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Bistum Görlitz

Vom Bauernhof ins Kloster

Vorgestellt

Es war ein großer Tag für die Generaloberin der Kongregation der Hedwigsschwestern, Schwester M. Michaela Andörfer: Am 9. September wurde ihr das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen. Anlaß war die Festveranstaltung zum 50jährigen Bestehen des Heilpädagogischen Kinder- und Jugendheimes "Sancta Maria" und des Mutterhauses der Hedwigsschwestern in Berlin-Wannsee

Die Auszeichnung wurde von Ingrid Stahmer, der Berliner Senatorin für Jugend, Schule und Sport, im Auftrag von Bundespräsident Roman Herzog vorgenommen. In ihrer Laudatio würdigte Frau Stahmer das "immer zeitgemäße Engagement im Kinder- und Jugendhilfebereich" durch die Kongregation der Hedwigsschwestern. Besonders hob die Senatorin hervor, daß "Sie sich auf Bitten der Berliner Verwaltung im Jahr 1986 bereit erklärten, eine Kleinstgruppe von HIV-positiv-infizierten Säuglingen und Kleinkindern zu betreuen. Dies geschah in einer Zeit, als das Aussprechen von HIV oder AIDS allgemeine Verunsicherungen und hysterische Reaktionen in der Öffentlichkeit auslösten."

Schwester Michaela, die im Jahr 2000 ihr goldenes Ordensjubiläum feiert, stammt aus Döbern bei Forst. Als drittes Kind unter sieben Geschwistern war sie nach Abschluß der Grundschule im elterlichen Geschäftshaushalt tätig. Zur Tafelglasschleiferei - der Vater war 1919 aus Böhmen nach Döbern gekommen - gehörten auch Ländereien. Die 96jährige Mutter von Schwester Michaela, Margarete Andörfer, erzählt: "Christel - so der bürgerliche Vorname - ging als junges Mädchen ganz in der Landwirtschaft auf. Sie fuhr Trecker und konnte mit Pferden, Kühen und Schweinen umgehen wie keine zweite. Eines Tages, im Jahr 1949, stellte sie uns vor die vollendete Tatsache. Könnt ihr euch vorstellen, daß ich Ordensfrau werde?"

Was lag näher, als bei den Schwestern einzutreten, die sie seit der Kindergartenzeit hautnah erlebt hatte. In Berlin-Wannsee, wo sie in die Kongregation eintrat und 1950 eingekleidet wurde, besuchte sie zunächst das Konservatorium und wurde "Orgelschwester" wie Mutter Andörfer, die heute im Heim der Hedwigsschwestern lebt, weiter berichtet

1969 wurde Schwester Michaela erstmals und seitdem bereits viermal in Folge zur Generaloberin der Hedwigsschwestern gewählt. Das Mutterhaus, ursprünglich in Breslau angesiedelt, mußte wegen der Ereignisse nach dem Zweiten Weltkrieg 1948 nach Berlin-Wannsee verlegt werden. Der Schwerpunkt der Arbeit der Hedwigsschwestern lag immer in der Sorge um geistig- und lernbehinderte Kinder. Als "Schwachsinnige" oder zu "Dorftrotteln" abgestempelt, galten sie nicht als förderungswürdig, und wurden im Dritten Reich sogar getötet

Was die Hedwigsschwestern mit unermüdlichem Engagement auf diesem Gebiet geleistet haben, gilt heute als beispielhaft. In Döbern, entsteht zur Zeit ein neues Altenpflegeheim mit 60 Plätzen in der Trägerschaft der Kongregation. Noch in diesem Jahr soll es bezogen werden. Niederlassungen der derzeit 400 Hedwigsschwestern gibt es auch in Polen, Tschechien, Dänemark und seit 1992 in Weißrußland. Alle Fäden laufen in Berlin bei Schwester Michaela zusammen. Und so möchte sie die Auszeichnung, von der sie zwei Tage vor der Verleihung erfuhr, verstanden wissen: als Anerkennung für alle dienende Hilfs-, Arbeits- und Opferbereitschaft aller Schwestern, aber auch aller Zivilangestellten in ihren Häusern

Klaus Schirmer

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 40 des 48. Jahrgangs (im Jahr 1998).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 04.10.1998

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