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Aus der Region

Dekana(h)tlose nehmen Kirche aufs Korn

Kirchenkabarett

"Wir heißen Sie herzlich willkommen im Fitneßcenter Johannes Paul der Zweite! Ich bin Ihre Fitneßleiterin. Ich bitte Sie alle, einmal aufzustehen. Ja, alle." Die resolute Stimme der jungen Frau tönt durch den Saal. Auf der Bühne stehen drei Herren. Sie bewegen sich synchron in einheitlich bunt bedruckten T-Shirts. Mit freundlichen Mienen warten sie auf die Anweisungen der resoluten Stimme

"Die Herren hier vorne werden Ihnen die Bewegungen zeigen, und Sie brauchen es ihnen dann nur nachmachen. Wir beginnen mit einer ganz einfachen Übung: Wir schließen die Augen. Ja, bitte alle die Augen schließen. Auch Sie, ja! Prima! Wir verschließen die Augen vor der Wirklichkeit. Wir sitzen zwischen den Stühlen, und nun langsam den Kopf einziehen. Nehmen Sie die Schultern hoch. Ja, so ist es gut. Und nicht vergessen: Ohren steifhalten!" Viele der Zuschauer des katholischen Kabaretts "Die Dekana(h)tlosen" ziehen mit spitzbübischem Grinsen die Schultern hoch

"So, nun klappen wir die Ohren zu. Wir treten auf der Stelle. Pobacken fest zusammenkneifen und langsam drehen. Und schon sind wir beim Eiertanz. Wir gehen in die Knie, fassen uns an den Händen und richten uns aneinander auf - wir üben zusammen den aufrechten Gang. Aber bitte ganz langsam!"

Das Publikum im Gemeindehaus der Pfarrei der Heiligen Familie in Dresden besteht aus den Mitgliedern des Diözesanrates im Bistum Dresden-Meißen. Die Dekana(h)tlosen, über die sich die Zuschauer amüsieren, sind seit 30 Jahren eines der bekanntesten Kirchenkabaretts in Ostdeutschland. Knapp 20 Jahre ihres Schaffens reisten sie durch die DDR. Seit der Wende haben nun auch westdeutsche Zuschauer die Gelegenheit, die Kirche und ihre Schäfchen unter der kabarettistischen Lupe der Dekana(h)tlosen zu betrachten

Ihre Kritik soll nicht verletzen. Den fünf Männern und drei Frauen der Dresdner Gruppe geht es um anderes: "Überall da, wo sich in der Kirche etwas verselbständigt, zur Bürokratie erstarrt, wollen wir mit der Wundermedizin Lachen den Krampf lösen helfen und damit die menschliche Seite in der Kirche aufzeigen", heißt es in ihren Programmheften. Es war der österreichische Bischof Zauner dessen Worte ihnen entscheidende Impulse gaben: "Wer sich für eine Sache nicht interessiert, der ärgert sich auch nicht, wenn sie schief geht ... Wer sich über die Kirche noch nie geärgert hat, der hat sie vielleicht noch nie geliebt. Weil die Kirche immer unvollkommen sein wird, wird auf die Dauer nur der mitmachen können, der auch lachen kann. Alles Menschliche ist doch zum Weinen oder zum Lachen, und beides liegt recht nah beieinander. Wer über den Mist, den die Kirche halt auch macht und der wirklich manchmal zum Weinen ist, auch einmal lachen kann, dem kommt die Freude vielleicht wieder."

Begonnen hatte das "Unternehmen" im Sommer 1968. Der damalige Diözesanjugendseelsorger Dieter Grande suchte einen besonderen Beitrag zur Pfarrjugendhelfertagung. Er hatte sich die Idee von einem katholischen Kabarett "in den Kopf gesetzt". So sammelte er eine Handvoll Haupt- und Ehrenamtlicher. Die Arbeit begann und das erste Programm derjenigen, die mit ihrem Tun eben an kein Dekanat gebunden sind, ging in Serie. Ein Jahr später fand die Synode statt und wieder war der Ruf nach einem Programm des Kabaretts hörbar. "Danach hat es sich nicht mehr gelohnt aufzuhören", meint Klaus Milde, der ein Jahr nach der "Geburt" des Kabaretts hinzustieß und seitdem die Truppe stark geprägt hat

Über die Jahre hat sich die Zusammensetzung hin und wieder verändert. Seit etwa zehn Jahren karikieren, singen und gestikulieren bei den Dekana(h)tlosen die Damen Marianne Illing, Ursula Jurk, Nicola Boden und bei den Herren Klaus Milde, Walter Säuberlich, Markus Hoffmann und Matthias Plewa. Die beiden erstgenannten spielten schon 1968 im Ensemble. Als Pianist ist Dietrich Haufe ein fester Bestandteil der Truppe. Seine Musik füllt die Pausen zwischen den Szenen mit einer meist auf den Punkt zum Beitrag passenden Melodie. Sie ist geradezu das sprichwörtliche Tüpfelchen auf dem "i". Dietrich Haufe ist evangelisch und "sorgt bei den Katholen für den rechten Ton". So drücken es die Hobbyschauspieler gerne aus

Das Zusammensein in der Gruppe ist "wie in einer Familie - mit Knatsch und viel Zuneigung", erläutert Klaus Milde. "Die Gemeinschaft, die wir haben, ist für mich sehr wichtig", sagt Walter Säuberlich und erzählt von den gemeinsamen Busfahrten zum Auftrittsort, von den - natürlich liebevollen - Frozzeleien und den typischen Gesprächen, bei denen, wie auf der Bühne, jeder so seine Rolle einnimmt. Auch die Rolle des "Prügelknaben" ist (durch eine Frau) besetzt. Es geht oft sehr lustig zu in dem Kleinbus. "Wir können uns dann so richtig hochschaukeln. Die Auftritte danach werden meistens auch besser, weil wir lockerer sind." Aber auch ernste Probleme können zur Sprache kommen, da sich wertvolle Freundschaften entwickelt haben

Schwierige Phasen haben die Dekana(h)tlosen aber auch erleben müssen. Besonders in den 80er Jahren, als einige Mitglieder die damalige DDR verließen. Zehn Frauen, 16 Männer und fünf Pianisten schenkten insgesamt dem katholischen Kabarett ihre Kraft und Freizeit. Dabei legten sie mehr als 100 000 Kilometer durch 17 Bistümer zurück. Mindestens 90 000 Menschen lachten über die zwölf verschiedenen Programme der Dekana(h)tlosen

Nach der Wende wurde die Arbeit allen Vermutungen zum Trotz schwieriger. Die Kabarettisten wurden privat vor neue Probleme gestellt. Existenzsicherung, Streß und Konkurrenzkampf im Beruf rauben nun viel Zeit. Früher habe er Ideen und Gedanken oft mit über den Tag nehmen können, erzählt Walter Säuberlich, aber heute bliebe dafür "kein Millimeter im Berufsalltag". Allem Zeitdruck zum Trotz ist es ein großes Anliegen der Dekana(h)tlosen, wieder mehr Auftritte zu haben. Leider seien die Einladungen seit der Wende rarer geworden

Ihr aktuelles Programm "Rostet und seht" bringt eine Auswahl aus den zwölf verschiedenen Programmen, die die Dekana(h)tlosen während der letzten 30 Jahre bei Tagungen, Kongressen und Gemeindeveranstaltungen der katholischen und evangelischen Kirche aufführten. Knallhart geht es hier zur Sache: Da klärt die Toilettenfrau einer katholischen Einrichtung im reinsten Sächsisch ihr Publikum über die geweihte Toilette auf: "Da darf keen Laie droff. Beim Diakon hört's off."

Einen Rußlanddeutschen kann man auf der Bühne kennenlernen, der gerne Christ werden will und in einem katholischen Pfarramt landet. Hier bekommt er den Unterschied zwischen christlich und christlich erklärt. Er lernt, daß die "Evangelen" im Prinzip genauso sind wie die "Katholen", aber eben doch ganz anders. Neben den höheren Geheimnissen der Ökumene und des Frauenpriestertums kann man hier außerdem den Unterschied zwischen objektiver und subjektiver Wahrheit bestaunen

Für ein hohes Niveau des Kabaretts sorgte all die Jahre die "Mutter" der Dekana(h)tlosen, die Kabarettistin Gisela Grube. "Durch ihre harte Schule mußten wir alle gehen", erinnern sich Markus Hoffmann und Walter Säuberlich. Der verheißungsvolle Tonfall, mit dem sie es erzählen, läßt vermuten, daß sie genau wissen, wovon sie reden. Dieser Unterricht, sind sie sich einig, ist sehr wichtig, denn nur so könnten sie gutes Kabarett zeigen

Trotz aller Begeisterung gab es auch immer wieder Kritik. Mancher Zuschauer empfand die ein oder andere Pointe als Verrat der kirchlichen Lehre. Etwa, wenn so heikle Themen wie die Frage der Empfängnisverhütung aufs Korn genommen werden: "Wenn die Männer die Kinder kriegen müßten, dann wäre die Verhütung längst ein Sakrament." Den Akteuren tut es weh, wenn ihr Publikum sie mißversteht. Sie wollen mit ihrer "nicht versteckten, aber doch verpackten Kritik" nichts kaputt machen. "Wenn ich kein Interesse an etwas habe, bräuchte ich auch nicht zu kritisieren. Da könnte ich auch sagen: Laß die doch ihren Mist alleine machen", erklärt Walter Säuberlich

Ihre Bischöfe hatten die Dresdner jedenfalls immer hinter sich. Bischof Otto Spülbeck soll manche Texte der Dekana(h)tlosen fast auswendig gekannt haben. Sein Nachfolger Gerhard Schaff-ran habe sich sogar selbst als Zielscheibe der Kritik angeboten, solange Gebet und Glaubensinhalte nicht im Mittelpunkt der Spöttelei stünden. Dieses Anliegen ist ebenfalls das der Akteure. Auch für sie gibt es Grenzen. Mit Bischof Joachim Reinelt gebe es da ebenfalls keine Probleme

Am liebsten erinnern sich die Dekana(h)tlosen an Aufführungen, bei denen das Publikum so richtig mitging; etwa die Aufführung vor 700 Kindergärtnerinnen in Fulda. "Die haben uns richtig ausgesaugt", berichtet begeistert Walter Säuberlich. Die größte Freude ist es für die Kabarettisten, wenn sie das Empfinden, die Fragen ihres Publikums genau treffen. Manchmal, so resümieren sie, sei das sehr unerwartet passiert, an Stellen, wo sie es gar nicht vermutet hatten. "So bleibt immer die Spielfreude erhalten"

"Für Geld würde ich es nicht machen wollen", ist sich Walter Säuberlich sicher. "Dann würde ich den Spaß daran verlieren, wenn es meine Arbeit wäre." Für ihre Auftritte verlangt die Truppe tatsächlich nur die Fahrtkosten und eine geringe Aufführungsgebühr, die sie zum großen Teil für Requisiten, Scheinwerfer oder ähnliches ausgeben. Für sie ist das Kabarett ja auch "nur" Hobby. Beruflich setzt sich die Gruppe zusammen aus einer Bibliothekarin, einer Chefsekretärin und einer Physiotherapeutin, einem Sozialarbeiter, einem Maschinenbauingenieur, einem Klempnermeister, einem Biologen und dem Pianisten, der "im wahren Leben" Elektroingenieur ist

Nebenberuflich ist die Arbeit für die Akteure über all die Jahre nur deshalb zu schaffen, weil sich die brisanten Themen in der Kirche nicht so schnell ändern, wie in der Politik. Markus Hoffmann drückt es so aus: "In der Kirche sind eben die Probleme seit 2000 Jahren etwa die gleichen."

Juliane Hutmacher

Wenn Sie Interesse an einem Auftritt des Ensembles haben, hier die Kontaktadresse: Klaus Milde, Staffelsteinstraße 10, 01326 Dresden, Tel.: (0351) 2 68 49 53, Fax: (0351) 2 68 44 38

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 51 des 48. Jahrgangs (im Jahr 1998).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 20.12.1998

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