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So viele Möglichkeiten

Caritas-Gut Glüsig: Seit 10 Jahren finden hier Menschen neue Perspektiven

Kümmern sich um viele Projekte.. Gut Glüsig -Arbeitsangebote für Sozialhilfeempfänger, Beschäftigungsprojekte für schwer vermittelbare Langzeitarbeitslose und Trainingsmaßnahmen für straffällig gewordene Jugendliche -das sind nur drei der Projekte, mit denen auf Gut Glüsig nahe Haldensleben versucht wird, benachteiligten Menschen eine neue Perspektive aufzuzeigen. Seit vor zehn Jahren der Caritasverband des Bistums Magdeburg das ehemals volkseigene Gut übernommen hat, bildet der Zweckbetrieb Gut Glüsig den Rahmen für soziale Arbeit mit Menschen, die auf dem normalen Arbeitsmarkt keine Chance haben. Zur Hofanlage eines ehemaligen Zisterzienserinnen-Klosters gehören heute 125 Hektar Feldfläche für den Anbau von Gemüse und Futterpflanzen sowie Streuobsthänge. Beim Pflanzenanbau wird auf chemisch-synthetische Dünge- und Pflanzenbehandlungsmittel verzichtet und auch die Tierhaltung ist ökologisch orientiert, das heißt ohne den Einsatz von industriellen Kraftfuttermischungen, Masthilfsmitteln und prophylaktischen Gaben von Tierarzneimitteln. Und so gehört Gut Glüsig mit seiner ökologischen Bewirtschaftung zum Bioland-Verband. Außerdem ist die Einrichtung an der Landesinitiative "Pakte" des Landes Sachsen-Anhalt beteiligt und initiiert mit mehreren Kooperationspartnern einen Pakt für die Beschäftigung in der Landwirtschaft (siehe Kasten).

Michael Brüggemann ist Bereichsleiter für Bildung, Beschäftigung und Jugendhilfe beim Dekanatscaritasverband und kümmert sich auf Gut Glüsig um die Vernetzung der verschiedenen Kooperationspartner. Mit dem "Pakte"-Verbund soll die Beschäftigung in der Landwirtschaft verbessert werden und der Zugang für außenstehende Benachteiligte gefördert werden. Jeder Kooperationspartner versucht dies auf seine Weise. Auf Gut Glüsig soll neben dem sozial orientierten Erwerbsbetrieb und dem ökologisch wirtschaftlichen Zweckbetrieb ein Kompetenzzentrum mit Tagungs- und Schulungsräumen sowie einem gastronomischen Angebot entstehen.

Der Arbeitskräftebedarf ist bei ökologischer Erwirtschaftung fast doppelt so hoch wie in einem konventionellen Betrieb. Zwölf Angestellte gibt es im Moment. Drei Frauen zum Beispiel arbeiten durch Strukturanpassungsmaßnahmen im Bereich der Umwelt- und Landschaftspflege. Sozialhilfeempfänger können im Betrieb 100 Stunden im Monat über Mehraufwandsentschädigungen beschäftigt werden und kommen so nicht gänzlich aus dem Arbeitsprozess heraus.

Zum Zweckverband Gut Glüsig gehört auch die Gut Glüsig GmbH, eine Tochter des Caritasverbandes. Sie verarbeitet die Schlachtprodukte des Gutes, vermarktet die ökologischen Wurst- und Fleischwaren und kümmert sich um den Verkauf des selbst erzeugten Obstes und Gemüses. Elf Mitarbeiter und drei Lehrlinge gehören zum Betrieb, über die Hälfte von ihnen wurde durch das Arbeitsamt vermittelt.

Hartmut Seeger ist seit 1998 Geschäftsführer und weiß um die Gratwanderung zwischen Wirtschaftlichkeit und sozialem Engagement. Die GmbH ist ein sozialer Erwerbsbetrieb: Mindestens zehn Personen, vor allem älteren Langzeitarbeitslosen, soll ein Dauerarbeitsplatz gesichert werden und dafür gibt es Mittel von der Caritas, vom Arbeitsamt, vom Land Sachsen-Anhalt und der Europäischen Union.

Aber es ist schwierig, ökologisch angebautes Obst und Gemüse und Biofleisch an den Mann zu bringen. Seit der BSE-Krise sind die Grundpreise für Schweine und Rinder gestiegen. "Diese Mehrkosten sind jedoch nicht auf den Endverbraucher umzulegen", sagt Seeger. In knapp zwei Jahren werden die Fördermittel auslaufen und dann muss das Unternehmen vollkommen auf den eigenen wirtschaftlichen Beinen stehen. Aber in der GmbH arbeiten kaum junge, flexible Leute. Seeger muss einige seiner Angestellten jeden Tag aufs neue für die Arbeit motivieren: "Wir legen unterschiedliche Maßstäbe an: Wenn jemand einfach nicht mehr leisten kann, ist das in Ordnung. Aber wenn jemand nicht mehr arbeiten will, das ist schlecht."

Marcus Herzberg ist Sozialarbeiter, seit August letzten Jahres auf Gut Glüsig beschäftigt, und für die Koordination der Beschäftigungsprojekte und für alle sozialen Fragen zuständig. Er beantragt die Gelder für Arbeitsbeschaffungs- und Strukturanpassungsmaßnahmen, hilft Bewerbungen zu schreiben, schaut Stellenanzeigen durch und knüpft Kontakte zu Betrieben und Unternehmen, um die Angestellten wieder in den ersten Arbeitsmarkt zu integrieren. Auf Gut Glüsig gibt es Arbeitsmöglichkeiten für ganz verschiedene Leute aus allen Altersgruppen sowie Lehrstellenangebote. Auch zwei Plätze für das "Freiwillige Ökologische Jahr" und Praktikumsplätze in den Bereichen Landwirtschaft und Verwaltung stehen zur Verfügung. Jugendliche können hier gemeinnützige Arbeit absolvieren und Jeannette Magdeburg, eine Diplom-Sozialpädagogin, organisiert und betreut soziale Trainingskurse für straffällig gewordene Jugendliche im Ohrer Kreis.

"Hier steckt noch soviel Potential drin", betont Herzberg. Zum Beispiel haben nun seit Dezember letzten Jahres 15 Jugendliche auf Glüsig eine Jugend-ABM gefunden. Zusammen mit drei erwachsenen Anleitern, die länger arbeitslos waren, bauen sie ein kleines zum Gut gehörendes Haus zum Begegnungszentrum für Kinder und Jugendliche aus. Aber Herzberg möchte ihnen dann auch Perspektiven für die Zeit nach der ABM aufzeigen. So wird in diesem Monat ein Qualifizierungslehrgang starten, in dem Berufsfelder vorgestellt werden und ein Bewerbungstraining stattfindet. Und die Bewohner vom neu eröffneten Heim für seelisch behinderte Menschen in Groß-Ammensleben werden dem-nächst auf Gut Glüsig im Rahmen der Arbeits- und Beschäftigungstherapie arbeiten können. Für Herzberg bieten diese Vernetzungen die reelle Chance für eine Reintegration von Benachteiligten in die Gesellschaft.

Julia Kuttner

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 5 des 52. Jahrgangs (im Jahr 2002).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Freitag, 01.02.2002

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