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Bistum Erfurt

Neupriester Siegfried Bolle

Porträt

Er macht nicht viel Aufhebens um seine Person: Siegfried Bolle, 32 Jahre alt, 1,96 Meter groß, und 110 Kilogramm schwer, ist ein umgänglicher, geselliger und zugleich eher zurückhaltender Mensch, wie er selbst sagt. 100 Tage ist der Neupriester inzwischen Vikar in der Heiligenstädter Propsteigemeinde St. Marien - eine Zeit, die für Siegfried Bolle "so schnell wie bisher noch kein Lebensabschnitt vorbeigegangen" ist. Der aus Worbis stammende Seelsorger hat inzwischen schon viele Male die heilige Messe gefeiert, hält Ministrantenstunden, bietet Jugendabende an, hat einen Kreis für junge Erwachsene eröffnet. Und mehrere Kinder hat er auch schon getauft. Zudem ist er als der Vikar von St. Marien Sekretär des Bischöflichen Kommissarius des Eichsfeldes

Siegfried Bolle kocht und tanzt gern und liest mit Vorliebe die Horrorgeschichten des amerikanischen Schriftstellers Stephen King. Im ersten Stock der Kaplanei hat er sich einen gemütlichen Wohn- und daneben seinen Arbeitsraum hergerichtet. Im Erdgeschoß, wo sich gegenüber seiner Küche auch ein Gemeinderaum befindet, soll es bald ähnlich gastfreundlich aussehen

Besonders wichtig ist dem im Sommer geweihten Priester die gottesdienstliche Feier. "Die Liturgie ist der Ort, an dem ich am dichtesten mit der Gemeinde mitleben kann", sagt Siegfried Bolle. "Liturgie ist gewissermaßen das Rückgrat, das uns hilft, als Gemeinde Gott zu begegnen. Ich spüre, wie bei den Leuten ein Bedürfnis nach kultischem Tun vorhanden ist, zumal in unserer Gesellschaft mit den Dingen des Lebens sehr profan umgegangen wird."

Siegfried Bolle hat sich seine Entscheidung, Priester zu werden, nicht leicht gemacht: Von seinem Lehrberuf her Koch, machte der Eichsfelder im Magdeburger Norbertuswerk Abitur. Er hatte gerade zwei Jahre in Erfurt Philosophie und Theologie studiert, als sich mit der Wende viele neue Möglichkeiten eröffneten: Weihnachten 1989 ließ sich Siegfried Bolle für ein Jahr von der Priesterausbildung beurlauben. Anfang 1991 nahm er sein Studium wieder auf und beendete es 1993 als Diplom-Theologe. Um sich seiner Berufung noch klarer zu werden, ging der Theologe - eher zufällig, wie er sagt - zwei Jahre ins Ordenshaus der Redemptoristen nach Hennef. Als er von dort zurückkehrte, schickte ihn Bischof Jo-achim Wanke für ein Jahr als pastoralen Mitarbeiter in die Pfarrei Mühlhausen. Im Rahmen des sich anschließenden zweijährigen Pastoralkurses war er dann ein halbes Jahr in Heiligenstadt zum Gemeinde- und das Jahr darauf ein halbes Jahr in Weimar zum Diakonatspraktikum. Vikar Siegfried Bolle bereut seinen langen Ausbildungsweg nicht: "Heute, mit 32, kann ich es mir schlecht vorstellen, daß ich schon mit 24 Jahren hätte Kaplan sein können", sagt der Neupriester. "Schließlich kommt man gerade in der persönlichen Seelsorge mit Menschen in den unterschiedlichsten Lebenssituationen zusammen, wo es ganz gut ist, ein paar Jahre mehr Lebenserfahrung zu haben."

Siegfried Bolle möchte mit seinem priesterlichen Dienst Menschen Mut machen, den persönlichen Lebensweg und den der eigenen Familie bewußt und nach christlichen Maßstäben zu gestalten. Das eigene Leben in die Hand zu nehmen, heißt für den 32jährigen Eichsfelder vor allem, sich aus dem Glauben heraus nicht dem allgemeinen Konsumzwang zu unterwerfen, eigene freie Zeit bewußt zu gestalten und zwischenmenschliche Kontakte zu suchen und zu pflegen. "Es nützt jedoch nichts, hohe Forderungen aufzustellen und auf alle, die sie nicht erreichen, von der Kanzel einzuschimpfen", sagt der Seelsorger. "Stattdessen will ich immer wieder versuchen, Menschen zu ersten Schritten zu ermutigen."

Wenig zufrieden ist Siegfried Bolle - ganz im Gegensatz zu seinem Dienst in Schulen in Bonn und in Hüppstedt - mit Erfahrungen, die er bisher mit dem schulischen Religionsunterricht in der Regelschule in Heiligenstadt gesammelt hat: "Unter den Schülern der siebenten, achten und neunten Klasse sind viele verhaltensauffällige und sozialgestörte Mädchen und Jungen, die sich sehr schwer tun mit dem Lernen. Religion steht bei ihnen ganz hinten an", sagt der Vikar und Religionslehrer. "Unter diesen Umständen stößt der schulische Religionsunterricht an seine Grenzen."

Gerade weil er jeden Tag mit vielen und unterschiedlichsten Menschen zusammenkommt, sucht Siegfried Bolle bewußt immer wieder auch die Stille und ist froh, wenn es am Tag eine Zeit gibt, wo er innerlich zur Ruhe kommt und die Probleme des Tages "ins Gebet nehmen" kann. Besondere Gebete bevorzugt der Geistliche nicht. "Ich schätze es besonders, wenn alle im Gottesdienst oder anderswo gemeinsam das Vaterunser beten", sagt Siegfried Bolle

Über die kirchliche Situation macht sich der Seelsorger keine Illusionen: "Wir leben in einer Zeit, in der Menschen zwar eine große Sehnsucht nach mehr haben, aber es nicht schaffen, sich auf Gott einzulassen. Hinsichtlich der Frage, wie die Kirche sie erreichen könnte, herrscht viel Ratlosigkeit. Wichtig ist jedenfalls", so Siegfried Bolle, "dazu zu stehen, daß wir im Moment nicht wissen, wie wir als Kirche die Menschen mit der frohen Botschaft des Evangeliums erreichen können." Vikar Bolle hält es für einen guten Weg, wenn sich die Kirchen zu zentralen gesellschaftlichen Fragen zu Wort melden, wie dies etwa mit dem Sozialpapier und den "Neun Geboten für die Wirtschafts- und Sozialpolitik" für "Mehr Beteiligungsgerechtigkeit" geschehen ist. "Daran wird das Interesse der Kirche am Wohl jedes einzelnen Menschen sichtbar", meint der Seelsorger

Vikar Bolle ist Eichsfelder und dies mit Überzeugung: "Ich halte mich für sehr bodenständig", sagt er. "Unsere eichsfeldische Heimat hat schon was mit ihren Dörfern und der schönen Landschaft." Dennoch reist der 32jährige auch gern durch die Welt, war beispielweise schon in Marokko und plant eine Tour nach Israel. Und als Seelsorger in die Diaspora würde er selbstverständlich auch gehen

In diesen Adventstagen hat der Vikar alle Hände voll zu tun. "Nach den Weihnachtsgottesdiensten wird es dann aber ruhiger", sagt er. Dann wird er auch seine Angehörigen besuchen. Den Silvesterabend hält sich der Neupriester ganz bewußt für das Zusammensein mit alten Freunden frei. "Es ist mir wichtig, wieder einmal ein paar Stunden in meinem alten Freundeskreis aus Worbis verbringen zu können. Für sie, die größtenteils verheiratet sind und Kinder haben, bin ich nicht der Vikar, sondern ein- fach ein alter Freund. Und das tut auch mal gut.

Eckhard Pohl

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 51 des 48. Jahrgangs (im Jahr 1998).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 20.12.1998

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