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Bistum Erfurt

Bibliothek des Neuzeller Priesterseminars jetzt in Legnica

Umzug

Neuzelle / Legnica (Liegnitz) - Verstaubt, zerfallen und in Vergessenheit geraten - "Die Bilbliothek wäre, wenn sie nicht gebraucht und gepflegt worden wäre, sehr schnell nicht mehr nutzbar geworden." Diese Diagnose - sie betrifft die Bibliothek des ehemaligen Priesterseminars Bernardinum in Neuzelle - stellt nicht nur Prälat Bernd Richter. Die Görlitzer Bistumsleitung suchte nach einem Platz, wo die etwa 30 000 vorwiegend theologischen und philosphischen Bücher besser aufgehoben sind als in den Räumen des Bernardinums, das 1993 wegen sinkender Studentenzahlen an das Erfurter Priesterseminar angeschlossen worden war. Anfangs blieb die Suche erfolglos.

Das Philosophisch-theologische Studium in Erfurt war selbst gut bestückt. Auch das Priesterseminar in Leitmeritz lehnte ab. Als nächstes wurde das Priesterseminar der polnischen Diözese Legnica (früher Liegnitz) angefragt. Diesmal mit Erfolg: Die Bücher passten gut in die gerade im Aufbau begriffene Bibliothek. Im April zogen sie schließlich um. Der Direktor der Bibliothek, Pfarrer Boguslaw Drozdz und der Rektor des Priesterseminars, Dr. Leopold Rzodkiewicz beteiligten sich daran. Mit acht Alumnen reisten sie nach Neuzelle. Zusammen bepackten sie einen 20 Tonnen schweren Lastwagen mit der umfangreichen Lektüre und den dazugehörigen Regalen, die das Bistum Görlitz ihnen ebenfalls schenkte.

Die haben nun in Legnica in einem der Bibliothekslager ihren Platz gefunden. Er ist im oberen Teil des Haustraktes, der auf mehreren Etagen Lese- und Katalogsaal, Magazine und die Bibliotheksverwaltung beherbergt. Jeder der Studenten, Lehrer und Wissenschaftler, die zum Leserkreis gehören, kann die Bücher ausborgen, sobald sie im Bibliotheks-Computer erfasst sind. Das soll im Herbst geschafft sein. Schließlich hat der Archivar Winfried Töpler in Neuzelle gute Vorarbeit geleistet, wie Boguslaw Drozdz erklärt: "Die Bücher sind sehr gut katalogisiert und in einem Verfasserkatalog geordnet." Tatsächlich hat man sich in Neuzelle viel Mühe gemacht, damit die Bücher in Legnica schnell gelesen werden können: Nach Rubriken geordnet waren sie bereits in Kartons sortiert, als der Lkw in Neuzelle vor der Tür stand. Jedes Buch war noch nummeriert, einzeln aufgelistet und dem Karton zugeordnet.

Drei Mitarbeiter hat Drozdz, die nur für die Bibliotheksverwaltung zuständig sind. Sie werden die Neuzeller Literatur elektronisch katalogisieren. "Manche Studenten warten schon darauf, dass sie die Bücher ausleihen können", erklärt Drozdz, der im Seminar Pastoraltheologie lehrt. Schließlich seien sie inhaltlich sehr interessant. Das bestätigt auch Rektor Rzodkiewicz. Gerade die Bücher zur Patrologie - seinem Fach - hat er sich genauer angesehen. Einige davon seien nicht nur ausgesprochen gut, sondern auch in anderen Seminaren der Umgebung nicht zu finden. Zudem hätten auch andere Professoren schon zwischen den vielen Regalreihen gestöbert und anschließend das Sortiment gelobt.

"Allein" müssen sich die Bücher in deutscher Sprache in dem mehr als 500 Quadratmeter umfassenden Büchertrakt nicht fühlen. Es gibt noch weitere deutsche Literatur, zum Teil aus Pfarreien der schlesischen Diözese. Stolz zeigt Drozdz die langen Regalreihen in einem der anderen Räume. Über den "Zuwachs" freut er sich am meisten, denn "die Bibliothek ist mein Kind", erklärt er, während er durch nahezu jeden Raum führt. Allein 511 feste Nutzer habe die gesamte Bibliothek allein in diesem Jahr. Einige kämen auch von außerhalb, zum Beispiel aus Breslau oder Lubin. Die Leserzahl sei hoch, wenn man bedenkt, dass sie nicht öffentlich ist. - Nur Studenten, Lehrer und Wissenschaftler dürfen hier lesen beziehungsweise ausleihen. Mit ihren 85 000, vor allem theologischen, philosphischen und humanwissenschaftlichen Büchern ist sie momentan die zweitgrößte der Stadt. Innerhalb der nächsten Jahre soll sie nach den Vorstellungen von Boguslaw Drozdz mehr als verdoppelt und zu einem wichtigen wissenschaftlichen Zentrum für Legnica und die ganze Region werden. Aus dem gesamten im Computer erfassten Buchbestand können übrigens auch andere katholische Bibliotheken in Polen über ein innerkirchliches Netzwerk Titel abrufen und ausleihen.

Drozdz zweifelt nicht, dass sich in Polen Leser für die Bücher deutscher Sprache finden werden. Das sieht auch Prälat Richter aus Görlitz zuversichtlich. Schließlich lege der Bischof der acht Jahre jungen Diözese Legnica, Tadeusz Rybak viel Wert darauf, dass Priester seines Bistums deutsch sprechen können. Für Richter haben die verschenkten Bücher neben der Zweckmäßigkeit auch eine Brückenfunktion. "Sie sind ein Zeichen, dass wir Verbundenheit suchen und pflegen.

Das kommt auch an anderer Stelle gelegentlich zum Ausdruck. Etwa bei den Begegnungen zwischen Katholiken aus Görlitz und Zgorcelec. Erst kürzlich war Prälat Peter Canisius Birkner zum Ehrendomherrn der Kathedrale von Legnica ernannt worden.

Juliane Schmidt

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 29 des 50. Jahrgangs (im Jahr 2000).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 16.07.2000

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