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Bistum Dresden-Meißen

Kirche in Frankreich zum Thema gemacht

Katholische Akademie

Dresden - "Wie Gott in Frankreich" - nein, das Vortragsthema der Katholischen Akademie in Dresden hatte trotz gutem Pausenschmaus nichts mit Essen zu tun. Der 75jährige französische Professor Jean Courtois aus Lyon gab stattdessen einen fundierten geschichtlichen und aktuellen Überblick über die Situation der katholischen Kirche in unserem großen westlichen Nachbarland

Der Germanist Courtois - nebenbei nach eigenen Angaben "Historiker und engagierter Katholik" schilderte in einem ersten Vortrag, wie seit der Zeit der französischen Aufklärung ein Spannungsverhältnis zwischen Staat und Kirche bestand. Die freie Entfaltung der Wissenschaft und der neuzeitlichen Kultur brachte ein sehr kirchenfeindliches Frankreich hervor, gleichzeitig konnte sich die katholische Kirche aber auch von veralteten Frömmigkeitsformen befreien. In der Folge der französischen Revolution 1789 entzweiten sich Kirche und Staat in der Frage der kirchlichen Güter, was bis zur Enteignung der Kirche führte. Alle nicht-karitativen Orden und Klöster mußten 1790 aufgehoben werden; 40 000 Priester wurden eingekerkert und zum Teil hingerichtet

1793 schließlich wurde offiziell das Christentum abgeschafft und durch den "Kult der Vernunft" ersetzt. Erst nach dem Wiener Kongreß 1815 blühte die Religion im Zuge der Restauration wieder auf

Als aber 1879 die Republikaner an die Macht kamen, wurde die Säkularisierung des öffentlichen Lebens wieder vorwärts getrieben. 1901 wurden wiederum alle nicht-karitativ tätigen Ordensleute des Landes verwiesen; sogenannte Kulturvereine, vor allem mit Atheisten besetzt, verwalteten das Kirchengut. Den Höhepunkt brachte 1906 das Gesetz zur völligen Trennung von Kirche und Staat. Die Republikaner rechneten nun mit dem Tod der Kirche, jedoch trat das Gegenteil in Form einer Erneuerung ein. Nach dem Ersten Weltkrieg erkannte man auch staatlicherseits wieder, daß die Kirche zum "nationalen geistigen Erbgut" gehörte, da sie sich im Dienste der Menschen engagierte. Beide Weltkriege führten zur Solidarität zwischen Christen und kirchenfeindlichen Menschen in Frankreich, wie Professor Courtois ausführte

Seit Ende des 19. Jahrhunderts gab es auch innerkirchlich große Kontroversen über den Weg des Katholizismus. Konservative stritten mit progressiven Kräften, die eine grundlegende Erneuerung des Glaubens und eine Aussöhnung der Kirche mit der freiheitlich-demokratischen Gesellschaft forderten. Erst Anfang dieses Jahrhunderts wuchs in der französischen Kirche die Einsicht, daß man sich mit den modernen Lebensformen aussöhnen und harmonieren könne. Erst in den 40er Jahren ging diese Saat auf, es bildete sich etwa die berühmt gewordene und heute noch aktive Bewegung der Arbeiterpriester. Die Impulse des Zweiten Vatikanischen Konzils erreichten das Kirchenvolk wenig, da zu vielen abstrakten Thesen zu wenige Ausführungsbestimmungen entgegenstanden. Das Fehlen von praktischen Anweisungen führte bei Pfarrern und Laien zu Unmut, bei vielen Bischöfen zu zweideutigem Schweigen - eine Reaktion, die auch heute noch oft festzustellen ist, wie Courtois bemerkte

Im zweiten Teil informierte der Lyoner Professor über die aktuelle Situation der französischen Kirche. Das Sprichwort "Leben wie Gott in Frankreich" hieß früher "Leben wie die Geistlichkeit in Frankreich" und spielte auf den großen Reichtum des Klerus hin. Heute jedoch ist es kein Geheimnis, daß die Pfarrer mit einem vergleichsweise sehr geringen Lohn auskommen müssen. Kirchensteuern werden in Frankreich nicht staatlich erhoben; die Pfarrgemeinde zieht auf eher freiwilliger Basis etwa ein bis drei Prozent des Jahreseinkommens ein - "Wenn man nicht zahlt, wird aber nicht nach einem gefahndet", so Courtois mit einem Augenzwinkern. Die Situation der Kirche allgemein habe sich in den letzten Jahrzehnten merklich gebessert, berichtet Courtois, "der Staat hat sich inzwischen darauf besonnen, daß die Kirche zum französischen Gesellschaftsbild gehört". Er übernimmt so etwa die Kosten für katholische Krankenhäuser oder für die Gefängnis- und Militärseelsorge

Alle vor 1905 gebauten Kirchen werden mit staatlichen Mitteln instand gehalten bei 37 000 Kirchen und fast 200 Kathedralen in Frankreich wäre das von der Kirche allein nicht zu leisten. 18,6 Prozent der französischen Schüler gehen heute auf katholische Schulen - die ebenfalls vom Staat finanziert werden. Der selbst in der Lehrerfortbildung tätige Jean Courtois sieht jedoch kaum einen Unterschied zwischen konfessionellen und staatlichen Schulen, auch weil die meisten katholischen Einrichtungen sich nicht wie in Deutschland ihre Schüler aussuchen dürfen. In den staatlichen Schulen Frankreichs gibt es vielfach sogenannte Seelsorgezentren, in denen Jugendliche mit dem christlichen Glauben bekanntgemacht werden. Gleichzeitig sind sie eine Chance für die Kirche, sich mit der säkularisierten Welt auseinanderzusetzen

Die Probleme der Kirche sind ähnlich wie in Deutschland: Seit Anfang der achtziger Jahre ging zum Beispiel die Zahl der Pfarreien um 16 Prozent zurück, es gab 1995 20 Prozent weniger Taufen, 34 Prozent weniger Priester und 35 Prozent weniger Hochzeiten als noch 1981/82. Immerhin gibt es noch in 32 000 der verwaltungsrechtlich 38 000 Ortsgemeinden eine Pfarrgemeinde. Mit 43 Millionen Menschen gehören immerhin 79 Prozent der Bevölkerung der katholischen Kirche an. Protestanten und orthodoxe Christen sind übrigens mit unter zwei Prozent nahezu unbedeutend, dagegen bilden die Muslime mit über 7,2 Prozent die zweitgrößte Glaubensgemeinschaft im Land

Courtois sieht in der gegenwärtigen Situation eine positive Herausforderung: "Die Trennung von Kirche und Staat ist auch eine unerwartete Chance der Selbsterneuerung und der Öffnung zur Welt." Viele Glaubenstraditionen seien völlig überholt", eine neue Form der Kirche werde Auferstehung feiern. Und Spekulationen über den weiteren Weg der französischen Kirche sieht der Professor gelassen entgegen und zitiert ein Sprichwort: "Der liebe Gott muß immer lachen, wenn wir über die Zukunft seiner Kirche reden."

Christian Saadhoff

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 5 des 49. Jahrgangs (im Jahr 1999).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 07.02.1999

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