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Bistum Magdeburg

Einheit der Kirche ist Überlebensfrage

Willi Verstege: Wir müssen anfangen, grundlegend anders von Gott zu reden

50 Jahre Verkündiger des Gotteswortes: Willi Verstege

Wie heute von Gott reden, damit die Menschen es verstehen? Wie als Kirche leben? Diese hochaktuellen Fragen treiben Pfarrer Willi Verstege seit Jahrzehnten um und haben ihn auch unkonventionelle Wege gehen lassen. Seit 50 Jahren Priester, blickt der gebürtige Westfale trotz manchen Ringens und Leidens mit und an der Kirche dankbar auf seinen Dienst in der Diaspora zurück, "dankbar, liebe Menschen um sich zu haben, große und kleine", dankbar, in dieser Region zu leben, weil sein Leben und seine persönliche Entwicklung sonst wohl ganz anders verlaufen wären.

"Als ich 1952 als junger Mann in das Kommissariat Magdeburg kam, hatte ich noch nie eine evangelische Kirche von innen gesehen oder mit einem evangelischen Pfarrer gesprochen", sagt Verstege. Hier fanden vielerorts die Gottesdienste in evangelischen Kirchen statt, so bei Antritt meiner ersten Stelle in Bismark. "Zudem kam ich, um den katholischen Flüchtlingen die Sakramente zu spenden, und sah mich plötzlich mit der Frage konfrontiert, wie ich im Umgang mit menschlicher Schuld von Gott sprechen dürfte und sollte": betont vom strafenden Gott reden oder mehr den Gott der Liebe und des Erbarmens vor Augen stellen? Das Konzil bedeutete für mich in dieser Hinsicht Befreiung von einem Gott, vor dem man in Angst leben musste. Warum er sich als ganz junger Theologe den Primizspruch "Betet Brüder, dass der Herr mir eine Tür öffne für die Verkündigung des Wortes und dass ich verkündige, wie ich soll" ausgesucht hatte, ist ihm bis heute unverständlich. "Erst im Laufe der Zeit wurde mir diese Aufgabe bewusst und wichtig: Wie kann ich anderen Menschen Türen zum Glauben öffnen?"

Ein Anliegen, das Willi Verstege etwa auch in den Jahren umtrieb, in denen er seit 1970 maßgeblich im Aktionskreis Halle (AKH) mitarbeitete, einem Kreis von Priestern, katholischen Laien und später auch evangelischen Christen, dem es um die "Humanisierung, Demokratisierung und Neuinterpretation des Glaubens" ging und geht. Eine der Fragen damals war, inwieweit sich die katholische Kirche in der DDR zu wichtigen gesellschaftlichen Fragen mehr zu Wort melden müsste. "Die Freundschaft mit Mitstreitern aus dem AKH hat mich über viele Jahre getragen und vor Resignation bewahrt", sagt Verstege. Den Vorwurf, der AKH wäre innerhalb der Kirche vom Staatssicherheitsdienst für dessen Zwecke instrumentalisiert worden, weist Verstege strikt zurück: "Ich habe auf 3000 Seiten Stasi- Akten nichts dazu gefunden, stattdessen ging es immer darum, uns zu zersetzen."

In der Wendezeit hat Pfarrer Verstege auch in der nahe gelegenen Kreisstadt Bernburg an vorderster Stelle gestanden, "weil ich Demokratisierung für eine ganz wesentliche Seite menschlichen Zusammenlebens halte". "Demokratie ist die am wenigsten schlechte Form an gesellschaftlicher Verfasstheit." Die gesellschaftliche und bedingt auch die kirchliche Zukunft hänge zu einem erheblichen Teil davon ab. Leider sei in der Gesellschaft derzeit wenig demokratischer Eros erkennbar.

Im Blick auf die angemessene Rede von Gott treibt den Seelsorger seit einigen Monaten ein Satz des Mainzer Bischofs und Kardinals Karl Lehmann (in dessen Buch "Es ist Zeit, an Gott zu denken") um: "Man sollte auch, was die Substanz der Glaubensverkündigung betrifft, die grundlegende Notwendigkeit, ganz anders mit der Gottesfrage umzugehen, in die Mitte stellen." Das hält auch der 77-jährige Verstege für äußerst dringlich: "Ein tiefer Grund dafür, dass viele Menschen nicht mehr glauben können, liegt darin, dass die Art und Weise von Gott zu reden nicht geglaubt werden kann", sagt der langjährige Seelsorger. So gebe es etwa eine Reihe von Liedern im Gotteslob, in denen viel von Sünde, Zorn, Sühne und Blut die Rede ist, was für viele Menschen heute unverständlich sei. Danach gefragt, worin das anders von Gott reden bestehen könnte, hat Verstege Bedenken, "Schlagworte" zu nennen. Damit sei es nicht getan. Schlichter wünscht sich der Geistliche nicht selten kirchliches Tun, verwundbarer. Der Aspekt des miteinander Umgehens sei ganz wichtig, nicht zuletzt zwischen den Konfessionen. Er sei im Blick auf diese Frage dankbar für manche Überlegungen, die er in der theologischen Literatur findet. Sonst aber fühle er sich bei der Suche nach einer Antwort auf diese brennende Frage nicht selten ziemlich allein gelassen.

Dass er in jungen Priesterjahren in Bismarck in der Altmark mit der Gemeinde Kirche und Pfarrhaus gebaut hat, hält er aus heutiger Sicht für eine "Jugendsünde". "Die schöne alte Wehr-kirche dort hätte auch für die Katholiken gereicht. Wir haben guten Glaubens, aber fälschlicher Weise die Spaltung im wörtlichen Sinne zementiert."

In Nienburg, wo er 1960 hinkam, setzte er sich dafür ein, dass evangelische und katholische Gemeinde unter schwierigen DDR-Bedingungen gemeinsam die alte Schlosskirche sanierten. "Die Kirche zur geistlichen Heimat der evangelischen und katholischen Christen zu machen, war mindestens genauso mühselig wie eine neue Kirche zu bauen. Wir haben in jahrelanger Sklavenarbeit das Gotteshaus restauriert. Da war es dann auch kein Problem, miteinander Gottesdienst zu feiern", erinnert sich Verstege.

Die Einheit der Kirche hält der Geistliche für fundamental für "den Bestand der Kirche und die Hoffnung auf Evangelisierung". "Vor allem in dem Bereich, in dem wir leben, im Land Luthers und besonders auf den Dörfern, ist das eine Frage auf Leben und Tod, wie immer wir die konkreten Strukturen gestalten mögen", sagt Verstege. Von einem Tag X, an dem per Verfügung von oben die Einheit hergestellt wird, hält er nichts. "Die Einheit ist ein mühseliger Prozess, den wir je nach Einsicht vor Ort voranbringen müssen. Dabei brauchen wir die Tugend der Toleranz, einander gelten zu lassen, eine Toleranz, die in der gesamten Gesellschaft nötig ist."

E. Pohl

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 24 des 52. Jahrgangs (im Jahr 2002).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Mittwoch, 12.06.2002

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