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Aus der Region

Kein Heiligabend ohne Mohnklöße

Prälat Birkner erinnert sich an Weihnachten in seiner schlesischen Heimat

Holzkrippe von Erich Jäckel

Görlitz (kh) -Ein Heiliger Abend ohne Mohnklöße sei für viele ihrer schlesischen Landsleute gar kein richtiger Heiligabend, meint Ella Beiler, die Haushälterin von Prälat Peter C. Birkner. Die beiden Schlesier -Birkner stammt aus Neisse (Nysa), Beiler aus dem Dorf Gorkau (Górka) -erinnern sich aber auch an so manches andere, was in ihrer Heimat zu Weihnachten einfach dazugehörte, sei es kulinarischer, musikalischer oder handwerklicher Art.

In die letztgenannte Kategorie fallen die Ausschneidebögen für Papierkrippen, die Birkner als Junge zusammen mit seinen Geschwistern bastelte. Die einzelnen Figuren wurden auf Pappe oder Sperrholz aufgeklebt und standen am Heiligen Abend dann ebenso unter dem Christbaum wie die hölzerne Familienkrippe. Die hatte übrigens der Glogauer Schnitzer Erich Jäckel gefertigt, ein Freund von Birkners Vater, der auch die Heilige Familie schuf, die noch heute jedes Jahr in der Jauernicker Kirche aufgestellt wird (Foto).

Bevor aber die festlich geschmückte Stube im Hause Birkner aufgeschlossen wurde, gab es in der Wohnküche das für den 24. Dezember typische Abendbrot mit der so genannten Heiligabend-Tunke. Sie bestand aus pasiertem Gemüse mit eingebrockten Pfefferkuchenstückchen, aufgegossen mit Malzbier oder Brühe. Bei diesem Abendessen wurde reichlich aufgetischt. Auch ein unerwarteter Gast, hieß es, solle noch satt werden. Tagsüber galt der 24. Dezember hingegen als Fasttag. Entsprechend karg fiel das Mittagessen aus: "Mittags gab es einen Salzhering, wenn es viel gab", sagt Ella Beiler. Bei Birkners waren Semmeln mit Sardellenpaste und Kakao üblich.

War dann das Abendessen beendet und das Geschirr gespült -"es musste alles tipptopp in Ordnung sein", erinnert sich Birkner -versammelte sich die Familie vor dem Christbaum, hörte das Weihnachtsevangelium, betete und sang Lieder wie "Oh Freude über Freude", "Schlaf wohl, du Himmelsknabe, du" oder "Der Heiland ist geboren".

Birkner und seine vier Geschwister schauten dabei mit sehnsüchtigen Blicken auf die bereit gelegten Geschenke: "Wir schielten natürlich immer schon, wem was gehören könnte." Für die Kinder standen außerdem die so genannten "bunten Teller" unter dem Baum. Das waren Pappteller, gefüllt mit Nüssen, Mürbeplätzchen, Neisser Pfefferkuchen, Äpfeln, Apfelsinen und eventuell sogar ein wenig Schokolade.

Den feierlichen Abschluss des Heiligen Abends bildete dann die Christmette: "Das war ein Ereignis, wenn man da mit dabei sein konnte", sagt Prälat Birkner im Nachhinein, "auch wenn man vielleicht eingeschlafen ist." Bis heute gehört für ihn die Christkindlmesse von Ignaz Reimann zu Weihnachten. Schon als Ministrant hat er sie früher am Altar mitgesungen. Die Christmette besuchten übrigens -ebenso wie die Maiandachten -auch evangelische Christen. Birkner erklärt das mit der schlesischen Mentalität: Wenn es etwas fürs Gemüt gab, seien eben auch die Protestanten gern gekommen.

Der erste Weihnachtsfeiertag begann wiederum mit einem Hochamt. Nachmittags fand dann die Krippenandacht statt, an die sich das -vor allem in den Städten übliche -Krippenwandern anschloss. Die Familien gingen dazu in verschiedene Kirchen, um sich die dort aufgestellten Krippen anzusehen. Besonders lebhaft ist Prälat Birkner die Darstellung in der Neisser Franziskanerkirche im Gedächtnis geblieben: "Da gab es Elefanten und Kamele und exotische Tiere aller Art." Die bis zu 1,20 Meter hohen Figuren nahmen den ganzen Altarraum ein, so dass der Altartisch nach vorne verlegt werden musste. Auch "lebende Krippen" gab es in den schlesischen Kirchen, wenn die Kinder dort bis in den Januar hinein ihre Krippenspiele aufführten, die sie den Advent über einstudiert hatten.

Ansonsten war die Zeit nach Weihnachten vom Volksglauben geprägt. So durfte Birkner zufolge keine Wäsche gewaschen werden, bis die "zwölf finstren Nächte" vorüber waren. Und das Wetter, das tagsüber herrschte, sollte Schlüsse auf die Witterung in den folgenden zwölf Monaten zulassen.

Ab dem Dreikönigsfest war dann wieder ein religiöser Brauch verbreitet: die Kolende. Dazu zogen der Pfarrer und der Küster zusammen mit Ministranten von Haus zu Haus, um die Wohnungen zu segnen. Das Schöne für die Kinder daran war: Sie bekamen an diesen Nachmittagen aufgabenfrei.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 51 des 51. Jahrgangs (im Jahr 2001).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 20.12.2001

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