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Nicht nur Gefühle der Ruhe

Soziologe Hubert Knoblauch analysierte Nahtod-Erfahrungen

Dresden (tg) -Eine Frau, nach schwerer Vergiftung nur knapp mit dem Leben davongekommen, erinnert sich: Plötzlich sei sie empor geschwebt. Unten habe sie sich selbst im Bett liegen sehen, umringt von Ärzten und Schwestern. Dann sei sie durch den Schornstein entschwunden. Auf einer Wiese voller Blumen habe sie ihre tote Mutter getroffen. Die sagte ihr, es sei noch nicht Zeit. Darauf sei sie wieder umgekehrt. Eine andere Frau erzählt, der Sensenmann habe sie am Arm gefasst und mitgenommen. Ist es schon Zeit? fragte sie ihn. Ja, antwortete er. Ich will aber noch bleiben, entgegnete sie. Sie habe ihm einen Schubs versetzt und sei zurückgegangen.

Berichte von Menschen, die schon für tot galten und dann doch am Leben blieben. Der Züricher Soziologe Professor Hubert Knoblauch hat Nahtod-Erfahrungen wie diese analysiert und anschließend eine bundesweite Umfrage dazu geführt -mit überraschenden Ergebnissen. Unlängst stellte er sie in einer Veranstaltung des Kathedralforums in Dresden vor.

Nahtod-Erfahrungen wiesen immer wieder die gleichen Muster auf, so behaupten Wissenschaftler wie Elisabeth Kübler-Ross oder Raymond Moody. Die einen sehen damit den empirischen Beweis für die Existenz eines Jenseits erbracht, die anderen den für das Wirken immer derselben physiologischen Vorgänge, etwa die Ausschüttung von Endorphinen.

Von einer Universalität dieser Erfahrungen zu sprechen, hält Hubert Knoblauch indes für eine unhaltbare Behauptung. "Dazu brauchte man schon Material aus 500 Kulturen." Auch dass die Betroffenen stets Gefühle von Ruhe und Frieden spürten, bezweifelt er. Zu viele Berichte, die er auswertete, weichen in diesem Punkt vom Schema ab. Schon in historischen Aufzeichnungen tauche auch eine andere Seite auf: das höllische Element. "Da ist von bösen Dämonen die Rede, mit denen Sterbende zu kämpfen haben."

Ein differenzierteres Bild lieferte auch eine Umfrage, die Hubert Knoblauch unter rund 4000 Bundesbürgern führte. 4,3 Prozent von ihnen gaben an, Todesnähe-Erfahrungen gemacht zu haben. Fast ebenso viele Frauen wie Männer, Ost- wie Westdeutsche. Als frappierendster Unterschied stellte sich der zwischen Ost und West heraus. Während Alt-Bundesbürger häufiger von wunderbaren Gefühlen berichteten, dominierten bei den Ex-DDR-Bürgern die schrecklichen Gefühle. Vor einer kurzschlüssigen Erklärung des Phänomens indes hütet sich Hubert Knoblauch. Dass sich hierin die negative Bewertung des Religiösen in der DDR zeige, sei eine Hypothese. Die einzige Ursache will er darin nicht sehen. Kulturelle Einflüsse seien wirksam, "aber sehr verborgen, sehr mittelbar".

Fest stehe für ihn hingegen, dass das Thema Tod im Unterschied zu den 70er oder 80er Jahren heute kaum noch ein Tabu sei. Denn mehr als die Hälfte der Betroffenen erzählten, man glaube ihren Berichten. Ferner seien die Erfahrungsmotive, verglichen mit denen der historischen Vergangenheit, abstrakter geworden. "Heute ist von Motiven wie Licht und Tunnel die Rede. Im Mittelalter begegnete man konkreten Gemeinschaften."

Weitgehende Übereinstimmung herrsche bei den Betroffenen in einem Punkt: Nahtod-Erfahrungen haben für sie nichts mit Religion oder Kirche zu tun. Das korrespondiert für Hubert Knoblauch mit der Tatsache, dass sich vor allem Soziologen und Psychologen des Phänomens annehmen. "Für Theologen scheint es nicht wichtig zu sein; oft bagatellisieren sie es", konstatiert er. In seinen Augen ein Fehler. Denn sie spielten damit ein Thema zum Randphänomen herunter, das für viele Menschen von gravierender Bedeutung sei. "Hier bleibt religiöses Basiswissen außer Acht."

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 3 des 52. Jahrgangs (im Jahr 2002).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Freitag, 18.01.2002

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