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Aus der Region

Es hat einen Sinn, etwas zu tun

Ulrich Clausen zu Folgen der Flutkatastophe und Hoffnungen für den Johannesburg-Gipfel

Ulrich Clausen: Wir dürfen die Erde bebauen, aber verantwortungsvoll.

In Johannesburg tagt zurzeit der UN-Gipfel für nachhaltige Entwicklung. Die dort behandelten Fragen der Gerechtigkeit in der einen Welt und des Umgangs mit der Umwelt erhalten vor dem Hintergrund der Hochwasser- Katastrophe eine besondere Brisanz. Der TAG DES HERRN sprach mit dem Weltkirchen- und Umweltbeauftragten des Bistums Dresden-Meißen, Ulrich Clausen.

Frage: Eine extreme Wetterlage oder Auswirkung der Klimaveränderung - die Experten streiten sich über die Ursache der Hochwasser- Katastrophe. Können wir, wenn die Schäden beseitigt sind, wieder zur Tagesordnung übergehen?

Clausen: Das können wir nicht. Zum einen hat uns die Katastrophe sehr hart getroffen, und wir werden sehr lange mit den Folgen zu tun haben. Zum anderen gibt es weltweit noch viel größere Flutkatastrophen. 700 000 Menschen in China auf der Flucht vor dem Wasser, in Indien sogar 14 Millionen. In Anbetracht dessen halte ich die Ursachendiskussion für einen Streit um des Kaisers Bart. Fest steht und wir wissen das: Durch unser Handeln beeinflussen wir das Klima.

Frage: Kann man aus christlicher Sicht sagen, das Hochwasser ist ein Strafgericht Gottes?

Clausen: In Dresden waren in den letzten Tagen tatsächlich Leute unterwegs, die das auf Schildern mit Bibelzitaten zum Ausdruck brachten. Nach der biblischen Sintflut-Geschichte wird den Menschen aber von Gott zugesagt, dass die Zeit solcher Bestrafung vorüber ist. Das Hochwasser ist keine Strafe Gottes für die Menschen in unserem Land. Vielleicht ist es eine Folge, die sich zwangsläufig aus unserem Handeln ergeben hat. Insofern könnte man sagen, sie ist ein Zeichen Gottes, dass uns zum Nachdenken bringen will. Die Natur lässt sich von uns nicht knechten und besiegen. Sie ist uns -biblisch gesprochen -zum Bebauen und Bewahren übergeben. Wichtig dabei ist die Frage nach dem Maß, die Frage nach dem, was wir wirklich von der Natur brauchen. Darüber müssen wir nachdenken. Alte Flussarme nicht bebauen, die Elbauen freihalten, Flächen nicht mehr als nötig versiegeln, eine Landwirtschaft, die mit der Natur haushaltet -das sind keine grünen Spinnereien.

Frage: Nun ist das nicht die erste Katastrophe. Früher oder später sind die Menschen in der Regel zu ihrem Alltag zurückgekehrt. Sind Sie zuversichtlich, dass es diesmal zu einem Umdenken kommt?

Clausen: Da bin ich optimistisch. In der Folge großer Katastrophen gab es immer positive Veränderungen, sowohl im Bewusstsein des Einzelnen wie in der Gesetzgebung. Die Umweltgesetzgebung in Deutschland ist in der Regel eine Reaktion auf etwas. Sei es das Gesetz zum Wasserschutz im Jahr 1870 als Folge des knapper werdenden Trinkwassers oder Regelungen zur Sicherheit von Atomreaktoren. Auch im persönlichen Umweltverhalten hat sich vieles positiv verändert: Wenn auch manchmal mit Zähneknirschen, weil es weh tut -die Leute sind bereit, ihren Lebensstil zu überdenken und zu verändern. Vor allem in Mitteleuropa gab es in den letzten Jahrzehnten große Fortschritte.

Frage: Ist es möglicherweise aber in manchen Bereichen nicht schon zu spät?

Clausen: Das weiß niemand. So etwas könnte man nur in einem komplexen Großversuch feststellen. Mit unserer Erde können wir aber nicht experimentieren, denn wir haben nur eine. In der katholischen Moraltheologie gibt es die Norm, immer Vorsicht walten zu lassen und etwas erst zu tun, wenn ich sicher sein kann, dass es keine negativen Auswirkungen hat, oder weil es für das Überleben der Menschen zwingend notwendig ist. Voraussetzung ist hier die Ehrlichkeit bei der Antwort auf die Frage: Brauchen wir das alles wirklich? Und -vor allem mit Blick auf die Südhalbkugel unserer Erde -gibt es eine gerechte Verteilung zwischen allen Menschen? Das Klimaproblem hängt wesentlich mit der Armutsfrage zusammen, denn: Armut führt zwangsläufig dazu, dass der Mensch nicht umweltgerecht leben kann. Wenn in einem afrikanischen Dorf nur noch zehn Bäume stehen, die Menschen dieses Holz aber als Feuerholz brauchen, weil sie sonst verhungern, dann nutzt der Hinweis darauf nichts, dass die Bäume als Samenträger für den neuen Wald gebraucht werden. Denn die Menschen sagen ihnen, wenn wir tot sind, brauchen wir auch keinen neuen Wald.

Frage: Diese Fragen und Zusammenhänge sind ja zurzeit in Johannesburg Thema beim UNGipfel für nachhaltige Entwicklung. Was erwarten Sie von dieser Konferenz?

Clausen: Meine Hoffnungen sind sehr groß. Wir brauchen vor allem verbindliche Regelungen, die von den Ländern der Erde gemeinsam getragen werden. Sonst bleiben viele Zusagen nur Schall und Rauch. Wichtige Staaten, allen voran die USA, aber auch Japan, Australien und Neuseeland, sitzen dabei noch nicht mit im Boot. Um so wichtiger ist es, dass die Länder, die jetzt verbindliche Regelungen wollen, diese auch erklären. Andere können dann hinzukommen. Inhaltlich hoffe ich vor allem auf verbindliche Aussagen zur Entwicklungspolitik. Das alte Versprechen, dass 0,7 Prozent des Bruttoinlandsproduktes dafür ausgegeben werden sollen, muss eingelöst werden. In Deutschland sollen es bis 2006 endlich 0,33 Prozent sein. Ein weiteres Thema sind die Krankheiten, vor allem Aids in Afrika. Außerdem muss es Fortschritte im freien Warenhandel geben. Wir dürfen etwa unsere Landwirtschaftsprodukte nicht mehr so subventionieren wie bisher, damit die Länder des Südens eine Chance haben, ihre Produkte zu exportieren. Auch in der Klimafrage brauchen wir verbindliche Regeln statt Absichtserklärungen. Wir, Europäer und Nordamerikaner, müssen einsehen: Die einzigen, die etwas abgeben oder reduzieren können, sind wir im Norden. Afrikaner oder Lateinamerikaner können das nicht. Eine Chance sehe ich im Technologietransfer: Wenn es in China, Afrika oder Lateinamerika einen hohen Energiebedarf gibt, dann müssten dort moderne und effiziente Hochtechnologieanlagen zur Energieerzeugung gebaut werden. Das können sich diese Länder aber finanziell nicht leisten. Der so genannte Optionshandel schafft hier eine Möglichkeit des Ausgleichs: Es gibt eine Regelung, wie groß der Kohlendioxid-Ausstoß eines Landes sein darf. Die Industriestaaten, die einen höheren Bedarf haben, können dann von den Ländern Anteile, die diese nicht benötigen, kaufen. Und dieses Geld kann dann in Hochtechnologie investiert werden.

Frage: Wenn sich aber Länder wie die USA quer stellen, fragt sich der kleine Mann natürlich, was er anderes tun kann, als zu resignieren ...

Clausen: Ich antworte hier einmal vom christlichen Standpunkt aus: Es hat einen Sinn, etwas zu tun. Am Ende werde ich als Einzelner vor meinem Schöpfer stehen. Und er wird mich fragen, was ich mit meinen Talenten getan habe. Und ich antworte: Ich habe sie verbuddelt, weil mein Bundeskanzler und mein Oberbürgermeister auch nichts gemacht haben. Was Jesus dazu gesagt hat, können wir in der Bibel lesen. Gerade als Christen sind wir gefragt. Wir wissen aus anderen Bereiche, dass viele Tropfen den Stein höhlen. Nehmen wir das Beispiel Treibhausgase oder Wasserverbrauch -wenn es viele sind, die etwas sparen, kommt am Ende doch eine ganz schöne Menge zusammen. Natürlich heißt das nicht, dass wir nun alle zurückmüssen in die Steinzeithöhle. Wir dürfen die Erde bebauen, aber verantwortungsvoll. Dafür gibt es viele Möglichkeiten. Manche davon tun vielleicht weh, weil sie Verzicht bedeuten. Aber Verzicht kann auch eine Befreiung sein und helfen, Neues zu entdecken.

Fragen: Matthias Holluba


CHANCEN FÜR DIE SCHÖPFUNG

Der TAG DES HERRN nimmt die Hochwasser-Katastrophe und den UN-Nachhaltigkeitsgipfel in Johannesburg zum Anlass, ein Jahr lang an dieser Stelle unter dem Titel "Chancen für die Schöpfung" konkrete Tipps für das Alltagsleben zu geben. Autor ist der Weltkirchen- und Umweltbeauftragte des Bistums Dresden-Meißen, Ulrich Clausen:

Vom Reden zum Handeln kommen, ist ein aktuelles Gebot. Dies gilt insbesondere für die zukunftsorientierten Fragestellungen hinsichtlich der Schöpfung und einer globalen Gerechtigkeit. Viele Analysen und Handlungskonzepte existieren schon. Die meisten davon richten sich an Staat und Gesellschaft und werden unterschiedlich umgesetzt. Zunehmend wächst aber auch die Einsicht, dass jeder Einzelne einen Anteil leisten kann und muss. Der alte Spruch: "Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr" ist heute so nicht mehr richtig. Wir wissen, dass das ganze Leben ein einziges Lernen ist. Ständig gilt es, etwas besser zu machen. Dabei sind es oft ganz einfache Dinge, die eine große Wirkung zeigen und dann zur Selbstverständlichkeit werden können. Deshalb ist es notwendig, sich zu informieren. Machen Sie sich die Mühe und achten Sie bei Ihrem Tun mehr auf ökologische Kriterien. Eine kurze Nachfrage bei der Umweltberatung des Umweltamtes in Ihrem Ort zeigt Ihnen mögliche Wege und gibt Ihnen Gewissheit. Ein Anruf genügt!

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 36 des 52. Jahrgangs (im Jahr 2002).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Freitag, 06.09.2002

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