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Bistum Magdeburg

Friedensglocke aus Kalaschnikows

Dessau

Dessau (dw) - Bald zehn Jahre ist es her, daß Lothar Ehm mit einigen Kollegen des Dessauer Magnetbandwerkes die Kampfgruppen der Stadt entwaffnete. Sein Traum, im Herbst zum zehnten Jahresgedenken der Wende eine aus Waffenstahl gegossene "Friedensglocke" läuten zu hören, wird sich zwar nicht verwirklichen lassen, doch mit einigen Monaten Zeitverzug könnte das Friedensgeläut tatsächlich erklingen

Lothar Ehm, der zum Kirchenvorstand der Dessauer Propsteigemeinde gehört, erinnert sich noch gut an den 6. Dezember 1989. Die Mauer war seit einigen Wochen offen, im Magnetbandwerk hatte sich aber noch nichts verändert. An diesem Tag organisierte Ehm mit einigen Kollegen eine Belegschaftsabstimmung unter den mehr als 2000 Mitarbeitern: Das Verbot von Parteiarbeit während der Arbeitszeit, die Auflösung der im Magnetbandwerk stationierten Kampfgruppen und der Stasi-Dienststelle und die Verschrottung sämtlicher Waffen standen zu Abstimmung. Das Ergebnis der freien Abstimmung ähnelte den DDR-Wahlergebnissen: Mehr als 97 Prozent stimmten mit Ja

Als die Waffen abtransportiert wurden, die auf dem Betriebsgelände gelagert waren, gingen den Initiatoren die Augen über: Mehrere Lastwagenladungen voll kamen zusammen, darunter auch die Ausrüstung der Kampfgruppen anderer Dessauer Betriebe. Die selbsternannte Bürgerinitiative konnte verhindern, daß die Waffen weiterverkauft wurden: "Sie waren überflüssig geworden und wir wollten sie unschädlich machen", erklärt Lothar Ehm. Der Runde Tisch der Stadt beschloß einen Monat später, die Waffen zu vernichten

Die Mitglieder der Bürgerinitiative legten selbst Hand an, um 1250 Kalaschnikows, 174 leichte Maschinenpistolen, 87 Panzerbüchsen und 171 Pistolen, die vorher von der NVA mit Panzern überrollt und dadurch unbrauchbar gemacht worden waren, zu zerlegen. In einer Dessauer Eisengießerei wurden aus den Stahlteilen der Waffen ein über vier Tonnen schwerer Klumpen gegossen, der auf dem Hof der Propsteikirche lagert. In Abwandlung des Wortes "Schwerter zu Pflugscharen" kam Lothar Ehm erstmals im Jahr 1991 die Idee, aus den Waffen eine Glocke gießen zu lassen. Angesichts des großen Elends in Rumänien aber schien es damals dringlicher, Geld für soziale Projekte zu sammeln. Die Glocken-Idee wurde zunächst auf Eis gelegt, kam aber immer wieder ins Gespräch

1997 gründete sich unter dem Vorsitz Ehms ein "Kuratorium Friedensglocke", um das Vorhaben auf den Weg zu bringen, Geld zu sammeln, eine Glockengießerei und in Abstimmung mit der Stadt Dessau einen geeigneten Standort zu finden. Der ursprünglich ins Auge gefaßte Glocken-Standort vor der evangelischen Johanniskirche, in der im Oktober 1989 die Friedensgebete begannen, zerschlug sich, als ein Denkmal des Dessauer Vater Franz wieder hierhin zurückkehrte - zwischenzeitlich war es in die Wörlitzer Anlagen ausgelagert worden. Aktuelle Pläne sehen vor, die Friedensglocke auf dem Marktplatz aufzustellen

Im vorigen Sommer initiierte das Kuratorium einen Studentenwettbewerb an der Fachhochschule Anhalt zur Gestaltung des Projektes. Eine Jury, der neben Professoren der Fachhochschule auch die städtischen Bau- und Planungsamtsleiter, der evangelische Kreisoberpfarrer und der katholische Propst angehörten, entschied sich zwischen fünf eingegangenen Arbeiten für einen 16 Meter hohen weißen Stahlbetonturm mit dem Grundriß einer Parabel. In jüngster Zeit meldeten der Dessauer Bürgermeister und einige Innenstadt-Kaufleute allerdings Kritik an diesem Entwurf, der ihnen zu groß erschien. Kuratorium und Stadtrat suchen derzeit einen Kompromiß. Im Gespräch ist eine niedrigere Variante

Das Geld für das Projekt, alles in allem mehr als 100 000 Mark, soll ausschließlich durch Spenden aufgebracht werden. Etwa ein Zehntel der Summe ist bereits zusammengekommen. Sobald die Glocke fertig gegossen und installiert ist, will das Kuratorium sie der Stadt Dessau schenken. Zu welchen Anlässen sie geläutet werden soll, wird der Stadtrat dann in einer entsprechenden Läuteordnung festlegen. Sicherlich wird die Glocke am 3. Oktober erklingen und am 7. März, dem Jahrestag der Zerstörung Dessaus im Zweiten Weltkrieg

Wer das Kuratorium Friedensglocke unterstützen möchte, kann sich an Lothar Ehm wenden, Muldstraße 88, 06844 Dessau, Telefon (03 40) 2 60 60 12. Informationen über das Projekt Friedensglocke gibt es auch im Internet unter der Adresse www.friedensglocke.de.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 15 des 49. Jahrgangs (im Jahr 1999).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 18.04.1999

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