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Barocker Kult um totes Gebein

Sommerserie 2000/1

Der heilige VitalianOft überkommt einen beim Betrachten von Kirchen und den zahlreichen, dort beheimateten Kunstwerken die Frage nach all den Menschen, die sie einst geschaffen hatten. Groß ist die Zahl der Namenlosen, andere wiederum sind bis heute bekannt, werden jedoch ebenso wenig beachtet. Mit Adalbert Eder - einst Laienbruder im Zisterzienserkloster Waldsassen - ist dies anders. Ihm ist derzeit eine Ausstellung im Stiftlandmuseum Waldsassen (Freistaat Bayern) gewidmet. Gezeigt werden viele seiner baroc- ken Klosterarbeiten. Dem Frömmigkeitsgefühl der damaligen Zeit entsprechend sind dies in der Hauptsache Reliquienschreine, Bildtafeln oder Kastenbilder. So beispielsweise eines aus der Kappelkirche bei Waldsassen, die übrigens ebenfalls einen Besuch lohnt. Dargestellt wird in einem volkstümlichen Relief die Himmelfahrt, beziehungsweise die Krönung Mariens. Adalbert Eder gab der Darstellung den würdigen barocken Rahmen. Ebenso den Heiligen Leibern in der Klosterkirche.

Als gegen Ende des 16. Jahrhunderts in Rom die bis heute bekannten Katakomben mit den sterblichen Resten der ersten römischen Christen wieder entdeckt wurden, setzte in aller Welt ein regelrechter Reliquienboom ein. Selbst kleinste Knochen wurden gehandelt. Wer es sich aber leisten konnte, der kaufte schon die ganze Frau oder den ganzen Mann. Und Waldsassen konnte es sich leisten. In der Basilka sind bis heute ganze Märtyrer zu sehen, ob sie es im Leben wirklich waren ist heute im Einzelfall nicht zu klären. Hilfreich ist dabei sicher das Wort von Antoine de Saint-Exupery: Man sieht nur mit dem Herzen gut. Und in den Herzen vieler gläubiger Menschen haben die römischen Christen der frühen Kirche ihren Platz behalten.

Der heutige Waldsassener Pfarrer Michael Fuchs; sieht es so: "Viele Besucher, die das erste Mal in unsere Basilika kommen und die Ganzkörperreliquien erblicken, fragen: ,Sind die echt?' Ein bizarres Unbehagen kann aufkommen beim Anblick von Totenschädeln und anderen Knochen. So empfinden es einige als Zumutung, in einer Kirche ,statt Gott zu begegnen, auf Totenschädel zu blicken'. Manch andere Kirchen mit Heiligen Leibern haben dann auch spätestens mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil ,das Unzumutbare' auf die Speicher geräumt, halten mit den Fastenzeitdeckeln das Ärgernis jetzt ganzjährig unter Verschluss oder verhüllen mit einem Tuch, was aufwühlen könnte." Weiter schreibt Pfarrer Michael Fuchs im Vorwort zur Ausstellungsbroschüre: "An die Größe der Blutzeugen erinnerten sich die Mitchristen des 18. Jahrhunderts in besonderem Maß und sie ließen sich neu entzünden vom Eifer der frühen Kirche. Nur so ist der regelrechte Aufschwung der Reliquienverehrung in der Barockzeit letztlich verstehbar. Auch wenn manche Missstände in der Reliquienverehrung nie verschwanden - dies ist wohl der Kern unserer Ausstellung: Christen gehen für ihren Glauben in den Tod, weil Gott das Leben ist. Das erschreckt und begeistert zugleich. Und das wird an den Heiligen Leibern gleichsam konkret fassbar und war Triebfeder für den Waldsassener Mönch Adalbert."

In Tirschenreuth erblickte Adalbert Eder im Jahr 1707 das Licht der Welt. 1732 kam er als Laienbruder ins Zisterzienserkloster Waldsassen, wo er im darauf folgenden Jahr die Ordensprofess ablegte. Eine Kurzbiografie gibt Auskunft, dass sich Eder als ein "großer Künstler in Gold-, Silber- und Filigranarbeiten" bewährte - und in diesem weiten Aufgabenfeld war er ein Autodidakt, "denn er hat seine Kunst von Niemanden gelernt, sondern sich selber angeeignet". Frater Eder starb am 26. März 1777 und wurde in der Gruft der Basilika beigesetzt. Seine Kunst wird durch eine zeitgenössische Stimme am besten gewürdigt. Pater Stephan Schenk aus dem böhmischen Kloster Osseg - übrigens eine Tochtergründung von Wald-sassen - besuchte 1755 die Basilika und schrieb: "Die Kirche ist ein großartiger Bau und zählt nicht nur zu den schöns-ten, sondern auch zu den größten und geräumigsten. In derselben befinden sich sehr viele Reliquien, denn jeder Altar birgt einen heiligen Leib, aufs kostbarste von einem Laienbruder des Klosters gefasst, der sich auf seine Kunst verstand." Wie die barocke Pracht und Frömmigkeit auf den heutigen Betrachter wirkt, muss jeder Besucher für sich selbst ausmachen. Eine Auseinandersetzung mit diesem Thema lohnt jedoch immer. Die Ausstellung "Adalbert Eder - Barocke Klosterarbeiten" ist bis zum 7. Januar 2001 im Stiftlandmuseum Waldsassen zu sehen. Sie unterteilt sich in zwei Bereiche: In der Basilka die Heiligen Leiber und im Museum seine Arbeiten.

In Waldsassen ließen sich 1133 die ersten Zisterzienser nieder, 1571 wurde im Zuge der Reformation das Kloster aufgehoben. Erst 90 Jahre später kamen Mönche aus dem oberbayerischen Klos-ter Fürstenfeld zurück in das alte Klos-ter, das im 18. Jahrhundert seinen Gipfelpunkt erlebte. 1803 wurde Waldsassen im Zuge der Säkularisation erneut aufgehoben. Heute beheimatet das Klos-ter kirchlicherseits die Stadtpfarrei und eine Gemeinschaft von Zisterzienserinnen.

jak

Die Basilika ist täglich geöffnet, Führungen sind bei Voranmeldung unter (0 96 32) 13 87 möglich. Das Stiftlandmuseum hat täglich von 10 bis 12 Uhr und von 13.30 bis 16 Uhr geöffnet. Anmeldung für Gruppen unter (0 96 32) 8 80

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 28 des 50. Jahrgangs (im Jahr 2000).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 09.07.2000

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