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Lammfromm

Adventskalender (3)

Franziska darf man über niemanden erzählen, er sei "lammfromm" oder "brav und dumm wie ein Schaf". Ihre Eltern halten sich lebendige Rasenmäher, und deshalb weiß die Fünfjährige über die wollig weißen Vierbeiner bestens Bescheid. Von "lammfromm" oder "dümmlich-folgsam" kann bei dem kampfeslustigen Fürchtewolf, der blökstarken Hornisse und der verfressenen Wolltraud, die in ihrem Garten weiden, wirklich keine Rede sein

Wenn Franziska mit ihrer Advents-Krippenlandschaft spielt, weiß sie genau, dass die Schafe bestimmt nicht willenlos hinter ihrem Hirten zum Stall von Betlehem getrottet sind. Ganz sicher traf der Hirte zu spät dort ein, als Jesus, Maria und Josef bereits in den tiefsten Nachtschlummer gesunken waren

Fürchtewolf war nämlich unterwegs hakenschlagend ausgebüchst, Hornisse schloss sich ihm zunächst an, stieß aber dann auf ein Schaf aus einer Nachbarherde, das sie inbrüns-tig anblökte. Wolltraud hingegen ließ sich nur zentimeterweise am Halsband weiter ziehen, denn sie reckte sich unermüdlich nach den saftigen grünen Blättern der Bäume, von denen der Weg zum Stall gesäumt war und die so viel köstlicher waren als das gewohnte Gras auf der eigenen Weide

Irgendwann muss die kleine Gesellschaft aber doch am Stall von Betlehem angekommen sein. Franziska jedenfalls, pfercht alle Schafe mitsamt den Kamelen, Ochs und Esel, Hirten, Engeln, Wirten, Sterndeutern und der heiligen Familie in die Stallschachtel, bevor sie selbst ins Bett geht. "Da haben sie es warm", mehr ist dazu von ihr nicht zu erfahren. Eigenartig, aber wahr: Kein Mucks ist die ganze Nacht aus dem überfüllten Stall zu hören, in dem sich Kamele und Schafe übereinander türmen. Ist es der weihnachtliche Frieden dieser Nacht, der Tiere und Menschen ergriffen hat? Ein Vorgeschmack auf verheißene Tage, in denen das Lamm mit der Natter und dem Löwen spielt und der Hammel einträchtig neben dem Menschen ruht? - Die dunklen, langen Adventsnächte lassen Schafhalter-Familien Zeit zum Träumen von liebenswürdigen Lämmern und von einer Schöpfung, die sich in der Weihnachtsnacht verwandeln lässt.

Dorothee Wanzek

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 49 des 49. Jahrgangs (im Jahr 1999).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 12.12.1999

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