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Bistum Erfurt

Ursachen und Konsequenzen

Rechtextremismus

Erfurt (ep) - Erfahrung mit den eigenen Leistungsgrenzen und Anpassungsproblemen in der heutigen komplizierten Welt und daraus resultierende Verunsicherung, Angst und Vereinzelung können zum Ausgangspunkt für rechtsextremistische Orientierungen werden. Darauf hat der Leiter des katholischen Büros, Ordinariatsrat Winfried Weinrich, in einer Stellungnahme hingewiesen. Auf der Suche nach Orientierung in der sich immer komplexer und differenzierter gestaltenden Gesellschaft könne diese "in die Flucht in eine einfache, klare, überschaubare, aber verkürzende Weltdeutung führen", sagte Weinrich im Rahmen des öffentlichen Anhörungsverfahrens des Innenausschusses des Thüringer Landtages zum Thema "Bekämpfung von Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus in Thüringen" am 9. November in Erfurt.

Weinrich skizzierte ein ganzes Bündel von Ursachen für Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus, zumal es dabei nicht nur um den Jugendbereich gehe. Gründe "für die in den neuen Bundesländern stärker ausgeprägten rechtsextremistischen Einstellungen" sieht der Leiter des Kommissariates der Bischöfe in Thüringen auch in den "Nachwirkungen der DDR-Gesellschaft" und "in negativen Folgen der deutschen Wiedervereinigung". Die autoritär und kollektivistisch geprägte Bildung und Erziehung, phrasenhaft vorgetragener Antifaschismus, die Isolierung der ausländischen Vertragsarbeiter oder die bereits in der DDR entstandene gewaltbereite oppositionelle Jugendsubkultur hätten sich als Katalysatoren für die Herausbildung rechtsextremistischer Einstellungen erwiesen, die im Unterschied zu den alten Bundesländern in Ostdeutschland in der Lebenswirklichkeit Jugendlicher eingebettet seien.

Darüber hinaus sei "der gesellschaftliche Wandel auch mit enttäuschten, nicht eingelösten Erwartungen an die Gesellschaft, mit Verlust von Werten und sozialer Sicherheit, mit der Entwertung von Qualifikation und Lebensleistung und mit Arbeitslosigkeit verbunden. Faktoren, die in den Familien nicht ohne Wirkung auf die nachwachsende Generation geblieben sind" und bei der Suche nach Sündenböc-ken fremdenfeindliche Einstellungen wecken könnten.

Eine mögliche andere Ursache für extremistische Einstellungen sieht der Leiter des katholischen Büros in der "Verabsolutierung von Leistung, der Infragestellung des Solidarprinzips in der Gesellschaft sowie der Stigmatisierung der sozial Schwächeren (Asylanten, Behinderte) durch junge Leute aus einem gehobenen sozialen Milieu. Zudem seien "unter dem Zerfall gesellschaftlicher Konventionen die Schwellen der Gewaltanwendung gesunken, so dass Gewalt "zu einer alltäglichen Erfahrung geworden ist".

Als zentrale Aufgabe im Kampf gegen Rechtsextremismus und Fremdenhass sieht Ordinaritasrat Weinrich die kontinuierliche, nachhaltige und glaubwürdige Vermittlung von echten Werten an. "In der pädgogischen Arbeit wird es daher notwendig sein, dass Jugendliche auf Erwachsene treffen, die authentisch aus Werten heraus ihr Leben gestalten. Dabei brauchen junge Menschen die Möglichkeit, dauerhafte Beziehungen zu ihnen vertrauten Menschen aufbauen zu können. In besonderer Weise sei dies in der Familie machbar. Hier kann "gegenseitige Achtung, soziale Verantwortung und solidarisches Handeln eingeübt" werden, so Weinrich. Wer die Familie stärke, trage dazu bei, dass ein Fundament an gemeinsamen Überzeugungen und Werten weitergegeben werden kann. "Dabei geht es nicht nur um die finanzielle Förderung der Familien, sondern vor allem um die Schaffung eines familienfreundlichen Klimas in der Gesellschaft." Eltern, die für ihre Kinder Zeit haben und sich Zeit nehmen, können mit ihnen Probleme besprechen und auch gemeinsam lösen, so Weinrich. Verschiedenen Einrichtungen in Kirche und Gesellschaft leisteten in dieser Hinsicht einen wichtigen Unterstützungsdienst für die Familien und damit für die Gesellschaft. Aber auch die Schule müsse den Heranwachsenden über die sachbezogenen Lehrstoffe hinaus Lernerfahrungen ermöglichen, die sich "auf das Selbstwertgefühl und die Wertorientierung der Schüler positiv auswirken und nicht Vereinzelungs- und Ohnmachtserfahrungen sowie Handlungsunsicherheiten erzeugen oder gar verstärken". Damit Kinder und Jugendliche lernen, ohne Gewalt Konflikte zu lösen, selbstständig zu handeln und Verantwortung zu übernehmen, sollten ihre Mitsprache- und Beteiligungsrechte gefördert und geachtet werden.

Weinrich forderte, das für Thüringen "angedachte flächendeckende Programm zur Schulsozialarbeit an Regelschulen" endlich einzuführen. Alle Bereiche der Jugendarbeit, der Jugendsozial- und Jugendbildungsarbeit sollten so weit wie möglich ausgebaut werden.

Um dem Umsichgreifen extremistischer Einstellungen und Verhaltensweisen entgegenzuwirken, habe neben der Jugend- auch die Erwachsenenbildung eine wichtige Rolle. Bildungsarbeit müsse "den Raum für einen vorurteilsfreien, offenen und sachlichen Diskurs über das Verhältnis der unterschiedlichen Kulturen bieten", so Weinrich. Das schließe die kritische Reflexion etwa von Konzepten für eine multikulturelle Gesellschaft oder hinsichtlich einer Leitkultur in der Gesellschaft ein.

Die Parteien forderte der Leiter des katholischen Büros auf, die "sensiblen ausländerrechtlichen Probleme wie Einwanderung, Asyl, Migration und Integration offen und sachbezogen" zu behandeln "und nicht als Themen in Wahlkämpfen zu nutzen".

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 46 des 50. Jahrgangs (im Jahr 2000).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 12.11.2000

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