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Aus der Region

Letzte Runde eingeläutet

Norbertinum

Mehr als 300 Priester in den neuen Bundesländern verdanken dem Magdeburger Norbertuswerk, daß sie ihrer Berufung folgen konnten. Ohne die bischöfliche Schule hätte kaum einer von ihnen in der DDR Abitur machen können. Mit dem kommenden Schuljahr geht die Geschichte des einstigen "Spätberufenenseminars" zu Ende.

Nach der Wende hatte sich die Einrichtung auch für Frauen und Nichtchristen geöffnet. Sie wurde in ein Oberstufenkolleg umgewandelt und um das Angebot eines einjährigen altsprachlichen Kurses erweitert. Vor einem Jahr kündigte der Magdeburger Generalvikar Theo Stolpe die absehbare Schließung des Kollegs an. Knappe Kassen hätten die Bistumsleitung zu diesem Entschluß gedrängt, erläuterte er. Der langjährige Lehrer und - seit der Wende - Schuldirektor Dieter Müller betrachtete das Norbertinum immer als Lebensaufgabe. Das absehbare Aus ist für ihn und für manchen ehemaligen Norbertiner schmerzlich.

Die Entscheidung, nach der Wende als Kolleg weiterzumachen, sei nicht aus finanziellen oder unternehmenstechnischen Erwägungen erwachsen, sondern vor allem aus dem Wunsch, ehemaligen DDR-Bürgern "eine Art ,Reparatur‘ am Menschenbild" anzubieten, sagt Dieter Müller. Im sozialistischen Geschichtsunterricht beispielsweise sei es vor allem darum gegangen, den Schülern die fünf Geschichtsepochen Urgesellschaft, Sklaverei, Feudalismus, Kapitalismus, Sozialismus einzuhämmern.

Dem Norbertinum hingegen seien früher wie heute gediegene Geschichtskenntnisse wichtig, die Einordnung von Ereignissen aus Kultur und Wissenschaft in einen geschichtlichen Rahmen. Dabei werde auch der christliche Einfluß auf die Entwicklung Europas verdeutlicht.

Der Wernigeröder Pfarrer Reinhard Hentschel hat das Norbertuswerk als Korrektiv zur herrschenden Ideologie von 1973 bis 1976 erlebt: "Ich hatte in der polytechnischen Oberschule geahnt, daß der Geschichtsunterricht einseitig war. Im Norbertuswerk ist mir das aber erst richtig bewußt geworden." Prägend für seinen weiteren Werdegang waren nicht nur die Unterrichtsstunden, sondern auch die Erfahrungen im Zusammenleben mit anderen Priesteramtskandidaten:

In sehr positiver Erinnerung hat er die geistliche Anleitung und das Gemeinschaftsleben im Seminar: Tägliche Gottesdienste und Meditationsanregungen, die Choralschola, aber auch Patronats- oder Faschingsfeste. "Im Norbertuswerk habe ich Liturgie feiern gelernt", sagt Reinhard Hentschel. Schon mit 13 Jahren hatte er angefangen, sich als Autodidakt das Orgelspiel beizubringen. Musiklehrer Alfons Kirchner förderte ihn außerhalb des Musikunterrichtes und brachte ihm das Improvisieren bei.

Das Seminarleben hatte allerdings auch eine zweite Seite: Die jungen Männer, die dort zusammenlebten, waren zwischen 16 und 30 Jahre alt. Für die Hausleitung war es schwierig, eine Hausordnung aufzustellen, die dieser Altersspanne gerecht werden konnte. Viele Seminaristen empfanden es zum Beispiel als einengend, bereits um 21.45 Uhr Nachtruhe einhalten zu müssen.

Mancher litt sehr unter der Vielzahl von Einschränkungen und nutzte die Gelegenheit, sich bei einer der Ordensschwestern auszuweinen, die die Hauswirtschaft des Norbertuswerkes leiteten. Andere nahmen die strengen Regeln dagegen eher von der humorvollen Seite. Unter dem Motto "Was verboten ist, macht erst richtig Spaß" lag das kulturelle Leben im Norbertuswerk auch nach 21.45 Uhr durchaus nicht brach.

Den Grund für einige Verbote hat Reinhard Hentschel erst im nachhinein verstanden: Vom Besuch der Gaststätte zum Beispiel, die dem Norbertuswerk am nächsten lag, wurde den Norbertinern abgeraten, weil der begründete Verdacht bestand, daß die Inhaber Mitarbeiter der Staatssicherheit waren. Deren Interesse am Norbertuswerk war offensichtlich groß.

Wie Informanten-Anwerbung von Schülern geschah, schildert Dieter Müller an einem Beispiel: "Zwei Norbertiner hatten sich im ,Landhaus Diesdorf‘, einem etwas rauhen Tanzlokal am Westrand Magdeburgs, intensiver mit Mädchen eingelassen als es für Priesteramtskandidaten empfehlenswert war. Bei Antritt des Heimweges wurden sie von zwei Herren angesprochen: ,Wir sagen Ihrem Rektor nichts darüber, wie Sie sich hier benommen haben, wenn Sie uns Berichte über das Norbertinum geben.‘ Noch in der gleichen Nacht haben die beiden Norbertiner ihren Rektor informiert und so die Anwerbung abgewehrt."

Was, wenn es mit der angestrebten Berufung doch nicht klappt? - Für viele der "alten" Norbertiner war diese Frage mit großer Unsicherheit verbunden, da der DDR-Staat das "katholische" Abitur nicht anerkannte. Das Philosophisch-Theologischen Studium in Erfurt war die einzige Möglichkeit, auf den Magdeburger Schulabschluß aufzubauen.

Reinhard Hentschel wäre eigentlich gerne Unterstufenlehrer geworden, hatte dann aber eine Ausbildung als Agrotechniker gemacht, ein Beruf, der ihn auf Dauer nicht ausfüllte. Als er Norbertiner wurde, stand der Gedanke an das Priestertum für ihn noch in weiter Ferne: "Erst einmal anfangen, das Abitur wird dich auf jeden Fall weiterbilden und menschlich weiterbringen", sagte er sich. In seinem Jahrgang kehrten einige in ihre alten Berufe zurück, andere machten eine weitere Berufsausbildung, besonderen Zulauf hatten dabei soziale Berufe.

Als besonderen Reichtum empfand Hentschel die Bibliothek des Norbertuswerkes, die Schätze enthielt, von denen Vertreter des Staates nichts wissen durften. Der damalige Rektor Wolfgang Quack nutzte ebenso wie sein Vorgänger Johannes Braun vielfältige Kanäle, um den Bestand auf dem laufenden zu halten. Etliche Bücher gelangten über sogenannte Paketpatenschaften ins Norbertuswerk: Buchpakete aus der Bundesrepublik wurden an die Heimatadressen der Norbertiner geschickt, die dafür auch meist ein kleines Dankeschön erhielten, ein paar Zigaretten zum Beispiel oder Knabberzeug. Nicht nur Sachspenden, sondern auch finanzielle Hilfen erhielt das Norbertuswerk von westdeutschen Katholiken.

Dankbar waren die Norbertiner aber auch für die Spenden aus den Gemeinden der DDR, die sie als Zeichen der Solidarität verstanden. Einige ehemalige Norbertiner und Freunde der Schule schlossen sich nach der Wende zu einem Förderverein zusammen. Die Schließung des Kollegs Norbertinum konnte allerdings auch dieser Verein nicht mehr verhindern.

Dorothee Wanzek

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 29 des 48. Jahrgangs (im Jahr 1998).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 19.07.1998

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