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Aus der Region

Nicht anderen das Feld überlassen

Jugendweihe

Wer heute zur Jugendweihe / Jugendfeier geht, wird - wie zu DDR-Zeiten -vor allem die Familienfeier sehen. Nun hat die Jugendweihe aber eine unrühmliche Geschichte. Die alte freidenkerische Tradition wurde in der DDR instrumentalisiert, um Konfirmation und Firmung als nicht zum Sozialismus passend zurückzudrängen. Viele, die heute damit betraut sind, kommen noch aus dieser Tradition.

Es macht wenig Sinn, ständig die Geschichte zu bemühen, um die Jugendweihe zu verdammen. Denn der Wunsch nach diesem Ritual ist ungebrochen vorhanden und Kirche darf sehr wohl fragen, wem hier das Feld überlassen wird. Ich halte es für besser, wenn eine Vermittlung von Werten, die mit dem Eintritt ins Erwachsenwerden eine Rolle spielen, nicht nur von denen geboten wird, die aus der Tradition kommen, weltanschauliche Weite einseitig areligiös zu beschreiben und Freiheit gerne mit Beliebigkeit gleichsetzen, oder denen, die ein Bedürfnis entdeckt haben, mit dem sich gut Geld verdienen lässt.

Wenn es möglich ist, Jugendlichen eine alternative Feier anzubieten und diejenigen, die sie vorbereiten, auch aus kirchlichen Kreisen kommen, spricht meines Erachtens nichts dagegen, dies zu unterstützen. Natürlich darf dabei Vermittlung christlicher Werte nicht mit Taufunterricht gleichgesetzt werden. Dies setzt voraus, mit den Eltern und Jugendlichen in Kontakt zu kommen. Hier sehe ich die größte Schwierigkeit. Soll man christliche Eltern ermutigen, eine solche Feier in die Hand zu nehmen: Eltern, deren Kinder durch Firmung oder Konfirmation einen solchen Ersatzritus wie die Jugendweihe gar nicht benötigen? Oder sollen Kirchen selbst ein Angebot machen? Dies erscheint mir schwierig, denn sie müssten deutlich machen, das es nicht darum geht, Jugendliche zum Glauben zu führen. Aber genau das würde dem missionarischen Wesen der Kirche widersprechen.

Was ich mir vorstellen könnte, ist ein unabhängiger "Verein zum Erwachsenwerden", der Jugendfeiern und eine Vorbereitung anbietet und sich als Alternative zu den bisher agierenden, meist kommerziell arbeitenden Vereinen versteht. Im Gegensatz zu diesen sollte großer Wert auf die inhaltliche Ausgestaltung gelegt werden, und dazu gehört eben auch das Vorstellen christlicher Traditionen und Werte. Diese können in eine Wertevermittlung eingebunden werden, die auch andere Glaubenszeugnisse bis hin zum bekennenden Atheismus zu Wort kommen lässt. So sind Themen wie Toleranz, Rücksicht und Verantwortung gefragt. Ebenso sollte den Jugendlichen verdeutlicht werden, dass sie sich auf einem Entwicklungsweg befinden, der mit einer Feier nicht zum Abschluss kommt. Eine solche Vermittlung kann nicht "bekenntnisfrei und weltanschaulich neutral" sein, sondern soll auffordern, sich seiner eigenen Verantwortung und seines eigenen Wertes bewusst zu werden. Und das darf ruhig gefeiert werden.

Guido Erbrich, Jugendseelsorge des Bistums Dresden-Meißen

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 8 des 50. Jahrgangs (im Jahr 2000).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 20.02.2000

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