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Aus der Region

Kontaktpflege auch in der Disco

Prälat Karl Jüsten ist eine Art "Lobbyist" für die Katholische Kirche

Berlin - Mit Moritz Hunzinger will der Prälat nichts zu tun haben. "Schwarze Schafe gibt es eben in jeder Branche", sagt der Leiter des Katholischen Büros in Berlin, Karl Jüsten, über den umstrittenen PR-Berater. Aber Lobby-Arbeit - auf dem politischen Parkett werben für die Ansichten und Ziele seiner "Firma", der katholischen Kirche - das ist auch sein Job. "Wenn man mich unbedingt Lobbyist nennen möchte, dann bin ich einer für Gott und die Menschen." Ein hohes Ziel, das in den Alltag von Gesetzesentwürfen, parlamentarischen Vorgängen und ministeriellen Verordnungen übersetzt werden muss.

Prälat Jüsten sieht sich dabei nicht als etwas Besseres an, sondern auf einer Stufe stehend mit den Kollegen vom Einzelhandelsverband, der Zigarettenindustrie oder anderen, die ihrerseits für ganz unterschiedliche Interessen kämpfen. Alle versuchen, auf politische Entscheidungen Einfluss zu gewinnen. Das sei keine unmoralische Angelegenheit, betont der Geistliche. Ganz im Gegenteil. "Das ist das Wesen der Demokratie, dass alle Einfluss nehmen dürfen, jeder Einzelne, oder auch eben bestimmte Gruppen, die ihre Meinungen vorbringen."

Und was macht Jüsten anders als Hunzinger? Der lebensfrohe Rheinländer lacht. Alles? Fast alles! Hunzinger mache Lobby-Arbeit zu einer Ware mit der er Handel treibe, erklärt Jüsten. Für den PR-Berater stünden nicht die Inhalte im Mittelpunkt, sondern das Geschäft. Und: Bei Hunzinger geht es edler zu. "Bei einem Parlamentarischen Abend in unserem Haus gibt es ein Glas Wein, ein Häppchen und einen Händedruck", so der 40-Jährige. Bei Hunzinger werde schon etwas mehr aufgetafelt. Doch im Kern dreht sich alles um Kontakte, um Gespräche, um Überzeugungsarbeit. Da unterscheiden sich alle Lobbyisten nicht so sehr voneinander. Aber einige Kollegen helfen doch mit Geld nach? "Das kann ich nicht belegen", sagt der kircheneigene "PR-Mann". Aber: "So etwas gibt es bei uns natürlich nicht." Das sei auch gar nicht nötig, so Jüsten. "Die Katholische Kirche ist in allen Ministerien und auch im Bundeskanzleramt ein willkommener Gesprächspartner." Jüsten muss sich nicht anbiedern. "Es rufen sogar Leute an, von denen ich es nicht erwartet hätte." Plötzlich tauchen ethische und existenzielle Probleme im politischen Alltag auf und einige besinnen sich auf die Kirche und erhoffen sich dort Rat. Dann ist er der Ansprechpartner. Seltener öffentlich mit großer Presse, viel öfter im vertrauten Gespräch tauschen sich auch Minister mit dem katholischen Priester aus. Ob BSE-Krise oder Bioethik - Politiker aller Parteien suchen still und leise Rat im Katholischen Büro.

Vor zwei Jahren kam Jüsten nach Berlin. Das Kommissariat der deutschen Bischöfe, wie die Einrichtung offiziell heißt, untersteht der Deutschen Bischofskonferenz und ihrem Vorsitzenden. Mit der Regierung zog auch das Büro mit den Mitarbeitern nach Berlin um. Jüstens Vorgänger, Prälat Paul Bocklet, hat es in Bonn 23 Jahre geleitet. Die Freundlichkeit, mit der er in Berlin auch in rot-grünen Kreisen empfangen wurde, habe ihn am meisten überrascht, sagt er. Doch Kontakte müssen gepflegt werden, Vertrauen muss langsam wachen. Und das spielt sich nicht nur in Büros und Sitzungsräumen ab. Mit Rezzo Schlauch von den Grünen hat der Prälat schon mal die Szene-Disco "90 Grad" besucht. Der Römerkragen bleibt dann im Schrank. Auch der Besuch von Festen und Empfängen gehört zu seinem Geschäft. "Viele sind überrascht, wenn sie mich erleben, weil sie sich den Vertreter der katholischen Kirche anders vorgestellt haben." Vorurteile durchbrechen -das kann er gut und das ist offenbar auch sein Anliegen. Die unermüdliche Liebe zu den Menschen sei das Kapital, das die Kirche dazu auf Lager habe, meint Jüsten.

In der Sache gibt es keine Kompromisse. Beispiel: Homo-Ehe. Mit allen wichtigen Grünen-Politikern hat Jüsten gesprochen, Vertreter des Lesben- und Schwulenverbands waren zu Gast im Katholischen Büro. Eine Einigung kann und muss es da nicht geben. Aber Respekt. "Die katholische Kirche genießt ein breites Ansehen, weil sie anders ist, auch gegen den Strom schwimmt", so Jüsten. "Das macht sie glaubwürdig." In der Stammzellendiskussion hat sie damit mehr erreicht, als viele vermutet hätten. "Wir wollen unser Menschenbild vermitteln", sagt Jüsten. "Und das ist nicht hinterwäldlerisch." Der Kompromiss, der bei der Frage der Embryonen-Forschung erreicht wurde, geht der Kirche zwar zu weit, doch Jüsten ist überzeugt, ohne die Lobby-Arbeit der Kirche wäre nicht eine Regelung verabschiedet worden, die zu den restriktivsten in Europa gehört.

Im Dialog erreicht die Kirche mehr als mit der Predigt von der Kanzel, so lässt sich Jüstens Überzeugung umschreiben. Dabei gehört auch die Politiker-Seelsorge zu seinen Aufgaben. In den Wochen, in denen der Bundestag zusammenkommt, lädt das Katholische Büro früh morgens um 7.30 Uhr zum Abgeordneten-Gottesdienst ein. Jüstens Gemeinde ist klein, wie im wirklichen Leben sind auch Politiker keine fleißigen Kirchgänger.

Volker Resing

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 32 des 52. Jahrgangs (im Jahr 2002).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 08.08.2002

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