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Aus der Region

Ja, ich bin zuversichtlich

Ein Gespräch über die Ökumene

Beate Stöckigt Pastorin Beate Stöckigt ist seit 1998 als Referentin der Evangelisch-Lutherischen Kirche Thüringens für die Ökumene zuständig. Der Tag des Herrn sprach mit ihr anlässlich der Weltgebetswoche für die Einheit der Christen (18. bis 25. Januar):

Frage: Im vergangenen Jahr ist Arnhild Ratsch, eine evangelische Christin aus Thüringen, zu Fuß nach Rom gepilgert (Tag des Herrn berichtete). Sie wollte damit ein Zeichen für die Einheit der Christen setzen. Sie selbst waren mit Frau Ratsch zu einer Generalaudienz bei Papst Johannes Paul II. Was hat Sie bei dieser Begegnung beeindruckt und wie steht es um den Dialog über das Papstamt, zu dem Johannes Paul II. selbst aufgerufen hat?

Stöckigt: Angerührt hat mich bei der Begegnung mit Papst Johannes Paul II., welche Ausstrahlung dieser von Alter und Krankheit gezeichnete Mann auf Menschen hat und wie er zum lebendigen Zeugnis dafür wird, dass Gottes Geist in den Schwachen mächtig ist in einer Welt, die Alter, Krankheit und Schwäche oft nicht wahrhaben will und verdrängt.

Mit seiner Einladung zum "brüderlichen, geduldigen Dialog" über den universalen Dienst an der Einheit hat er ein beachtliches ökumenisches Zeichen gesetzt. Wer die Einheit wirklich will, kommt an diesem Dialog nicht vorbei! Wir stehen hier noch ziemlich am Anfang. Mit den beiden Dogmen "Jurisdiktionsprimat" und "Unfehlbarkeit" liegen harte Brocken vor uns, denn beides ist für evangelische Christen so nicht akzeptabel. Trotzdem dürfen wir uns nicht entmutigen lassen. Die Unterzeichnung der "Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre" 1999 in Augsburg hat gezeigt, dass es Lösungen gibt, die vor 30 Jahren kaum einer für möglich gehalten hätte. Für Lutheraner ist ein universaler Dienst an der Einheit der Christenheit unter bestimmten Bedingungen durchaus vorstellbar. Darauf hat schon Philipp Melanchthon hingewiesen.

Frage: Eines der großen Themen -gerade mit Blick auf den Ökumenischen Kirchentag in Berlin -ist die eucharistische Gemeinschaft. Wie kann es zur Abendmahlsgemeinschaft zwischen den Kirchen kommen? Was halten Sie von eucharistischer Gastfreundschaft?

Stöckigt: Die Trennung am Tisch des Herrn ist die tiefste Wunde im Leib Christi. Diese Wunde schmerzt! Aber schmerzende Wunden heilen nicht, indem man sie einfach zuklebt. Sie brauchen die fachgerechte Behandlung in einem Heilungsprozess, der oftmals dem Patienten viel Geduld abverlangt. Hier sind wir Theologen gefordert, die offenen Fragen beim Kirchen- und Amtsverständnis, die eine Gemeinschaft am Tisch des Herrn noch verhindern, einer Klärung zuzuführen. Ich bin zuversichtlich, dass uns das auch gelingen wird. Aber das braucht seine Zeit.

Die eucharistische Gastfreundschaft, das heißt die Teilnahme an Eucharistie / Abendmahl der jeweils anderen Kirche unter bestimmten Bedingungen, die 1975 von den Lutheranern schon erklärt wurde, wünsche ich mir auch von der römisch-katholischen Kirche. Wenn man sie als "Vorgeschmack" auf künftige Eucharistiegemeinschaft versteht, dann wird dadurch meines Erachtens die uns gemeinsame Überzeugung, dass Eucharistiegemeinschaft und Kirchengemeinschaft zusammengehören, nicht aufgegeben.

Frage: Im Vergleich zur DDR-Zeit sei Ökumene schwieriger geworden, heißt es gelegentlich. Stimmt der Eindruck?

Stöckigt: Die Ökumene ist anders geworden -differenzierter. Zu DDR-Zeiten wussten wir, wenn wir als Kirche im öffentlichen Bereich etwas tun wollten, dass wir nur eine Chance hatten, wenn wir uns gemeinsam darum bemühten. Dieser gesellschaftliche Druck ist weggefallen. Dafür gibt es in unserer Gesellschaft neue Herausforderungen und Chancen für unsere Kirchen (beispielsweise ethische Fragen), die auch nach einem gemeinsamen Handeln verlangen. Wie alle Menschen nach der Wende mussten auch unsere Kirchen ihren Platz in der neuen Gesellschaft finden. Dieser "Findungsprozess" hat in beiden Kirchen Kräfte gebunden und sie zu sehr mit sich selbst beschäftigen lassen, so dass Ökumene oftmals nur "Kür" war (und ist) und nicht "Pflicht". Und wir haben auch gelernt, uns gegenseitig eindringlicher zu befragen über die Grundlagen unseres Glaubens. Das ist für mich ein Zeichen eines gewachsenen Vertrauens. Mit Menschen, denen ich vertraue, kann ich auch über intime Dinge sprechen und brauche "heiße Eisen" nicht zu verschweigen.

Frage: Was können Kirchen und Gemeinden gemeinsam tun?

Stöckigt: Keine Rezepte, aber eine Faustregel: Alles gemeinsam tun, was gemeinsam getan werden kann und nur dort getrennt handeln, wo es unbedingt nötig ist! Dazu möchte ich Pfarrgemeinderäte und Gemeindekirchenräte ermutigen! Sie werden staunen, wenn sie sich darauf einlassen!

Frage: Sind Sie zuversichtlich, dass die Einheit der Kirchen kommen wird?

Stöckigt: Wir sind gemeinsam auf dem Weg. Und dieser Weg ist -wie auch im Leben -nicht immer gerade und eben. Da gibt verschlungene Pfade, Holzwege, Irrwege, Abwege, Sackgassen und auch Stolpersteine (nicht nur aus Rom!). Wenn wir aber das Ziel im Blick behalten, konfessionelle Selbstgenügsamkeit hinter uns lassen und zur Buße und Erneuerung in unseren Kirchen bereit sind, dann werden wir auch ankommen! Ja, ich bin zuversichtlich!

Fragen: Matthias Holluba

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 3 des 52. Jahrgangs (im Jahr 2002).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Freitag, 18.01.2002

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