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Aus der Region

Geister im Dienst für eigene Zwecke

Okkultismus

Späte Stunde, ein dunkler Raum, sich bewegende Gläser oder ein Tischchen auf Rädern, das sich auf geheimnisvolle Weise über ein Blatt Papier bewegt und Botschaften aus dem Jenseits aufzeichnet - das Unerklärliche ist es, was besonders junge Leute an okkulten Praktiken wie etwa spiritistischen Sitzungen fasziniert. Nahezu jeder Jugendliche hat über Spiritismus zumindest schon mal etwas gehört. Rund ein Drittel praktiziert ihn auch. Das hatte eine Umfrage in Nordrhein-Westfalen ergeben. Genauere Erhebungen für Sachsen gibt es nicht. Doch Pfarrer Gerald Kluge, Sektenbeauftragter des Bistums Dresden-Meißen, schätzt aufgrund langjähriger Erfahrungen, dass es hier ähnlich aussieht. 80 Prozent der Praktizierenden versuchen es nur einmal, so Kluge. Zwei Drittel davon verarbeiten das problemlos, in den Köpfen von einem Drittel jedoch setzen sich diffuse Ängste fest. "Und die können sehr massiv werden."

Spiritismus: Kluge erzählt von einem 18-Jährigen, der in seine Beratungsstelle kam, weil er nach seiner Erfahrung mit spiritistischen Praktiken nicht mehr allein schlafen konnte. "Je häufiger es praktiziert wird, desto größer ist die Gefahr, dass es in Verbindung mit psychischen Problemen zur seelischen Belastung wird", sagt der Sektenbeauftragte. Hauptmotiv für den ersten Kontakt mit Spiritismus ist Neugier. Bei Jugendlichen, die sich im Stadium ständigen Experimentierens befinden, nicht weiter verwunderlich. Suche nach Orientierung nennt Kluge denn auch als weiteres auslösendes Motiv.

Für Kluge ist der Spiritismus nur eine von vielen Erscheinungsformen des Okkultismus. Vom lateinischen "occultum" abgeleitet, was so viel wie "das Verborgene" bedeutet, bezeichnet der Begriff allgemein jene Lehren, die nicht zu erklärende Tatsachen der Natur und des Seelenlebens annehmen, die durch unbekannte Kräfte auf uns wirken. Von der Religion, so Kluge, unterscheide diese Lehren vor allem eines: "Der Versuch, jenseitige Kräfte unmittelbar für eigene Zwecke einzuspannen."

Magie: Am deutlichsten wird das bei der Magie. Kluge: "Die magische Grundhaltung ist die: Wenn ich eine bestimmte Handlung ausführe, dann tritt genau die erwünschte Wirkung ein." Die natürliche Magie kommt dabei ohne Geister aus. So etwas wie die Edelsteintherapie zählt für den Sektenbeauftragten schon mit dazu. Entscheidend sei, dass sich die Wirkung nicht nachweisen lasse. Allerdings räumt Kluge ein: "Es gibt hier durchaus auch Verfahren, die anerkannt sind." In einigen Fällen könne natürliche Magie sogar helfen. "Und sei es durch den Placebo-Effekt." Der feste Glaube also an ein Medikament ohne pharmakologisch wirksame Stoffe, der gleichwohl eine Wirkung zeitigen kann. Im ungünstigen Fall werde Betroffenen von zweifelhaften Anbietern eine Menge Geld aus der Tasche gezogen, ohne dass ihnen wirklich geholfen wird. Gefährlich jedoch könne es werden, wenn ein Kranker eine dringend nötige Behandlung durch den Arzt unterlässt und sich statt dessen einem dubiosen Wunderheiler anvertraut.

Mit der so genannten Weißen Magie soll jemandem, der als magisch verfolgt gilt, durch einen Gegenzauber geholfen werden. Dazu gehörten im christlichen Bereich auch bestimmte extreme Formen der Teufelsaustreibung. Kluge: "Wenn Leuten damit bestätigt wird, sie seien dämonisch belastet, kann das schwere psychische Folgen haben." Die Schwarze Magie hingegen verfolgt das Ziel, anderen durch die Mobilisierung von Geistern zu schaden. Aus der Literatur oder Filmen sind jene Wachspüppchen bekannt, die mit Nadeln durchbohrt werden. Für bedenklich hält Kluge das eher aus moralischer Sicht, weil es die Absicht legitimiere, jemandem Schaden zuzufügen.

Wahrsagen: Eine relativ harmlose Form des Okkultismus sieht Kluge im Wahrsagen. Dazu, so betont er, zählten für ihn die nicht anerkannten Deuter und Berater, die aus der Hand lesen, die Zukunft aus den Sternen, der Kristall-Kugel oder aus Tarot-Karten voraussagen. Immerhin, es gebe Leute, die das verantwortungsvoll praktizieren. "Die können schon die Probleme eines Menschen erahnen und manchen guten Ratschlag erteilen." Bedenklich werde es aber, wenn Verhaltensmaßregeln wie etwa, eine Beziehung abzubrechen oder ein bestimmtes Geschäft einzugehen, das Leben eines Menschen einengen. Oder gar, wenn ein vorausgesagtes Unglück sich aus psychischen Gründen quasi von selbst erfülle.

Satanismus: Weit weniger harmlos sieht es beim Satanismus aus. Hier gibt es schon Fälle, mit denen sich die Polizei beschäftigen muss. Allerdings regis-trieren die Ordnungshüter beispielsweise das Beschmieren von Grabsteinen oder Kirchen mit satanistischen Symbolen als Sachbeschädigung wie jede andere auch. Das bedeutet: Die Polizei in Sachsen führt keine gesonderte Statistik über Straftaten mit satanistischem Hintergrund. Mit vorschnellen Deutungen hält sie sich zurück. Der Dresdner Polizeisprecher Marko Laske: "Sachbeschädigungen mit direkten Hinweisen auf Satanismus haben wir in letzter Zeit nicht registriert." Der sächsische Verfassungsschutz, so ein Sprecher, befasse sich damit nur, wenn es außerdem Hinweise auf einen rechtsextremistischen Hintergrund gebe.

Gleichwohl hat die Kriminalpolizei im Saarland schon vor drei Jahren einige Ermittlungsansätze für mögliche satanistische Straftaten aufgelistet. Darunter Indizien wie etwa zerstörte oder besudelte christliche Symbole, Leichen von schwarzen Tieren wie Katzen, Hühner, Ziegen, satanistische Zeichen (umgekehrtes Kreuz, Saturnzeichen, Zahl des "Antichristen" 666), auch die Tatzeit an okkulten Festtagen wie etwa dem 8. bis 10. April (Niederschrift des satanischen "Liber al Vel Legis" durch Aleister Crowley) oder dem 1. August (germanisches Schnitterinfest).

Noch vor etwa einem halben Jahr seien in der Gegend um Bautzen und in der Lausitz gehäuft Fälle mit satanistischen Anzeichen registriert worden, sagt Kluge. Mitte der 90er Jahre habe eine angezündete Kirche in Leipzig für Aufsehen gesorgt. In letzter Zeit jedoch sei in Sachsen derartiges kaum noch zu beobachten gewesen. Organisierte Strukturen wie etwa eine Satans-Sekte existierten im Freistaat nicht. Ab und an bildeten sich in der Jugendszene satanistische Gruppen. "Deren Lehren sind meist Marke Eigenbau - aus Aufklärungsbüchern über Satanismus zusammengebastelt." Was die Verbreitung betrifft, so ist Pfarrer Kluge auch hier auf Schätzungen angewiesen. Der Göttinger Sektenbeauftragte Ingolf Christiansen vermutet, dass es bundesweit zwischen 3000 und 7000 feste Anhänger des Satanskultes gibt.

Am weitesten verbreitet indessen sei der Satanismus als Freizeitbeschäftigung, so Kluge. Manchmal entsteht die Idee, Satan auf dem Friedhof anzurufen, spontan in feucht-fröhlicher Runde oder man ist einfach mal heiß auf eine Portion Grusel. Kluge: "Die Jugendlichen suchen hier immer nach ungewöhnlichen Erfahrungen und Erlebnissen."

Eltern und Lehrer sollten möglichst rechtzeitig auf Anzeichen reagieren, rät Kluge. Ein umgestaltetes Zimmer, nächtliche Aktivitäten, Treffen an satanistisch bedeutsamen Tagen, Vorlieben für harte Musik wie etwa Death-Metal oder unerklärliche Schnittwunden könnten dies sein. Wohlgemerkt: könnten. Denn kaum anderswo wird, nicht zuletzt angeheizt durch sensationslüsterne Berichte in Boulevardzeitungen und manchen Fernsehkanälen, so häufig hysterisch reagiert. So sind schon schwarz gewandete Grufties / Gothic-Fans in einen Topf mit Satanisten geworfen worden. Keine voreiligen Schlüsse bei einzelnen Anzeichen, warnt Kluge. Skepsis gegenüber Gerüchten; statt dessen genaue Unterscheidung: Was ist pure Lust an der Provokation durch satanis-tische Symbole und wo verfestigen sich Anschauungen? "Wer bei Jugendlichen Veränderungen bemerkt, sollte auf jeden Fall zunächst das Gespräch suchen." Und für das Bedürfnis nach ungewöhnlichen Erlebnissen müssten ihnen ungefährliche Alternativen geboten werden. Für Beratung im Zweifelsfall steht Pfarrer Kluge als katholischer Sektenbeauftragter zur Verfügung.

Tomas Gärtner

Kontakt und

weitere Informationen:

Pfarrer Gerald Kluge,

Beauftrager für Sekten- und

Weltanschauungsfragen im

Bistum Dresden-Meißen,

Katholisches Pfarramt Radeberg, Dresdner Str. 31,

01454 Radeberg.

Tel. (0 35 28) 44 22 29.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 9 des 50. Jahrgangs (im Jahr 2000).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 27.02.2000

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