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Zum 100. Geburtstag der Dichterin

Ilse Langner

Als 1929 Ilse Langners erstes Theaterstück "Frau Emma kämpft im Hinterland" in Berlin Premiere hatte, schrieb der bekannte Theaterkritiker Alfred Kerr: "Man spürt eine zupackende Kraft. Sie forcht sich nit." Und nannte die Dichterin eine "Penthesilesia", das heißt, eine Amazonenkönigin aus Schlesien

Nicht das Entsetzen und die Leiden der Männer an der Front standen im Mittelpunkt, sondern die Entbehrungen und Sorgen der Frauen während des Krieges daheim. Die Hauptfigur Emma Müller, die keinen Beruf erlernt hatte, war während des Krieges Straßenbahnfahrerin geworden und hatte damit ihr Kind und sich selbst ernährt. Als ihr Mann nach Kriegsende heimkommt, trägt er zwar die rote Armbinde der Revolutionäre, aber in seiner Familie soll alles wieder so werden wie vorher. Emma läßt sich aber ihre Arbeit nicht mehr nehmen und erzieht ihren Mann zu echter Partnerschaft

Ihren größten Theatererfolg hatte Ilse Langner 1931 mit dem Drama über die Gründerin der Christian Science, Mary-Baker-Eddy, "Die Heilige aus USA". Hier zeigte sie, wohin die Selbstvergottung führte: zu Heuchelei und Untergang. 1969 schrieb Ilse Langner: "Ich bin zu gläubig an den lieben Gott, als daß mir die Sektengründerin einen anderen als den Respekt vor ihrer maßlosen Hybris abgezwungen hätte."

Mit dem Machtantritt der Faschisten verschwanden ihre Stücke von den deutschen Bühnen. 1937 erschien ihr großer Peking-Roman "Die purpurne Stadt", der bald darauf verboten wurde

Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte sie nicht mehr an ihre frühen Erfolge anknüpfen. Zwar entstanden unmittelbar nach Kriegsende zwei ihrer Hauptwerke, das Schauspiel "Heimkehr. Ein Berliner Trümmerstück" und der Tagebuchroman "Flucht ohne Ziel". Beide waren im Ostberliner Aufbau- Verlag gedruckt. Da fiel die Veröffentlichung dem Kalten Krieg zum Opfer, und sie erschienen nicht

Auf der westlichen Seite erging es Ilse Langner erst einmal nicht besser. Der berühmte Theaterregisseur Erwin Piscator wollte "Heimkehr" in New York uraufführen. Ehe es dazu kam, geriet er unter den Verdacht, dem Kommunismus nahezustehen, und er setzte sich nach Westdeutschland ab. "Heimkehr" inszenierte er 1952 lediglich als Hörspiel

Ilse Langner wurde am 21. Mai 1899 in Breslau geboren. 1928 war sie im Auftrag eines Berliner Verlags durch die Sowjetunion gereist. 1933 ging sie mit ihrem Mann zum ersten Mal auf Weltreise. Seitdem hat sie ihre Arbeit immer wieder durch große Reisen unterbrochen und darüber geschrieben ("Chinesisches Tagebuch" 1960, "Japanisches Tagebuch" 1961, "Ich lade Sie ein nach Kyoto - ins alte Japan von heute" 1963 und andere). 1987 ist sie in Darmstadt gestorben

Als ihr Thema bezeichnete sie "Frau und Krieg. Was sie leidet, wie sie es trägt." Dieses Thema ist nicht überholt. Ilse Langners Werk gilt es weithin noch zu entdecken

Jürgen Israel

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 19 des 49. Jahrgangs (im Jahr 1999).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 16.05.1999

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