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Bistum Magdeburg

Inventur fr die Seele

Fuwallfahrt

Magdeburg / Klschen Hagis (tdh) - Eigentlich war sie mal eine Notlsung, aber inzwischen ist sie nicht mehr wegzudenken: die jhrliche Fuwallfahrt im August von Magdeburg zum Klschen Hagis im Eichsfeld. Geboren wurde der Gedanke zu dieser Wallfahrt 1981, als es durch die Verhngung des Kriegszustandes in Polen fr ostdeutsche Katholiken nicht mehr mglich war, an der jhrlichen Tschenstochau-Wallfahrt teilzunehmen. Inzwischen aber hat sich viel verndert, erzhlt Kap-lan Christoph Baumgarten, der zum neunten Mal an der Wallfahrt teilnimmt: "Es kommen Leute aus ganz Deutschland, manchmal auch aus anderen Lndern, aus Ungarn oder Guatemala. Und so hat die Wallfahrt ihren eigenen Wert entwickelt." Das besttigt Georg Tasse, Religionslehrer aus Berlin und zum sechsten Mal dabei: "Die Wallfahrt war am Anfang vielleicht ein Notbehelf, inzwischen aber hat sie ein sehr intensives Eigenleben entwickelt. Niemand von der Teilnehmern mchte sie missen und die meisten warten schon auf das nchste Mal."
Die Wallfahrt ist am 4. August in Magdeburg mit einem Besinnungstag losgegangen und wird am 15. August mit einem Festgottesdienst im Klschen Hagis enden. Insgesamt haben die Wallfahrer dann einen zehntgigen Fumarsch von 250 Kilometern hinter sich. Der Lebenstil in den Tagen ist einfach, bernachtet wird in Pfarrhusern, Klstern und Kirchen. Auf Radio und Fernsehen verzichten sie genauso wie auf Nikotin, Alkohol und Sigkeiten. Es gengen Brot, Bchsenfleisch, Tee und klares Wasser, gelegentlich eine warme Suppe. Mancher Wallfahrer macht inzwischen zum 15. oder 16. Mal mit, aber gut die Hlfte der knapp 100 Teilnehmer zwischen 16 und 65 ist in diesem Jahr zum ersten Mal dabei. Zum Beispiel Christina aus Mecklenburg-Vorpommern: "Es lohnt sich auf alle Flle mitzumachen, vor allem weil man merkt, was man sich alles zutrauen kann. Jeden Tag so 25 Kilometer, das macht einem schon zu schaffen." Bei diesen Anstrengungen - bleibt da noch Zeit frs Fromme: "Auf jeden Fall. Und nach ein, zwei Tagen ist man voll drin."
Und das "fromme Programm" ist anspruchsvoll: Tgliche Eucharistiefeier, Rosenkranz und Christusgebet, Laudes und Vesper, Schweigen und Gesprch wechseln sich auf dem Weg abä Gerade das ist es, was Kerstin aus Sachsen-Anhalt positiv erlebt: "Die Wallfahrt ist schon beschwerlich, aber sie macht Spa. Ich wollte die Gelegenheit nutzen, um mir mal ein bichen Zeit zu nehmen. Und hier habe ich viel Zeit nachzudenken und zur Besinnung zu kommen. Dabei helfen auch die Stundengebete Laudes und Vesper."
Ein alter Wallfahrtshase ist Martina aus Mhlhausen. Zwar ist sie bei der Klschen-Wallfahrt zum ersten Mal dabei, aber sonst hat sie schon jede Menge Wallfahrts-Erfahrung: "Eine Wallfahrt lohnt sich immer. Man kommt krperlich in Bewegung und dadurch bewegt sich auch im Inneren etwas: Der Geist kommt in Bewegung. Man kommt zum Nachdenken. Es ist so wie bei einer Inventur: Wie weit bin ich gekommen? Wo will ich hin? Eine Wallfahrt hilft mir, meine Beziehung zu Gott ins rechte Licht zu rcken."
Wichtig ist, da die Wallfahrer dabei als Gruppe unterwegs sind. Die Verantwortung ruht auf vielen Schultern: auf den Priestern, den Gruppenleitern, dem Streckenmeister, der sehr viel Vorarbeit leisten mu und die ganze Organisation bernommen hat. Auch sonst trgt die Gruppe vieles. Georg Tasse: "Es gbe sicher manchen, der allein nicht ankommen wrde."
Die Erfahrung der Gemeinschaft beeindruckt Schwester Mechthild: "Es ist eine ganz andere Art von Miteinander und Unterwegs-Sein. Was mich fasziniert ist die Vielfalt der Menschen, die hier zusammenkommen." Hinzu kommt fr die Ordensfrau aus der Nhe von Wrzburg ein anderer, weniger frommer Aspekt, wie sie selber sagt: "Ich komme aus dem frheren Westen Deutschlands. Die Wende habe ich nur aus der Distanz mitbekommen. Jetzt erlebe ich die Situation hier vor Ort und komme mit Leuten von hier ins Gesprch. Dabei kann ich viel erfahren und lernen. Das auf einem geistlichen Hintergrund und miteinander zu verarbeiten, ist etwas besonderes."
Und wenn die Wallfahrer nach zehn Tagen ankommen, ist eine feste Gemeinschaft entstanden, haben viele neue Freunde gefunden. Christoph Baumgarten: "Das Schnste ist die Gemeinschaft. Man kann hier mal Kirchen kennenlernen ohne Titel und ohne da man etwas bestimmtes knnen mu. Es sind alles Brder und Schwestern. Auch wenn man sich erst am Anfang der Wallfahrt kennengelernt hat, am Ende geht man als Freunde nach Hause." Und dann warten viele schon auf eines der Treffen bers Jahr hinweg und auf die nchste Wallfahrt.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 33 des 48. Jahrgangs (im Jahr 1998).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 16.08.1998

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