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Aus der Region

Nicht sachgerecht!

Interview zur Zukunft der Theologie in Sachsen

Die Sächsische Hochschulentwicklungskommission (SHEK) hat eine Bündelung der theologischen Ausbildung im Freistaat am Standort Leipzig vorgeschlagen. Entsprechende Einrichtungen in Dresden an der Technischen Universität (TU) sollten aufgelöst werden. Betroffen wäre auch das Institut für Katholische Theologie. Fragen an Professor Albert Franz, Lehrstuhlinhaber für Systematische Theologie:

Prof. Franz
Herr Professor Franz, wie beurteilen Sie die Empfehlung der SHEK?
Sie ist ein alter Hut. Schon im ersten Bericht der SHEK gab es solche Vorschläge. Sie wurden von der Universität, von der Kirche und von uns als Betroffenen als nicht sachgerecht kritisiert. Während im jetzigen Bericht andere Schließungsempfehlungen zurückgenommen worden sind, hat sich in der Haltung der Kommission zum vermeintlich schwächsten Glied, der Theologie, nichts geändert.
Welche Gründe sprechen für den Erhalt des Dresdner Institutes?
Zunächst der Staatsvertrag zwischen Freistaat Sachsen und katholischer Kirche: Er sichert eindeutig die Ausbildung katholischer Theologen und Religionslehrer an der TU Dresden zu.
Zweitens: In Dresden ist inzwischen eine theologische Tradition gewachsen. Seit Gründung des Institutes Anfang der 90er Jahre haben wir uns im Kontext der Universität und der Stadt zu einem nicht unbedeutenden Faktor entwickelt. Wir haben Studenten aus fast allen Fachrichtungen der Universität. Uns erreichen zahlreiche Anfragen. Wir beteiligen uns an der Diskussion innerhalb der Universität und der Stadt. Es wäre ein Verlust, wenn das kaputt gemacht würde.
Drittens: In Leipzig gibt es eine theologische Tradition, die ausdrücklich evangelisch ist. Wir haben großen Respekt vor der dortigen traditionsreichen evangelischen Fakultät. Jetzt daneben eine katholische Minitradition aufzupfropfen - so eine Idee kann nur am grünen Tisch entstehen.
Aus welchen Gründen wurde das Institut seinerzeit in Dresden eingerichtet?
Ein wichtiger Gesichtspunkt ist Dresden als Bischofssitz. Katholisches Leben in Sachsen spielt sich zwar nicht nur in Dresden ab, aber es hat hier seinen Mittelpunkt.
In Dresden gibt es sehr wohl, wenn auch nicht mit katholischen Landen vergleichbar, eine katholische Tradition wissenschaftlich und kirchlich. Hier haben wir angeknüpft. Es gibt eine starke Prägung aus den 30er und 40er Jahren und durch die Studentengemeinde zu DDR-Zeiten. Schon damals hat es hier theologische Prägung der Studenten im Kontext der Universität gegeben. Die Schule des damaligen Studentenpfarrers Dr. Baum, die "Baumschule", ist bis heute ein prägender Begriff.
Besonders wichtig ist uns auch das in den letzten Jahrzehnten in dieser Stadt gewachsene ökumenische Bewusstsein. In Dresden ist in den 80er und 90er Jahren ein ökumenisches Miteinander entstanden, das jetzt - zumindest auf wissenschaftlicher Ebene - nicht mutwillig kaputt gemacht werden sollte. Als katholisches Institut haben wir deshalb größtes Inte-resse daran, dass das Institut für evangelische Theologie in Dresden erhalten bleibt. Auch unser Institut wäre nur noch ein Torso, würde man aus Kostengründen die evangelische Partnereinrichtung in Dresden abschaffen.
Ist die von der SHEK genannte zu geringe Auslastung der beiden theologischen Standorte Dresden und Leipzig nicht ein Grund für eine gewissen Konzentration?
Zunächst geht die Kommission von einer falschen Grundannahme aus, die eine gewisse Realitätsferne widerspiegelt. In ihrem Bericht heißt es: "Das Studium der katholischen und evangelischen Theologie ist in Sachsen an den Universitäten in Dresden und Leipzig möglich." Angesichts der Tatsache, dass es in Leipzig eben nicht möglich ist, katholische Theologie zu studieren, sind schon sehr gewundene Interpretationskünste nötig, um diesen Satz zu rechtfertigen.
Zur Auslastung: Wir sind bei weitem nicht das kleinste Institut an der TU. Die Kommission hat alle Studenten weggerechnet, die neben der Theologie auch ein anderes Fach studieren und kam so natürlich auf relativ kleine Zahlen, die aber nicht der Realität entsprechen. Zwei Beispiele: Ich habe im letzten Semester eine Vorlesung über Marxismus und Christentum gehalten mit permanent über 100 Hörern, bei weitem nicht nur Theologiestudenten. Zu interdisziplinären Vorlesungen, bei denen ich mitarbeite, kommen unter anderem künftige Ethiklehrer. Und am Semesterende nehme ich 50 bis 60 Prüfungen ab.
An unserem Institut laufen außerdem mehrere Forschungsprojekte. Was diesen Bereich betrifft, liegen wir mindestens im bundesweiten Durchschnitt vergleichbarer Institute. Es ist also mitnichten so, dass wir nicht ausgelastet wären. Wir haben uns in den letzten Jahren einiges erarbeitet, was von der Kommission nicht zur Kenntnis genommen wurde. Auch würden Studierende, beispielsweise aus der katholischen Lausitz, die wir jetzt haben, nicht nach Leipzig gehen. Sie würden schlicht ein anderes Fach studieren und wären so für Theologie und Religionsunterricht verloren.
Welche Wünsche haben Sie für die Situation der katholischen Theologie in der ostdeutschen Hochschullandschaft?
Ich wünsche mir, dass zumindest die jetzigen Standorte - die Fakultät in Erfurt, unser Institut in Dresden und dann darf man wohl das Seminar für katholische Theologie an der Freien Universität Berlin dazu rechnen - erhalten bleiben, und dass wir hier in Ruhe arbeiten können. Drei Standorte verglichen mit dem Westen ist das sowieso schon ein Minimalprogramm. In den alten Bundesländern gibt es an den meisten Universitäten ohne theologische Fakultät entsprechende Institute, wie wir es in Dresden haben. Schon das allein rechtfertigt unsere Existenz. Andernfalls gebe es im Umkreis von mehreren hundert Kilometern keine katholische Theologie mehr.

Fragen: Matthias Holluba

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 17 des 51. Jahrgangs (im Jahr 2001).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 26.04.2001

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