade nach den Ergebnissen der Pisa-Studie betonte die Politik, wie wichtig es sei, etwas für die Kinder zu tun. In Berlin spart man weiter." Es ist jedoch nicht das einzige Bundesland, das den Rotstift im sozialen Bereich angesetzt hat. Erst im August hat Thüringen die Mittel für die Suchtberatung der Caritas gekürzt. "Es bahnt sich eine Entwicklung an, deren Folgen noch nicht abzusehen sind", befürchtet Erfurts Diözesan-Caritasdirektor Bruno Heller.

Andreas Schuppert

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 43 des 52. Jahrgangs (im Jahr 2002).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 24.10.2002

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