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Aus der Region

Eure Freude ist ansteckend

Behinderte empfangen Sakramente

Auf diesen Tag hatten sich die vier geistig behinderten Männer schon lange gefreut: Am 12. Juli konnten die Bewohner des Caritas-heimes auf der Huysburg in der Eucharistiefeier der Gemeinde die Sakramente der Taufe, Firmung und Eucharistie empfangen und feiern. Mit dieser Feier erreichte eine Entwicklung ihren Höhepunkt, die bereits 1994 begonnen hatte. Damals hat der Caritasverband vom Landkreis Halberstadt die Trägerschaft des Heimes im Gästehaus des alten Klosters Huysburg übernommen. Seither ist es selbstverständlich geworden, daß Heimbewohner am Sonntagsgottesdienst der katholischen Mariengemeinde auf dem Huy teilnehmen. Sie haben ihren Platz in der Kirche und in der Gemeinde gefunden. Im Heim finden da-rüber hinaus in regelmäßigen Abständen Wortgottesdienste statt, an denen sich die Bewohner mit großer Begeisterung beteiligen

In den elf Wochen vor der großen Feier bereiteten sich die vier Männer - drei von ihnen sitzen im Rollstuhl - intensiv auf die Sakramente vor. Susanne Holfeld, Heilpädagogin in dem Heim, und Bruder Wolfgang Hubert, der als Diakon in der Mariengemeinde tätig ist, hatten den Taufunterricht gemeinsam vorbereitet. Für beide war die Zusammenarbeit eine neue und gute Erfahrung. In acht Unterrichtseinheiten versuchten sie, mit Unterstützung anderer Mitarbeiter des Caritasheimes, das Angebot des christlichen Glaubens und das Geschenk der Taufe für die Behinderten zu erschließen

Dabei war es für beide immer wieder eine Herausforderung, theologische Inhalte mit heilpädagogischen Methoden zu verknüpfen. Solche hilfreichen Methoden waren beispielsweise die Wahrnehmung der eigenen Sinne, Singen mit instrumentaler Begleitung, Handpuppenspiele, Brotbacken, Basteln und Malen. Susanne Holfeld und Bruder Wolfgang hielten sich an eine uralte liturgische Erfahrung: Wiederkehrende Rituale fördern das Erinnern und helfen dabei, etwas gemeinschaftlich zu gestalten. So endete jede Unterrichtsstunde mit einem Gebet um die brennende Osterkerze

Zum Gottesdienst, dem der Gemeindepfarrer Pater Petrus Henke vorstand, waren die Eltern und Angehörigen der Taufbewerber zum Teil von weit her gekommen. Im Anschluß an die Taufe sang eine Schola, die aus Jugendlichen der Gemeinde und Caritas-Mitarbeitern bestand, ein Tauflied, das verschiedene Aspekte des Sakramentes zum Ausdruck bringt. Anschließend spendete Pater Petrus den Neugetauften im Auftrag des Magdeburger Bischofs die Firmung und im weiteren Verlauf des Gottesdienstes die Eucharistie

Am Ende des Gottesdienstes bedankte sich der Heimleiter Ernst Günther im Namen der neuen Gemeindemitglieder. Sie könnten ihren Dank zwar deutlich durch Gesten, Mimik und Bewegungen, aber nur begrenzt durch Worte zum Ausdruck bringen. Es war nicht nur ein Dankwort an die Caritas-Mitarbeiter, sondern an die gesamte Gemeinde auf der Huysburg. Die Gemeinde habe die Bewohner des Heimes nicht nur toleriert, sondern sie mit ihren persönlichen Eigenarten so aufgenommen, daß sie sich geborgen und zuhause fühlen können, sagte der Heimleiter. Pater Petrus gab den Dank an die Behinderten zurück: "Eure Freude ist ansteckend", sagte er und machte damit deutlich, daß es für eine Gemeinde eine Bereicherung sein kann, Behinderte in ihrer Mitte zu wissen. Durch ihre herzliche und unkomplizierte Art könnten sie Erstarrtes beleben und manche festgefahrene Situation auflockern

In seiner Rede beim Festessen hob Ernst Günther die Bedeutung des Ereignisses hervor: Als die neugetauften Männer geboren wurden, hätte niemand daran gedacht, sie zu taufen oder eine Namensgebung zu feiern. Weil sie behindert sind, wurden sie damals nicht feierlich in Kirche und Gesellschaft aufgenommen. Solche Zeichen der Integration seien auch heute wichtig. Es gebe weiterhin Vorurteile, Unkenntnis und daraus erwachsend Ablehnung und Ausgrenzung von Menschen mit Behinderungen

Integration könne nicht nur "von oben" angeregt, sie müsse in oftmals kleinen, aber wahrnehmbaren Zeichen ausprobiert und gelebt werden. Integration bleibe für die christliche Gemeinde auf der Huysburg und für das Caritasheim auch in Zukunft eine wichtige Aufgabe. Noch in diesem Jahr soll das Heim in das nahegelegene Dorf Dingelstedt umziehen. Das Einleben in die dortige Dorfgemeinschaft wird eine neue Herausforderung sein

Nach ihrer großen Feier freuten sich die Neugetauften wie immer auf den Gottesdienst am folgenden Sonntag. Ihre geistlichen Begleiter wünschen sich, daß die "Ansteckungsgefahr" ihrer Freude um sich greift und viele Menschen erfaßt

ph/eg

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 31 des 48. Jahrgangs (im Jahr 1998).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 02.08.1998

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