Jetzt 4 Wochen kostenfrei Tag des Herrn lesen!
Aus der Region

Langer Atem benötigt

Kirche im Osten I

"Deutsche Einheit und katholische Kirche - Die Situation in den neuen Bundesländern als pastorale Herausforderung" hieß das Thema eines Kolloquiums, das Ende letzten Jahres in Schmochtitz stattfand. Im Tag des Herrn (Ausgabe 4 und 5 diesen Jahres) dokumentierten wir bereits Auszüge aus dem Vortrag des Erfurter Bischofs Joachim Wanke. In dieser und der kommenden Ausgabe veröffentlichen wir Auszüge aus dem Vortrag von Professor Eberhard Tiefensee (Theologische Fakultät Erfurt). Im Punkt drei seines Vortrages "Religiös unmusikalisch - Ostdeutsche Mentalität zwischen Agnostizismus und flottierender Religiosität" äußerte sich Tiefensee zu pastoralen Konsequenzen angesichts der religiösen Situation im Osten Deutschlands:

Wenn Ostdeutschland nun Missionsland ist, dann trifft christliche Verkündigung erstmalig nicht wie in ihrer gesamten bisherigen Geschichte auf andere Religionen, sondern auf ein stabiles areligiöses Milieu. In Ostdeutschland erweist es sich bisher als hochresistent für Missionsbewegungen aller Art. Das gilt auch für Sekten. Wie die Jugend sich entwickelt, steht ... noch dahin.

Viele hochgemute westdeutsche Aktivisten der ersten Nachwendejahre sind inzwischen enttäuscht oder haben sich sogar resigniert wieder verabschiedet. Die meisten Kirchenmitglieder stellen sich auf eine Perpetuierung (ständiges Fortdauern, d. Red.) der gegenwärtigen konfessionellen Entwicklung ein und tendieren besonders im Raum der Diaspora mit ihren familienähnlichen Gemeindestrukturen zu einer Beibehaltung der bewährten Festungsmentalität, was jedoch das öffentliche Engagement des Einzelnen nicht ausschließen muss. Insgesamt herrscht mehr oder minder verhüllte Ratlosigkeit.

Trotzdem, meine ich, ist kein Grund zur Resignation, allerdings müssen alle Initiativen, den Status quo zu verändern, nenne man sie Mission, Evangelisierung oder Neuevangelisierung beachten: Erstens, dass sie den Abgrund zwischen der kirchlichen Verkündigung und den nichtchristlichen Adressaten nicht unterschätzen; zweitens, dass sie sich der Abwertung der anderen Seite enthalten; drittens, dass sie ihre Zielstellung klären, ohne die eigene Schwäche zu kaschieren. Ein langer Atem wird erforderlich sein.

Dazu einige Bemerkungen: Erstens: Der Abgrund zwischen kirchlicher Verkündigung und den nichtchristlichen Empfängern wird in der Regel unterschätzt. Der bekannte amerikanische Schriftsteller Henri Nouwen hat auf die Bitte eines nichtglaubenden Freundes ein hinreißendes Buch geschrieben: "Du bist der geliebte Mensch. Religiös leben in einer säkularen Welt", allerdings mit dem selbst eingestandenen Ergebnis, dass es zwar viele Christen begeistert hat, dass es aber an den ursprünglichen Adressaten, nämlich dem nichtglaubenden Freund und dessen Kreis, gründlich vorbeigegangen sei. Ÿhnliche Eingeständnisse finden sich bei Madeleine Delbrel ... Das ließe sich ergänzen durch die bisherigen Erfahrungen derjenigen, die konsequent zum Dienst der Evangelisierung in den neuen Bundesländern angetreten sind.

Gerade nach dem Scheitern der marxistisch-leninistischen Weltanschauung sind im Osten Deutschlands ein Sinn-Vakuum und eine Orientierungskrise befürchtet, von manchen missionarischen Initiativen vielleicht sogar erhofft worden. Im großen Ganzen gesehen ist dieser Fall nicht eingetreten. Das ostdeutsche Milieu sucht zwar nun in einer postumen DDR-Identität nach einem Begriff seiner selbst, hat sich jedoch sowohl im Bereich der Wertvorstellungen als auch in Fragen der Lebensorientierung als überraschend beständig und krisenfest erwiesen - und als bleibend areligiös.

Dabei hilft zunächst einmal die über Jahrzehnte nichtnte nicht ohne Hilfe der DDR-Ideologen ausgebildete Feierkultur: Geburt und Geburtstage, Weihnachts- und Osterfeiertage, Schulaufnahme (in Parallele zur Erstkommunion) und Jugendweihe (als Konfirmationsersatz), standesamtliche Hochzeit und nichtkirchliches Begräbnis sind inzwischen bewährte Rituale, die zumeist im Kreis der Familie vollzogen werden, was professionelle Hilfe nicht ausschließt - eine Tendenz, welche ja auch in der volkskirchlichen Sakramentenpastoral unübersehbar ist. Warum diese areligiöse Feierkultur durch eine kirchliche ausgetauscht werden soll, dürfte Ostdeutschen schwer einsichtig zu machen sein.

Auch die von einer existentialistischen Theologie emphatisch (nachdrücklich, d. Red.) beschworenen "Grenzsituationen" bilden keinen Anlass zu religiöser Ein- und Umkehr. Ostdeutsche sind nach zwei Diktaturen und den damit verbundenen biografischen Abbrüchen in der Regel hinreichend trainiert, die Dinge zu nehmen, wie sie nun einmal sind, das heißt sich zu arrangieren und "durchzuwursteln". Eine Antwort auf tiefgreifende Sinnfragen wurde und wird weder im Alltag noch in extremen Lebenslagen erwartet ...

Angesichts des massenhaften Auftretens der Spezies homo areligiosus wird eine Anthropologie, welche den Menschen als unheilbar religiös definiert, auf eine harte Probe gestellt und versucht sein, durch terminologischen Tricks dieser Herausforderung auszuweichen. Während es jedoch im Westen Deutschlands in der Regel einer Beleidigung gleichkommt, jemand als religionslos zu bezeichnen oder ihm nur seine Christlichkeit abzusprechen, wird sich ein durchschnittlicher Ostdeutscher dagegen verwahren, ihm mit Verweis auf damalige Maidemonstrationen oder heutige Besuche in den Einkaufszentren am Sonntag eine Art Religiosität zu unterstellen.

Dieser Religiositätsbegriff ohne Existenzannahme hinsichtlich eines oder mehrerer göttlicher Wesen ... ist ein heuristisches Konstrukt (Heuristik: Lehre von der Methode zur Auffindung neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse, d. Red.), das vielleicht in religionssoziologischen Seminaren tauglich ist, aber zum Verständnis der ostdeutschen Situation wenig beiträgt. Es gilt, eine möglichst strenge Linie zwischen Ersatzreligionen und Religionsersatz zu ziehen. Konsumrausch und der Besuch von Rockkonzerten ist nicht religiös, sondern bestenfalls Religionsersatz. Um Religionsersatz handelt es sich, wenn die Kategorien der Beziehung zu einem transzendenten Anderen, das heißt der Offenbarung und des Gebetes ausfallen ... Wenn mindestens die Hälfte der Ostdeutschen eigenen Aussagen zufolge weder an höhere Wesen glaubt noch in Notsituationen betet, dann ist sie areligiös. (wird fortgesetzt)

"Wiedervereinigte Seelsorge: Die Herausforderung der katholischen Kirche in Deutschland" heißt ein Buch, das der Erfurter Bischof Joachim Wanke herausgibt. Darin werden alle aus Anlass der Konferenz in Schmochtitz gehaltenen Vorträge veröffentlicht. Zusammen mit dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Karl Lehmann (Mainz), wird Bischof Wanke Ergebnisse der Tagung und das Buch auf einer Pressekonferenz am 29. März der ÷ffentlichkeit vorstellen.

Dr. Joachim Wanke (Hsgr.): Wiedervereinigte Seelsorge - Die Herausforderung der katholischen Kirche in Deutschland, St. Benno-Verlag, Leipzig 2000,

ISBN 3-7462-1381-9,

Preis ca. 26,80 Mark.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 8 des 50. Jahrgangs (im Jahr 2000).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 20.02.2000

Aktuelle Buchtipps