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Aus der Region

Erfurter Moraltheologe zur Abtreibungspille

Interview

Die Abtreibungspille RU 486 soll nun auch in Deutschland auf den Markt kommen. Dies wird vor allem von verschiedensten Vertretern der katholischen Kirche scharf kritisiert. Der Tag des Herrn sprach mit dem Erfurter Moraltheologen Josef Römelt über die Abtreibungspille und Konsequenzen ihrer Anwendung.

Herr Professor, wird durch RU 486 Abtreibung noch einfacher?
In gewisser Hinsicht ja. Der jeweiligen Frau bleibt der operative Eingriff erspart. Ob diese Methode insgesamt schonender ist, müssen Mediziner entscheiden. Die existentielle Problematik hingegen bleibt die gleiche: Die Frau weiß, daß sie schwanger ist, und entscheidet sich - nicht selten von anderen dazu gedrängt - gegen das Kind und damit für dessen Tötung.
Ist die Verwendung einer solchen Pille prinzipiell zu verurteilen?
Zunächst einmal ist es gut, wenn sich Mediziner darum mühen, die Gesundheit von Frauen, die sich in einer Konfliktsituation für eine Abtreibung entschieden haben, bei der Vornahme des Schwangerschaftsabbruchs so weit wie möglich zu schonen und sie vor "Kurpfuschern" zu bewahren. Es gibt wohl auch eine therapeutische Bedeutung der Pille, zum Beispiel bei lebensbedrohlichen Situationen. Doch in erster Linie dient RU 486 zweifellos der Tötung menschlichen Lebens im Mutterleib.
Welche Folgen sind bei der Zulassung von RU 486 in Deutschland zu erwarten?
Da diese Pille im allgemeinen innerhalb der ersten sechs bis sieben Schwangerschaftswochen angewandt werden muß, wächst bei einem Schwangerschaftskonflikt die Gefahr einer vorschnellen Entscheidung gegen das Kind. Zudem ist zu befürchten, daß es zu einer Privatisierung des Schwangerschaftsabbruchs kommt.
Inwiefern?
Mit der Abtreibungspille wird es leichter, die gesetzlichen Regelungen klammheimlich zu umgehen, also beispielsweise die Teilnahme an einer Beratung. Zudem ist zu befürchten, daß es RU 486 quasi unter dem Ladentisch geben wird. Damit könnte es eine Dunkelziffer an Abtreibungen geben. Hier wird sich der Gesetzgeber etwas einfallen lassen müssen, wie er den Einsatz und den Vertrieb der Pille kontrollieren und seine eigenen Gesetze durchsetzen will, wonach Abtreibung als Tötung menschlichen Lebens ein Straftatbestand ist.
Wie beurteilen Sie in dieser Situation die Frage eines möglichen Rückzugs der Kirche aus der Schwangerschaftskonfliktberatung?
Unsere Gesellschaft nimmt Abtreibung immer weniger als ethisches Problem wahr. Die Verpflichtung, vor einem Schwangerschaftsabbruch eine Beratung aufzusuchen, ist eine Chance, Leben zu retten. Hier ist die Kirche zweifellos gefordert.
Mediziner werben für eine verantwortungsbewußte Empfängnisverhütung, um Schwangerschaftskonflikte weitgehend zu vermeiden. Was sagen Sie als katholischer Moraltheologe dazu?
Ein bewußter Umgang mit den Möglichkeiten der Schwangerschaftsverhütung und Familienplanung ist auch aus der Sicht einer christlichen Ethik ein wichtiger Teil verantworteter Elternschaft und des Lebensschutzes. Insofern ist dies nur zu unterstreichen.

Interview:Eckhard Pohl

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 3 des 49. Jahrgangs (im Jahr 1999).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 24.01.1999

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