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Aus der Region

Das eigene Seelenheil aufs Spiel setzen

Kirche im Osten II

Beim Kolloquium "Deutsche Einheit und katholische Kirche - Die Situation in den neuen Bundesländern als pastorale Herausforderung" (Ende letzten Jahres in Schmochtitz) hat der Erfurter Professor Eberhard Tiefensee pastorale Konsequenzen angesichts der religiösen Situation im Osten Deutschlands aufgezeigt. Dabei nannte er drei Bedingungen: Erstens dürfe der Abgrund zwischen der kirchlichen Verkündigung und den nicht christlichen Adressaten nicht unterschätzt werden (Tag des Herrn Nr. 8 Seite 12). Weiter sagte Tiefensee:

Zweitens: Es gilt sich bei der Beurteilung der anderen Seite der Abwertungen zu enthalten, was wegen der durchgängigen Negationen "areligiös", "konfessionslos", "agnostizistisch" ... zugegebenermaßen schwierig ist. Besonders sollte die Unterstellung eines Werteverfalls in einer areligiösen Gesellschaft vermieden werden. Die Parteiprogramme der PDS, die "Doktrinen" des "Humanistischen Verbandes" und ähnlicher Organisationen, die unter anderem die Ausgestaltung der Jugendweihefeiern bestreiten und mittelbar auch den Ethikunterricht beeinflussen dürften, die Ehevermittlungs-Anzeigen - all das bietet ein anderes Bild. Es handelt sich hierbei zwar um ein inkonsistentes Sammelsurium von Wertvorstellungen, die von der Realisierung oft meilenweit entfernt sind, doch fallen die Ostdeutschen in keinem Punkt signifikant aus dem Rahmen Gesamteuropas, wie europavergleichende Studien von Paul M. Zulehner deutlich zeigen.

Es fragt sich, welchen Zweck die Werteverfall-These überhaupt erfüllt, da sie empirisch schwer zu halten sein dürfte. Wahrscheinlich dient sie vor allem der Aufwertung der eigenen Wichtigkeit und der Vermeidung selbstkritischer Reflexion auf die eigene Invalidität, bekannt als das Splitter-und-Balken-Phänomen. So gesehen unterläuft sie alle Bemühungen, die eigenen Sinnorientierungen und Wertvorstellungen zu transferieren: Mit der mehr oder minder subtilen Abwertung einer ganzen Welt (hier der ehemals sozialistischen) und ihrer Leistungen wird auch der in ihr lebende Mensch diffamiert, was auf Dauer zum Abbruch aller notwendigen Kommunikationsbrücken führt.

Vielleicht ist ein entscheidendes Moment der neuzeitlichen Entfremdung weiter Bevölkerungsteile Europas von der Kirche und ihrer Verkündigung an dieser Stelle zu verorten (Ossi-Wessi-Konflikt inklusive). Dass Atheisten und Christen unterhalb der Schwelle religiöser Werte sich weniger gravierend unterscheiden als befürchtet (oder sogar erhofft), erfordert eine Neubesinnung auf die Funktion von Religion in der modernen Gesellschaft. Ihre Aufgabe besteht meines Erachtens vor allem darin, den Blick auf eine unverfügbare Dimension von Wirklichkeit offenzuhalten - ganz gleich zunächst, welche positiven oder negativen Konsequenzen für das individuelle, gesellschaftliche und auch kirchliche Leben sich daraus ergeben. Mit anderen Worten: Den Tunneleffekt der Wahrnehmung zu verhindern, der in einer sich immer mehr beschleunigenden und Kräfte verzehrenden Modernität fast unvermeidlich ist. Sollen christlicher Glaube, Kirche und Theologie die gewünschte gesellschaftliche Funktion erfüllen, dann dürfen sie genau diese Funktion nicht anzielen; Intention und Effekt sind hier sorgsam zu unterscheiden.

Drittens: Was will und kann Kirche, so wie sie ist, in areligiöser Umwelt? Die oftmals beschworene Neuevangelisierung Europas, also eines ganzen Kontinents, ist eine Vision, aber wohl kaum ein Projekt und hoffentlich keine Illusion, wenn man bedenkt, dass sie nach menschlichem Ermessen außerhalb der derzeitigen Kräfte der europäischen Kirchen liegt. Ein solcher Ausgriff auf ganze Kulturen ist spätestens seit dem Mittelalter nur noch bei relativ weniger entwickelten und schon angeschlagenen Kandidaten gelungen, bei den Hochkulturen des Judentums, des Islam und Asiens hat die Kraft niemals ausgereicht. Ich befürchte, Kirche manövriert sich mit solchen Globalprojekten erneut in eine Position, die am Ende zur Verzweiflung oder aggressiven Ungeduld führt.

Vielleicht sollten wir es besser auch hinsichtlich der dritten "Konfession" der Nichtglaubenden mit einer Art "÷kumene" versuchen. Denn areligiöse Menschen sind nicht gottlos, fällt doch niemand aus dem universalen Heilswillen Gottes heraus. Doch erst kommt Gott, dann kommt der Missionar (Leonardo Boff: "Gott kommt früher als der Missionar"). Es braucht allerdings diesmal eine besonders geduldige, intensive und unaufgeregte Aufmerksamkeit, um diese Spuren des Wirkens Gottes auf der anderen Seite zu finden. Das Drama wird sich wahrscheinlich dann nach der bekannten Passage des "Kleinen Prinzen" von Saint-Exupery entfalten: "Du musst sehr geduldig sein ... Ich werde dich so verstohlen, so aus dem Augenwinkel anschauen, und du wirst nichts sagen."

Ist eine solche Pastoral "aus dem Augenwinkel" möglich? Es ist zu entscheiden, ob es in ers-ter Linie um Evangelisierung als Mitgliederwerbung, als Durchsetzung von Prinzipien oder als Vermittlung der Menschenfreundlichkeit Gottes geht. Das alles schließt sich nicht aus, ist aber bei weitem nicht dasselbe. "Denn die Menschen werden um so mehr wieder in die Innenbereiche der Kirche hineinkommen, je mehr sie spüren, wie Christen und Kirchen absichtslos (in Hinsicht auf die eigenen Institutionen, aus denen sie herkommen) mit ihnen umgehen, ihr Bestes wollen, auch und gerade dann, wenn sie sich nicht integrieren" (Ottmar Fuchs). Kirche darf also im entscheidenden Moment nicht der Versuchung nachgeben, "Rückzug und Eigensicherung" zu befehlen, sondern muss sich um der Menschen willen selbst riskieren.

Das ist die sich erst allmählich anbahnende Erkenntnis aus den Erfahrungen der nationalsozia-listischen und kommunistischen Diktaturen, die sich in einem Statement des damals neu ernannten Bischofs, jetzt Kardinals, Georg Sterzinsky wenige Monate nach dem Herbst 1989 andeutet: "Sie (die katholische Kirche) hat sich selber sehr geschützt, wenn auch begrenzt auf die zwei Bereiche, Kult und Katechese ... Wir werden noch viel überlegen müssen, worin eigentlich unser Versagen auf katholischer Seite bestanden hat. Die Erkenntnis ist noch nicht gereift. Das Bekenntnis ist noch nicht ausgesprochen ... Wir haben ... bedauerlicherweise uns sehr zurückgehalten und viel zu wenig an den Vorbereitungen des Neuaufbruchs beteiligt."

Lassen Sie mich etwas theatralisch enden: Die ostdeutschen Situation fordert von der Pastoral eine Risikobereitschaft, wie sie dem Vater im bekannten Gleichnis eigen ist, der aufspringt, um dem verlorenen Sohn entgegen zu laufen. Der ältere Sohn hätte ihm wohl geraten, lieber sitzen zu bleiben, um nicht die Moral der Knechte zu gefährden. Das heißt, dass nötigenfalls Kirche samt Moral- und Denkprinzipien über Bord gehen muss, um zu retten, was zu retten ist. Wem der Preis zu hoch erscheint, sei auf Paulus verwiesen, der im Römerbrief mit aller Feierlichkeit betont, dass er lieber "selber verflucht und von Christus getrennt sein will" um seiner Brüder willen, die der Abstammung nach mit ihm verbunden sind (Röm 9,1-3). Von dieser Art Hingabe, die selbst das eigene Seelenheil aufs Spiel setzt, sind wir wohl alle noch meilenweit entfernt.

Alle Vorträge des Kolloquiums im vollen Wortlaut werden in dem Buch "Wiedervereinigte Seelsorge: Die Herausforderung der katholischen Kirche in Deutschland" veröffentlicht. Es erscheint Ende März im St. Benno-Verlag Leipzig (ISBN 3-7462-1381-9); Preis ca. 26,80 Mark.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 9 des 50. Jahrgangs (im Jahr 2000).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 27.02.2000

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