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Aus der Region

Brücken über Blut und Asche

Aktion Sühnezeichen

Berlin (rc) - "Wir haben vornehmlich darum keinen Frieden, weil es zu wenig Versöhnung gibt. Aber wir können der Selbstrechtfertigung, der Bitterkeit und dem Haß eine Kraft entgegensetzen, wenn wir selbst wirklich vergeben, Vergebung erbitten und diese Gesinnung praktizieren", schrieb der sächsische Präses Lothar Kreyssig im Gründungsaufruf der Aktion Sühnezeichen, den er am 30. April 1958 vor der EKD-Synode in Berlin-Spandau verlas. Jetzt jährte sich die Gründung der Aktion Sühnezeichen zum 40. Mal. Vor allem an Projekten in Polen, Rußland und Israel, "denen wir wohl am meisten wehgetan haben", sollte in "Freiwilligendiensten" gearbeitet und so ein "Sühnezeichen" errichtet werden, hieß es in dem Aufruf

Seitdem haben rund 14 000 vor allem junge Menschen aus 28 Ländern von Coventry, über Rotterdam und Warschau, bis nach Kreta und Israel, Brücken über Blut und Asche geschlagen. Begegnungszentren, Synagogen, Krankenhäuser, Wasserwerke und Kirchen wurden errichtet. Hinzu kommen die Sommerlager in KZ-Gedenkstätten wie Auschwitz, Buchenwald und Majdanek, zur Pflege jüdischer Friedhöfe, aber auch in sozialen Einrichtungen wie Behindertenheimen. In den über 20 internationalen Sommerlagern - übrigens eine Tradition von Aktion Sühnezeichen in der DDR, die nach der Vereinigung mit der westdeutschen Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste weitergeführt wurde - wird die praktische Arbeit mit einer inhaltlichenAuseinandersetzung mit der NS-Zeit verbunden

Zum 40. Jubiläum des Vereins versammelten sich unter dem Motto "Schuld benennen - Verantwortung übernehmen" mehrere Hundert Mitglieder, ehemalige Freiwillige der Friedensdienste und Freunde der Aktion, zu einem Fest der Begegnung und des frohen Wiedersehens. Die Festveranstaltungen wurden aber auch zu einer Mahnung, gegen den zunehmenden Rechtsradikalismus und Antisemitismus in Deutschland zu kämpfen

So rief Bundespräsident Roman Herzog zur Wachsamkeit gegenüber Antisemitismus und Rassismus auf. Bereits die "ersten Wurzeln" müßten erkannt und bekämpft werden, sagte er am 30. April bei einem Empfang für ehemalige KZ-Häftlinge und Freiwillige der Aktion Sühnezeichen in Berlin. Nur so könne ein Unrechtsstaat verhindert werden. Auch dürfe Schuld nicht verschwiegen werden

Zum Widerstand gegen den Rechtsradikalismus, "wo immer er sich zeigt", rief bei einer abendlichen Veranstaltung in der dicht gefüllten Kirche "Zum Heiligen Kreuz" der frühere Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Schütz, auf. Besonders die Bildung von "nationalbefreiten Zonen" in Ostdeutschland und der Rechtsradikalismus in der Bundeswehr zeigten "die Virulenz des Antisemitismus"

Die Aktion habe "Sühnezeichen des Friedens und der Würde des Menschen gesetzt", sagte Schütz. Trotzdem stünden die Deutschen gegenüber Polen wie Juden weiter in einer Schuld und in der Pflicht, "im eigenen Volk immer wieder gegen Ausländerfeindlichkeit und Antisemitismus kämpfen zu müssen", betonte Schütz, der lange Zeit auch deutscher Botschafter in Israel war. Dies erforderte staatliche Maßnahmen und die Zivilcourage jedes einzelnen

"Wachsamkeit und Widerstand" gegen rechtsradikale Entwicklungen forderte auch die Hamburger Bischöfin Maria Jepsen. Die Wahlen in Sachsen-Anhalt seien "mehr als ein Alarmzeichen" gewesen. Ihr Ergebnis dürfe nicht nur mit Arbeitslosigkeit und Sozialmisere begründet werden. Heftige Kritik übte die Bischöfin am Umgang der Bundesregierung mit Einsprüchen des UN-Flüchtlingsrates zur Asylpolitik. Es sei "dumm, geschichtsvergessen und schamlos", wie ausstehende europäische Regelungen als "Ausreden für eigene politische Versäumnisse" benutzt werden. Ein anderes Versäumnis - die 53 Jahre nach Kriegsende noch immer fehlende Entschädigungsregelung für NS-Opfer, insbesondere für ehemalige Zwangsarbeiter - mahnte Sühnezeichen-Vorsitzender Manfred Karnetzki an. Ausdrücklich kritisierte er die Abschiebung von Bürgerkriegs-flüchtlingen aus Bosnien. "Wer dazu schweigt, macht sich mitschuldig."

Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Berlin, Andreas Nachama, würdigte in einem verlesenen Grußwort die 40jährige Tätigkeit von Sühnezeichen als ein "aktives Mahnmal", das täglich neue Gestalt annehme. Die Aktion könne eine Orientierungshilfe für junge Menschen sein, hob Berlins Jugend- und Schulsenatorin Ingrid Stahmer (SPD) hervor. Die Jugendlichen sollten sich mit der deutschen Geschichte beschäftigen und mit denen sprechen, die sie erlebt haben. "Obwohl die Jugend keine Schuld an den NS-Untaten hat, kann sie lernen, Verantwortung zu übernehmen für das, was andere taten."

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 19 des 48. Jahrgangs (im Jahr 1998).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 10.05.1998

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