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Bettina von Arnim - Briefmengen, die Bände füllen

Auf den Spuren großer Frauen (Teil sechs)

Wiepersdorf im Süden der Mark Brandenburg kann man sich nur behutsam annähern, dem Ort, der Natur, den Menschen heute und denen, die einst hier lebten: Bettina und Achim von Arnim. Gleich neben der Dorfkirche liegen sie begraben. Auf einer schweren Steinplatte sind Eckdaten verzeichnet: "Hier ruht Bettina / Freifrau von Arnim / geb. Brentano / geboren den 4. April 1785 / gestorben den 20. Januar 1859 / vermaelt mit Ludwig Achim von Arnim." Worte und Daten nur. Sie sagen wenig über die Menschen

Bettinas irdische Zeit teilt sich in drei "Leben" ein. Das erste, die Zeit ihrer Kindheit und Jugend bis 1811, ist geprägt durch ihre persönliche Entwicklung und ihre Freundschaften, so beispielsweise zur Romantikerin Caroline von Günderrode und zu Johann Wolfgang von Goethe. Die damals geschriebenen Briefe wird Bettina später zu ihren großen Briefsammlungen zusammenstellen. So unter anderem die Korrespondenz mit ihrem Bruder unter dem Titel "Clemens Brentano Frühlingskranz." Ihr zweites Leben - 1811 bis 1831 - ist geprägt von ihrer Ehe. Eine Beziehung die schwärmerisch begann und doch von alltäglicher Ernüchterung eingeholt wurde. Später wird Achim in Wiepersdorf und Bettina in Berlin leben. Der Schriftsteller Christian Graf von Krockow stellt in diesem Zusammenhang die Frage, " ... ist es womöglich so, dass wir unsere Träume zerstören, wenn wir sie verwirklichen?"

Christa Wolf hingegen schreibt über diese Lebensphase Bettinas: "Nie hat sie sich, soviel ich sehe, später über die Zeit ihrer Ehe bedauernd, zurücknehmend, bereuend geäußert. Sie war, wie er, ein hochherziger Charakter; so konnte sie launisch und grillenhaft, nicht aber wehleidig, menschenfeindlich und bitter werden ..." Mit Achims Tod beginnt das sogenannte "dritte Leben" der Bettina von Arnim. So schreibt sie selbst am 28. Dezember 1833 an Fürst Pückler: "Nun ja! Das nächste Leben geht aber heute an." Noch einmal Christa Wolf: "Und sie wird, zur Überraschung aller, zum Missfallen ihrer Frankfurter Familie, nach dem Tod ihres Mannes produktiv: Fünf Bücher in dreizehn Jahren; ein unveröffentlichtes Manuskript; Briefmengen, die Bände füllen; Notizen, Entwürfe." Schließlich wendet sich die Arnim gegen die festgefahrenen preußischen Zustände, das wachsende soziale Elend und nimmt demokratische Standpunkte ein

Nicht alle Zeitgenossen kamen mit dem romantischen und zugleich liberalen Wesen Bettinas zurecht. Unter anderm fürchtet sich Hermann Fürst Pückler-Muskau vor ihrer Leidenschaftlichkeit. Nach einem spontanen Besuch Bettinas in Muskau kommt es zum zeitweisen Zerwürfnis. Sie schreibt wenig später an den Fürsten: "Sie nennen mich überspannt ... Warum nennt man überspannt, was sich nicht der Gemeinheit, den gewohnten Vorurteilen, sich fügt?" Eigentlich verbrachte Bettina nur wenig Zeit in Wiepersdorf. Der Ort präsentierte sich damals noch wesentlich ungastlicher. Die Statuen im Park - von einem Enkel aufgestellt - fehlten, es war ein üblicher Landsitz, nicht mehr aber auch nicht weniger

Heute bietet Wiepersdorf als internationales Stipentiatenhaus Künstlern aller Sparten eine Heimat auf Zeit. Eine von ihnen ist Svenja Hehner aus Berlin-Kreuzberg. Die bildende Künstlerin genießt ein viermonatiges Stipendium im "Künstlerhaus Wiepersdorf", wie es korrekt heißt. Eine Zeit, die für sie frei von alltäglichen Sorgen ist. "Ich komme hier prima zur Ruhe, es ist ein Ort, um in sich zu gehen und auch für die Kunst sind die Voraussetzungen optimal", betont die junge Frau. Zwar hat für sie die Geschichte des Ortes nicht die Bedeutung wie vielleicht für manchen Literaten, doch unterscheidet sich Svenja Hehner gar nicht so sehr von Bettina. Beide gehen ihren Weg in ihrer Zeit, provozieren und legen die Finger in die Wunden der Gesellschaft

Beispielsweise möchte Svenja Hehner mit ihren umgebauten Automaten Menschen zum Nachdenken anregen. Ein Beispiel dafür ist ihr "Gottautomat". Eine Einrichtung, in der jeder Benutzer eine Schachtel ziehen kann, die sich wie ein Altar aufklappen läßt und die ein Teelicht enthält. Das besondere dabei ist, dass sich niemand den thematischen Inhalt - jeweils eine der großen Weltreligionen - auswählen kann. Alles ist dem Zufall überlassen. Die Künstlerin möchte damit für mehr Toleranz unter den Religionen werben, "niemand soll sagen, mein Gott ist besser als deiner". Zum anderen sieht Svenja Hehner auch einen Zwiespalt zwischen Glauben als Halt in Leben und Glauben als Machtausübung, die Sehnsucht der Menschen solle nicht dazu benutzt werden um Macht auszuüben, Macht untereinander und Macht gegen andere

Die Berliner Künstlerin verweist auf das gute Miteinander zwischen den verschiedenen Kunstformen. In Wiepersdorf kommt es zu Begegnungen und zum gegenseitigen Erfahrungsaustausch. Jede Woche stellt sich ein Künstler seinen neugierigen Kollegen vor

Martin Holländer, der die Direktorin vertritt und sich um die Organisation müht, ist stolz auf die besondere Atmosphäre von Wiepersdorf. "Eine Atmosphäre, in der der Geist noch drin ist", wie er sagt. Holländer betont, dass das Haus nicht im Innen steckenbleibt sondern auch nach außen wirkt. So sollen zahlreiche Veranstaltungen das Künstlerhaus zu einem kulturellem Zentrum werden lassen. Wichtig, so Holländer, ist auch die Fortführung einer sehr langen literarischen Tradition. War doch das Schloß schon zu DDR-Zeiten eine Erholungsstätte für Schriftsteller. Ein prominenter Gast war in den siebziger Jahren beispielsweise die Lyrikerin Sarah Kirsch

Holger Jakobi

Öffnungszeiten des "Bettina und Achim von Arnim Museums": samstags und sonntags jeweils von 14 bis 16.30 Uhr. Wiepersdorf liegt zwischen Jüterbog und Dahme.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 33 des 49. Jahrgangs (im Jahr 1999).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 22.08.1999

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