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Bistum Magdeburg

Dammbruch mit Paragraph 218

Bischof Nowak diskutiert mit Wissenschaftlern ethische Fragen der Humangenetik

Magdeburg (ep) -Stammzellen aus menschlichen Embryonen zu gewinnen und in der Forschung einzusetzen ist nur eines der vielen strittigen Probleme der modernen Biomedizin. Das wurde bei einer Podiumsdiskussion zu aktuellen Fragen der Humangenetik und ihrer ethischen Bewertung deutlich, die am 23. Januar in Magdeburg stattfand. Denn "der Dammbruch im Zugriff auf das menschliche Leben ist bereits mit Paragraph 218 passiert", betonte der Humangenetiker Peter F. Wieacker vom Institut für Humangenetik an der Otto-von-Guericke-Universität in Magdeburg bei der Diskus-sion und verwies auf die Diskrepanz zwischen dem Embryonenschutzgesetz, wonach bereits mit der Zeugung menschliches Leben mit seiner unantastbaren Würde gegeben ist, und den straffreien Möglichkeiten der Abtreibung. Es sei auch schwer vermittelbar, dass die Präimplantationsdiagnostik (PID) (Untersuchung der befruchteten Eizelle im Reagenzglas vor der Einpflanzung in die Gebärmutter) verboten ist, während die vielfach praktizierte Pränataldiagnostik (Untersuchung des Embryos im Mutterleib) erlaubt ist. Bei entsprechender Diagnose (zum Beispiel Mongoloismus) ist bei letzterer im Extremfall eine Abtreibung eines bereits außerhalb des Mutterleibes lebensfähigen Embryos möglich. Es gebe Paare mit genetischer Risikokonstellation, so Professor Wieacker, die auf diesem Hintergrund "eine Schwangerschaft auf Probe eingehen". Die PID hingegen ermögliche es, genetische Defekte festzustellen. Einige daraus möglicherweise entstehende Krankheiten seien heute schon therapierbar.

Zu der Podiumsdiskussion, bei der unterschiedlichste Fragen der Biomedizin angerissen wurden, hatte die Magdeburger Gemeinde St. Petri auch Bischof Leo Nowak, den Philosophen Georg Lohmann, beide aus Magdeburg, und Professor Jürgen Kleinstein von der Klinik für Reproduktionsmedizin und Gynäkologische Endokrinologie in der Elbestadt eingeladen. Bischof Nowak äußerte Verständnis für die medizinische Forschung und damit verbundenen Hoffnungen auf neue Heilungsmöglichkeiten, erinnerte aber zugleich an die klare Haltung der Bischöfe hinsichtlich des Schutzes menschlichen Lebens vom Augenblick der Zeugung an. Insofern lehne die Kirche auch den Import von aus getöteten Embryonen gewonnenen Stammzellen ab.

200 Kinder werden jährlich in Magdeburg auf der Basis künstlicher Befruchtung im Reagenzglas (In-vitro-Fertilisation) und anschließender Einpflanzung in die Gebärmutter geboren. Darauf wies der Reproduktionsmediziner Jürgen Kleinstein hin und machte damit die positiven Seiten heutiger Biomedizin deutlich. Dabei halte man sich strikt an das Embryonenschutzgesetz.

Kleinstein kam aber auch auf Fragen der Stammzellenforschung zu sprechen. Dies sind Zellen, die sich in verschiedene Zellgewebsarten bis hin zu unterschiedlichen Organen entwickeln können und deshalb bei den Wissenschaftlern große Hoffnungen hinsichtlich der Heilung von Krankheiten wecken. Die Nutzung von Stammzellen Erwachsener bringe nach Aussagen der Fachleute zumindest für die Forschung zahlreiche Probleme mit sich, so dass zumindest für eine bestimmte Zeit Stammzellen von Embryonen gebraucht würden, so Kleinstein.

Damit sich die Bürger über derartig fundamentale Fragen ein Urteil bilden können, bedarf es nachvollziehbarer und von der Weltanschauung des Einzelnen unabhängiger Argumente. Diese Auffassung vertrat der Magdeburger Philosoph Georg Lohmann. Moralische und weltanschaulich-religiöse Begründungen seien dabei ungeeignet. Stattdessen helfe die Frage nach den Folgen, wie sie der Philosoph Jürgen Habermaas gestellt habe. Beispiel: Hätten bisher die Menschen ihre genetischen Anlagen als von der Natur oder von Gott gegeben akzeptiert, so könnten diese Anlagen für das Selbstverständnis des Menschen von morgen zum Problem werden etwa nach dem Motto: Meine Eltern hatten nicht genug Geld, mir bei meiner Zeugung im Reagenzglas mehr Intelligenz zu kaufen. Lohmann mit Habermaas: "Wir müssen uns fragen, ob wir das wollen."

Ein Zuhörer wies auf marktwirtschaftliche Aspekte der Biomedizin hin: In der Humangenetik stecke ein finanzielles Potential, dass das der Mikroelektronik in den Schatten stelle. Sollten genetische Eingriffe in das Erbmaterial in Deutschland verboten bleiben, würden sich "bald Christen wie Nichtchristen in anderen Ländern bedienen" und sich dort ihr Wunschkind im Reagenzglas zeugen lassen, so der Teilnehmer.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 5 des 52. Jahrgangs (im Jahr 2002).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Freitag, 01.02.2002

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