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Anders Gläubige nicht abwerten

Pfarrer Michael Ulrich: Wir brauchen das Gespräch von Christentum, Judentum und Islam

Der Kontakt zu anderen Konfessionen und Religionen -besonders zum Judentum -ist Pfarrer Michael Ulrich wichtig. Viele Jahre war er, teilweise in verantwortlichen Positionen, in der Ökumene und in der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit tätig. Der TAG DES HERRN sprach mit dem im Bischof- Benno-Haus in Schmochtitz lebenden Oratorianer:

Frage: Herr Pfarrer Ulrich, in Dresden wurde im vergangenen Jahr eine neue Synagoge eingeweiht, in Chemnitz wird das im Mai der Fall sein. Wie haben sich die jüdischen Gemeinden in Sachsen seit der Wende verändert?

Ulrich: Die Zahl der Gemeindemitglieder ist in den vergangenen Jahren um ein Vielfaches gewachsen. Hatten die jüdischen Gemeinden in Sachsen zum Ende der DDR-Zeit etwa 100 Mitglieder, so sind es heute rund 1000. Das ist vor allem durch den Zuzug von Juden aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion geschehen. Weil darunter viele junge Leute sind, haben die Gemeinden auch einen wesentlich jüngeren Altersdurchschnitt.

Frage: Dieses starke Wachstum war für die jüdischen Gemeinden teilweise mit Problemen verbunden ...

Ulrich: Das ist richtig, aber die religiösen und gemeindeinternen Probleme sind nicht die einzigen. Genauso wichtig sind die menschlichen Probleme: Viele zugezogene Juden sind arbeitslos. Und sie beherrschen die deutschen Sprache nur ungenügend. Ihr deutsches Umfeld betrachtet sie als "Russen". Vor allem die Kinder bekommen das in der Schule zu spüren. In religiöser Hinsicht fehlt ihnen nicht nur das entsprechende Wissen. Viele haben auch gar keine persönliche Gottesbeziehung. Inzwischen gibt es aber die Hoffnung, dass in dieser Hinsicht vor allem bei den Kindern wieder etwas wächst.

Frage: Sie engagieren sich in der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit. Was ist Ihnen dabei wichtig?

Ulrich: Wichtig sind zunächst die Informationen über das Judentum, über seine Geschichte und wie es sich heute darstellt. Wir Christen brauchen das, um unseren eigenen Glauben verstehen zu können. Mit Blick auf den Nahen Osten wird uns dann übrigens deutlich, dass die gegenwärtige Situation nicht nur Israelis und Palästinenser betrifft, sondern dass es eine lange geschichtliche Tradition gibt, an der auch wir Christen unseren Anteil haben. Ein zweites wichtiges Anliegen ist die persönliche Begegnung zwischen Christen und Juden. Bei der Arbeit unserer Gesellschaft in Dresden haben wir dabei die Erfahrung gemacht, dass zu unseren Vorträgen nur wenige Juden kommen. Das liegt auch an den Sprachschwierigkeiten. Deshalb machen wir gelegentlich einmal eine Veranstaltung etwa zu jüdischen Volkstänzen, zu denen dann auch viele Zugezogene kommen, weil die Sprache dabei nicht so im Vordergrund steht.

Frage: Können Christen und Juden auch gemeinsam Gottesdienst feiern?

Ulrich: Das ist ein schwieriges Thema. Ein gemeinsamer jüdisch- christlicher Gottesdienst wird von jüdischer Seite kritisch gesehen. Einen richtigen Gottesdienst können nur Juden miteinander feiern. Darauf legen die jüdischen Gemeinden großen Wert. Und an einem christlichen Gottesdienst können sie zwar als Gäste teilnehmen, aber sie können ihn nicht mitfeiern. Zu bestimmten Anlässen, etwa bei Katholikentagen, gibt es aber jüdisch- christliche Gemeinschaftsfeiern.

Frage: Was bewegt Sie, wenn Sie in diesen Tagen in den Nahen Osten blicken?

Ulrich: Wir Christen sollten die Situation mit einem wachen Herzen begleiten und uns hüten, einseitig Partei zu ergreifen. Ich möchte es einmal mit einem Vater oder einer Mutter vergleichen, die zusehen müssten, wie ihre Kinder anfangen, sich tot zu schlagen. Vater und Mutter würden dann auch nicht die Partei eines Kindes ergreifen, sondern an beide appellieren und ihnen sagen: Ihr seid doch unsere gemeinsamen Kinder. Ihr müsst lernen, miteinander zu leben, auch wenn jeder seine Fehler hat.

Frage: In den gewalttätigen und kriegerischen Auseinandersetzungen der letzten Monate spielten häufig religiöse Momente eine Rolle. Was können die großen Religionen für den Frieden tun?

Ulrich: Zunächst haben alle Religionen im Verlauf ihrer Geschichte Phasen des Versagens gehabt. Auch im Christentum gab es Zeiten, in denen kriegerische Auseinandersetzungen mit Gott in Verbindung gebracht wurden, in denen Soldaten auf ihrem Koppelschloss "Mit Gott" stehen hatten und beim Sieg das "Großer Gott, wir loben dich" angestimmt wurde. Besonders gefährlich sind wahrscheinlich jene Zeiten, in denen Politik und Religion in sehr enger Beziehung stehen. Dann meint man schnell, mit militärischen Mitteln etwas für den Glauben ausrichten zu können. In der Öffentlichkeit herrscht heute der Eindruck als gebe es zurzeit im Islam eine derartige starke Verbindung. Hier spielen auch die Medien eine Rolle, wenn sie den Islam auf Fanatismus und Fundamentalismus verengen. Das ist nur die eine Seite. Es gibt auch große Strömungen, die ganz anders denken. Als Christen sollten wir uns auf alle Fälle hüten, anders Gläubige zu verachten. Wenn Christen Juden oder Muslime verachtet haben, hat es häufig auch Menschen gegeben, die gesagt haben: Also, schlagen wir sie doch tot! Über Nacht werden keine Wunder geschehen, aber: Wir brauchen das Gespräch zwischen Christentum, Judentum und Islam.

Fragen: Matthias Holluba

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 15 des 52. Jahrgangs (im Jahr 2002).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Freitag, 12.04.2002

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