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Aus der Region

Hier versagen alle Erklärungen

Ansprache von Bischof Wanke

5000 Menschen nahmen am Samstag an einem Vesper-Gottesdienst teil, mit dem der Verstorbenen des Gutenberg-Gymnasiums gedacht wurde. Im Folgenden dokumentieren wir die Kurzansprache, die Bischof Joachim Wanke vor Beginn des Gottesdienstes gehalten hat:

Entsetzen, Ratlosigkeit und Trauer -das sind die vorherrschenden Emotionen, die die Nachricht von der schrecklichen Bluttat in unserer Stadt am gestrigen Tage in mir auslöste. Entsetzen darüber, dass ein junger Mensch zu einem solchen Verbrechen fähig ist; Ratlosigkeit darüber, wie diese Tat erklärt werden kann und Trauer über die Toten und Mitgefühl für die betroffenen Familien.

Jeden Samstag, gleichsam zur Eröffnung des Sonntags wird hier im Dom die Vesper gesungen -heute in einer größeren Gemeinde. Wir tragen unsere Gefühle und Empfindungen vor Gott. Wir gebrauchen dabei die uralten Psalmgebete, in denen das Volk Israel seine Freude und sein Leid, seinen Lobpreis aber auch seine Zweifel und Anklagen vor Gott ausbreitete. Es gibt keine vorschnellen Antworten auf solche Ereignisse wie gestern. Vielleicht gibt es im Tiefsten überhaupt keine Antworten. Vor dem Tod, zumal einem solchen Tod verstummen alle Worte, versagen alle Erklärungen.

Ich bete mit Ihnen zusammen für die Toten. Ich trauere mit den Angehörigen. Ich trauere mit meiner Stadt Erfurt, die von den Schüssen gestern mitgetroffen wurde. Als Bürger und Bischof dieser Stadt bin ich mit Erfurt solidarisch, nicht nur dann, wenn es dieser Stadt gut geht, sondern auch dann, wenn sie -wie jetzt -von einem furchtbaren Verbrechen in ihren Mauern betroffen ist.

Meine Hochachtung gilt allen, die jungen Menschen zum Guten, zur Menschlichkeit, zum Gottesglauben zu erziehen suchen. Allen Lehrern und Erziehern drücke ich meinen Respekt und meine Anerkennung aus. Mehr noch als es derzeit der Fall ist, muss Erziehungsarbeit in unserer Gesellschaft eine neue Hochschätzung erfahren.

Der Mensch ist mehr als das Produkt gesellschaftlicher Verhältnisse. Er kann sich zum Guten entscheiden, auch unter widrigen Verhältnissen. Der jugendliche Mörder von gestern wollte es nicht. Tausende andere junger Menschen aber tun dies. Das sollten wir auch in dieser dunklen Stunde nicht vergessen. Aber diese jungen Menschen brauchen dazu Ermutigung, Vorbilder. Sie brauchen Frauen und Männer, die Menschlichkeit, Erbarmen, Solidarität und Einsatzbereitschaft für andere im eigenen Leben hochhalten. Hier zeigt sich der Weg, auf dem es voranzuschreiten gilt.

Unsere Kirchen, ob evangelisch, katholisch oder freikirchlich, sind merkwürdigerweise bei solchen Ereignissen, wie wir sie gestern erleben mussten, von vielen Menschen gefragt. Vielleicht spricht sich darin das sonst im Alltag verschüttete Wissen aus, dass es inmitten des "falschen" Lebens "richtiges" Leben gibt, geschenktes, von Gott geschenktes Leben -auch für die Toten.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 18 des 52. Jahrgangs (im Jahr 2002).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 02.05.2002

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