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Aus der Region

Biblische Themen und Holocaust

Schnitzkunst

Reichel in der Werkstatt Ich habe mir nie darüber Illusionen gemacht, dass christliche Existenz ein Honigschlecken ist. Meine Familie und ich sind getragen worden durch oft schwere Zeiten", betont Gottfried Reichel. Diese Lebenshaltung ist in seinen zahlreichen Bildwerken zur Bibel ablesbar. Zu sehen sind sie seit zwei Jahren in der "Hütte" Pobershau. Immer wieder kommen Interessierte in den kleinen Erzgebirgsort nahe Marienberg, um die kleine Schau zu sehen. An diesem Mittwoch im Advent sind es die Mitarbeiter der evangelischen Stadtmission Chemnitz und eine Gruppe aus der katholischen Pfarrgemeinde St. Johannes Nepomuk Zwickau

Schnell ergeben sich zwischen Gottfried Reichel und den Besuchern Gespräche. Beispielsweise über die Frage, warum viele der dargestellten Figuren eher einen traurigen Gesichtsausdruck haben. Beispielsweise Reichels Elia. Mutig hatte der Prophet für Gott geredet und gehandelt. Schließlich wird er bedroht, muss fliehen und wünscht sich den Tod. Doch damit ist Gottes Geschichte mit Elia nicht am Ende, Elia hat Zukunft! Gottfried Reichel hatte lange keine innere Beziehung zu diesem Elia, wie er sagt. Erst als er selbst in seinem Leben an einen Punkt kam, an dem es nicht weiterging, da war plötzlich dieser Elia da: Reichel schnitzte ihn im da-rauf folgenden Winter

Gottfried Reichel ist sich bewußt, das seine Figuren den Rahmen erzgebirgischer Schnitzkunst sprengen. Andererseits hätte er nie das Schnitzwerkzeug in die Hand genommen, würde er in einem anderen Landstrich leben. Dennoch sah es am Anfang gar nicht so aus, als ob es mit der Schnitzerei etwas werden würde. Gottfried Reichel: "Als 13-jähriger wollte ich einen Bergmann schnitzen und war schon im Vorfeld voll des Lobes über mein geplantes Werk, schließlich landete er im Feuer ..."

Deportation Dann kamen die Jahre im nationalsozialistischen Deutschland und schließlich der Krieg. Dieser drückte seine Spuren in Reichels Leben, gaben ihm später eine ganz andere Richtung. "Wir waren so dumm, dass wir bis zum Schluss an die unsinnigen Endsiegsparolen von Goebbels glaubten und ließen uns in diesem sinnlosen Krieg verheizen", meint Gottfried Reichel mit Blick auf sich selbst und seine ganze Generation. Für ihn hieß dies konkret, dass er sich 1943 freiwillig zur Bordfunkerausbildung meldete. Doch als er im Spätsommer 1944 fertig war wurden Bordfunker nicht mehr gebraucht, wiederum meldete er sich freiwillig zu den Fallschirmjägern - auch die gab es nicht mehr. So wurde der junger Pobershauer einer anderen - wie es damals hieß - Eliteeinheit zugewiesen: Der Panzerdivision Totenkopf, einer Einheit der Waffen-SS. Im österreichischen Linz endete der Zweite Weltkrieg für Gottfried Reichel. Er kam in englische Kriegsgefangenschaft

Von dieser Zeit sagt er heute: "Ich fand Menschen, die mich ein- ließen und mit denen ich ins Gespräch kam. Die dabei gemachten Erfahrungen und Erlebnisse haben mein Leben völlig umgekrempelt. Es war eine Lektion in Menschlichkeit und Demokartie, die mich bis heute prägt." Diese Zeit konfrontierte Gottfried Reichel auch mit den Verbrechen der Nazis. Selbst stellte er sich immer wieder die Frage, "was wäre gewesen, wenn man mich statt zur Waffen-SS zur SS nach Auschwitz geschickt hätte." Und seine Antwort bleibt realistisch, rechtfertigt sich nicht: "Ich hätte damals nicht die Kraft gehabt, mich zu verweigern und standrechtlich erschießen zu lassen, ich hätte hemmungslos mitgemacht." So ist das Thema des Nationalsozialsmus für Gottfried Reichel bis heute kein abgehaktes Kapitel. Immer wieder warnt er davor, Menschen zu verunglimpfen, nur weil sie anders sind. "Damals waren die Juden ,Wanzen', heute sind die Türken ,Scheiße' und die ,schwarze Sau' muss weg", sagt Gottfried Reichel bitter. Seiner Ansicht nach ist die deutsche Gesellschaft in der Ablehnung alles Fremden heute wieder an der Stelle angekommen wie in den dreißiger Jahren, nur habe der Hass noch kein System. Bertold Brecht habe Recht behalten mit seinen Worten "und der Schoß ist fruchtbar noch". Gottfried Reichel warnt zugleich vor einer Form des untätigen Klagens, vielmehr müsse aus dem Wissen über die Vergangenheit die Kraft zum Widerstand gegen die neuen, alten Rechten erwachsen. Um der Furcht vorzubeugen, dass das damals Geschehene niemand mehr wahrnehmen will, setzt sich Gottfried Reichel in seiner Kunst immer wieder mit diesen Themen auseinander. So bereits in den siebziger Jahren unter dem biblischen Thema "Deportation nach Babylon". Viele dieser Figuren erscheinen zeitlos, ganz vorn läuft ein Junge mit erhobenen Händen. Er wurde nach einem Originalfoto aus der NS-Zeit gestaltet. Die Bewacher - links und rechts des Zuges - sind deutschen Soldaten nachempfunden und zeigen so die Spitze der Verfolgung des jüdischen Volkes noch einmal in ihrer ganzen Grausamkeit auf. Der Darstellung wurde eine Chronologie der Verfolgung und Vertreibung beigefügt

In den Jahren 1995 bis 97 entstand dann die eindrucksvolle Figurengruppe "Menschen im Warschauer Ghetto" nach Fotografien des deutschen Soldaten Joe J. Heydecker, die dieser unter Lebensgefahr aufnahm. Jede einzelne Figur spiegelt ein ganz persönliches Schicksal wieder und alle hatten keine Zukunft. An Gottfried Reichel geht die Frage, was er beim Schnitzen dieser Figuren empfunden habe. Er wird still, das innere Ringen ist spürbar: "Es war nicht einfach, jedes dieser Kinder hätte ja auch mein Kind sein können." Kürzlich besuchte eine Gruppe ehemaliger Chemnitzer Juden Pobershau. Eine der Überlebenden des Holocaust meinte dabei: "Man braucht den Figuren nur noch Atem einhauchen, dann leben sie."

Aus der Gefangenschaft kam Gottfried Reichel mit dem tie- fen Willen, alles zu tun, damit sich das schreckliche Leid nicht wiederholt. So wurde er Neulehrer, um sich direkt an die junge Generation wenden zu können, doch schon nach wenigen Monaten wurde er entlassen. Heute weiß er, dass er den damaligen Machthabern ideologisch suspekt war. Mit der Entlassung fiel Gottfried Reichel in ein tiefes Loch. Um nicht zu verbittern, griff er zum Schnitzwerkzeug und plötzlich gelang es. Sein erster Weihnachtsleuchter hängt noch heute in seinem Wohnzimmer. Auch er weicht bereits von der Tradition ab, dargestellt werden Menschen der Zeit: Beispielsweise der Kriegsheimkehrer. Biblischen Themen näherte sich der Schnitzer erst zu Beginn der 50er Jahre. Er übernahm die Leitung des Jungmännerkreises der evangelischen Kirchgemeinde. Dazu gehörte das Studium der Bibel. Gottfried Reichel heute: "In der gemeinsamen Bibelarbeit haben wir erfahren, dass das keine alten Geschichten sind. Wir fanden uns darin wieder." Aus der Beschäftigung heraus - dem "Hineinknien in die Schrift", wie Reichel es sagt - entstanden die ersten biblischen Figuren. Heute ist ihre Zahl schlicht gesagt gewaltig. Von 1977 bis Mitte der 90er Jahre wurden die Gruppen und Figuren in evangelischen Kirchen und anderen Räumen gezeigt. Und das es heute "Die Hütte" gibt, grenzt schon an ein Wunder. Zur vorletzten Ausstellung kam der Pobershauer Bürgermeister. Gottfried Reichel glaubte erst nicht, dass sich dessen Idee von einer eigenen Dauerausstellung in Pobershau verwirklichen lässt. Doch es wurde geschafft

Und wenn Gottfried Reichel heute durch seine Ausstellung geht, ist er stolz und demütig zugleich. "Es war die Gabe, die Gott mir in die Hand gelegt hat", betont er mit Blick auf die Figuren. Eine Gabe, die den Menschen die Botschaft der Bibel nahe bringt

Holger Jakobi

Informationen: "Die Hütte", Rathausstraße 10 in 09496 Pobershau, Tel. (0 37 35) 6 25 27. Führungen mit Gottfried Reichel sind nach telefonischer Absprache jederzeit möglich. Die Ausstellung ist dienstags bis sonntags von 9 bis 17 Uhr geöffnet

Literaturhinweis: Joachim Schöne: "Dieses Holz lebt - Das Lebenswerk des Schnitzers Gottfried Reichel"; Druck- und Verlagsgesellschaft Marienberg, ISBN 3-931770-25-7; 34.90 Mark

Joe J. Heydecker: "Das Warschauer Ghetto"; Fotodokumente eines deutschen Soldaten aus dem Jahr 1941; DTV-Taschenbuchverlag, ISBN 3-423-30724-2; 16,90 Mark

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 51 des 49. Jahrgangs (im Jahr 1999).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 26.12.1999

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