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"Da fällst du erstmal in ein tiefes Loch"

Arbeitslosigkeit in Ostdeutschland

Kreuzweg der Arbeitslosigkeit: In Zwickau sind rund 17 300 Menschen ohne Job. Tendenz steigend. Die Kirche solidarisiert sich mit ihnen und sucht nach Lösungen. Die Arbeitslosigkeit ist in Ostdeutschland nach wie vor das drängendste Problem. Arbeitslos zu sein bedeutet: Ausgrenzung, Leere, Armut. In Zwickau gingen zum ersten Mal in den ostdeutschen Bistümern katholische Christen und viele Betroffene aus der Stadt den "Kreuzweg der Arbeitslosigkeit". Organisiert wurde das Ganze von der Pfarrjugend St. Johann Nepomuk.

Zwickau -Petra Küster grüßt freundlich und lächelt. Doch eigentlich ist ihr nicht danach zumute, denn nach fünfjähriger Tätigkeit in einem Jugendprojekt ist sie wieder arbeitslos. Ihre Stelle wurde gestrichen -kein Geld mehr, so heißt es. Petra Küster hat junge Menschen betreut, sich ihre Probleme angehört, mit ihnen die Freizeit gestaltet. Mit nahezu allen Jugendszenen, so erzählt sie, habe sie zu tun gehabt: Rechte, Linke, Punks, auch Anhänger des Satanismus. Jetzt steht nicht nur sie auf der Straße, auch für die Jugendlichen gibt es keine Perspektive. "Es ist mehr als ein Gefühl der Traurigkeit, auch Wut ist dabei. Man hat sich bemüht, gute Arbeit zu machen, und es ist trotzdem zu Ende", beschreibt sie ihre Situation. "Ich bin eigentlich kein depressiver Typ, aber da fällst du erstmal in ein tiefes Loch". Arbeitslos: Für viele bittere Realität, für die meisten ein Albtraum. In der Stadt Zwickau ist seit der Wende die Zahl der Arbeitslosen um das Doppelte gestiegen. Rund 17 300 Menschen sind in der Sachsenmetropole ohne Job -Tendenz steigend. Auch die Pleite der Holzmann- Gruppe geht an Zwickau nicht vorüber, 80 Arbeitnehmer sind davon betroffen "Dabei kann die Kirche nicht tatenlos zu sehen", sagt der Oblatenpater und Dekanantsjugendseelsorger von Zwickau Felix Bernard Rehbock und organisierte mit den Jugendlichen der Pfarrei St. Johann Nepomuk am 22. März einen Kreuzweg der Arbeitslosigkeit. "Das Kreuz als Symbol des Leidens, aber auch der Hoffnung", sagt Pater Felix. Solidarität mit den Menschen am Rand der Gesellschaft, mit den Ausgegrenzten, Vergessenen, ist eines seiner Grundanliegen: "Wenn wir sagen, wir sind Kirche, sagen wir auch, wir sind arbeitslos."

Das Kreuz als Symbol des Leidens und der Hoffnung

Es ist kühl und regnerisch an diesem Freitag abend. Dennoch haben sich etwa 250 Menschen auf dem Zwickauer Georgenplatz versammelt, um den Kreuzweg zu gehen. Unter ihnen der Oberbürgermeister der Stadt, Dietmar Vettermann (CDU), Vertreter des Arbeitsamtes, der Gewerkschaften, evangelische Christen, aber auch viele von der Arbeitslosigkeit Betroffene. Manch einer der Vorrübergehenden ist misstraurisch. "Was is'n das hier?", fragt jemand überrascht. Dann geht er den Weg doch ein Stück mit. Die Pfarrjugend von St. Johann Nepomuk trägt das weiße Kreuz voran. "Arbeitslose in Zwickau" steht in großen schwarzen Lettern auf dem Querbalken geschrieben. Auf dem Längsbalken sind sie alle verzeichnet: Die Zahlen der Erwerbslosen in Zwickau seit 1991.

Einer, der zu ihnen gehörte, ist Peter Plakinger. Der Tischler war in den letzten Jahren bereits mehrere Male ohne Beschäftigung. "Arbeitslos bin ich meistens in den Wintermonaten geworden", erzählt er. Das sei aber normal auf dem Bau. "Das erste Mal habe ich es noch locker genommen. Wir haben gerade unser Haus umgebaut, da kam mir das sogar entgegen", erzählt er. Beim zweiten Mal, sei er auch über den Sommer arbeitslos gewesen, weil seine Firma pleite ging. Plakinger: "Das war eine schwere Zeit, auch für die Familie. Wir müssen den Kredit abzahlen, den Kindern möchte man auch was bieten. Da kam es schon mal zu Spannungen". Er scheut sich nicht, auch die Behörden zu kritisieren: "Man denkt, mit 36 Jahren ist man noch nicht zu alt für einen neuen Job. Aber vom Arbeitsamt kamen kaum Angebote." In der Baubranche, weiß er, sei es besonders schwer, wieder Fuß zu fassen. Zudem nutzten viele Unternehmen die Situation der Arbeitslosen aus und bezahlen unter Tarif.

Der Kreuzweg führt die Menschen durch die Zwickauer Innenstadt. Lieder und Gebete begleiten den Zug, eine Gruppe von Trommlern durchbricht ab und zu das Schweigen der meisten Teilnehmer. Die Jugendlichen lesen Abschnitte aus den Passionstexten und berichten von den Schicksalen der Arbeitslosen. Von einer alleinstehenden Frau mit ihren kleinen Kindern ist ist da die Rede. Sie ist fremd in Zwickau, hat keine Möglichkeit, ihre Kleinen unterzubringen. So ist sie weiterhin auf Sozialhilfe angewiesen.

Zukunft bedeutet, mit den Arbeitslosen zu teilen

Der Schumannplatz. Die letzte Station des Kreuzweges. Die Zwickauer wissen, wie bedrückend das Problem der Arbeitslosigkeit in ihrer Stadt ist. Die meisten von ihnen haben gebetet: Für ihren Ehegatten, für die Kinder, für Verwandte, für Freunde -fast jeder, der hier ist, ist auf irgendeine Weise betroffen. Aber nicht für sie, sondern vor allem für die, die ihre Hoffnung aufgegeben haben. "Wir wissen nicht genau, wo wir das Problem anpacken müssen. Sonst hätten wir schon auf dem Hauptmarkt gestanden und hätten die Lösung verkündet", sagt der evangelische Pfarrer Helmut- Friedrich Lach. Die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit sei nicht nur eine gesellschaftliche Aufgabe, sondern für alle, die Arbeit haben. "Ich denke, dass wir nicht umhinkommen, danach zu fragen, ob wir bereit sind, diejenigen, die keine Arbeit haben, zu unterstützen." Beschäftigung sei weniger geworden, deshalb gelte es, in Zukunft Solidarität zu üben. Lach: "Solche Aktionen wie heute sollten uns zur Besinnung rufen, dass wir bereit sind, Arbeit zu teilen." Sorgen bereitet dem Geistlichen vor allem das Schicksal vieler junger Menschen, die die Stadt verlassen müssen, weil sie keinen Ausbildungsplatz gefunden haben. Ähnlich denkt auch der Oberbürgermeister von Zwickau, Dietmar Vettermann. Etwas für die Jugendlichen in der Stadt zu tun, sieht der Katholik als eine seiner dringendsten Aufgaben. Der "Kreuzweg der Arbeitslosigkeit" sei ein wichtiges Signal nicht nur der Kirchen, sondern auch der öffentlichen Einrichtungen gewesen. "Dieses Signal fordert die Politik und die Wirtschaft deutlich heraus. Es ist einfach nicht zu akzeptieren, dass jeder vierte Bürger in der Stadt ohne Beschäftigung ist", sagte der Oberbürgermeister. Die Menschen seien auch stellvertetend für jene da, die bereits resigniert haben.

Dass nicht nur die Politik und die Wirtschaft, sondern alle handeln müssen, zeigte eine Gruppe von jungen Männern, die sich nach dem Kreuzweg bei Pater Felix versammelt hat. Der 20-jährige Benny Wilczek arbeitet schon in Darmstadt und kommt jedes Wochenende nach Zwickau, weil er seine Freunde hier hat. Thomas Langnickel hat in seiner Heimatstadt KFZ-Mechaniker gelernt, will aber hier auf keinen Fall weg. Nach der Ausbildung musste ihn sein Betrieb entlassen. Und der Schüler Sebastian Treuptmann schickt die meisten seiner Bewerbungen gleich nach den Westen, weil er in der Region wenig Chancen sieht. Am besten hat es zurzeit Dirk Postler, der im nächsten Abitur machen will.

Petra Küster hat die Hoffnung nicht aufgegeben. "Ich will die Sache optmistisch sehen und hoffe, dass es eine Lösung gibt." Im letzten Jahr hat sie den Graffiti-Kunstverein "Kontraste" gegründet, der inzwischen 43 Mitglieder hat und sehr gut von den Jugendlichen angenommen wird. So hat sie weiter eine Aufgabe und kann in der Nähe der Jugendlichen sein. Für die guten Wünsche bedankt sie sich -und lächelt.

Andreas Schuppert

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 13 des 52. Jahrgangs (im Jahr 2002).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Freitag, 29.03.2002

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