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Bistum Görlitz

Das Heilige Grab von Neuzelle

Wertvolles Kunstwerk unter Vogeldreck

Jesusfilme in unterschiedlichster Qualität und Machart flimmern in der Karwoche alljährlich über fast alle Fernsehkanäle. Die bildhafte Vorstellung, die heutige Christen vom Leben Jesu Christi haben, sind von diesen Filmen mitgeprägt. Schon lange vor der Erfindung des Fernsehens hatten Christen das Bedürfnis, ihren Glauben mit künstlerischen Mitteln zu veranschaulichen. In der Barockzeit zum Beispiel schufen Künstler deshalb die sogenannten "Heiligen Gräber".

Auf großformatigen Bildertafeln wurde die Passionsgeschichte abgebildet, um insbesondere den Gläubigen aus dem einfachen Volk die Evangelientexte der Passionszeit und der Osternacht bildhaft vor Augen zu stellen. Entsprechend dem barocken Zeitgeist wurden die Passionsszenen in Form eines Kulissentheaters im Kirchenraum aufgebaut.

Eine solche Darstellung wurde vor kurzem von der Öffentlichkeit neu entdeckt: Das Heilige Grab von Neuzelle haben Kenner als spätbarockes Kunstwerk von europäischem Rang bezeichnet. Die insgesamt fast 150 Figurentafeln und an die 60 Kulissenteile waren bis vor kurzem noch im Turm der Neuzeller Klosterkirche gelagert. Seit vergangenem Juli wird der Turm umgebaut, so daß die im Jahre 1751 entstandenen Passionsdarstellungen umgelagert werden mußten. Studenten der Dresdner Hochschule für Bildende Künste reinigten, fotografierten und dokumentierten sie im Dezember erstmals.

Das Heilige Grab wurde zwar nicht neu entdeckt, jedoch neu ins Bewußtsein der Fachwelt und der Öffentlichkeit gerückt. Das Kunstwerk, das bis dahin nur spärliche Erwähnung in der Fachliteratur fand, offenbarte sich als Werk, daß es "in ähnlicher Vollständigkeit und künstlerischen Qualität an keinem anderen Fundort in Mitteleuropa bisher bekannt ist". So heißt es in einer offiziellen Mitteilung der Stiftung Neuzelle, zu deren Besitz die Neuzeller Passionsdarstellungen gehören.

"Insgesamt können mit den Figuren und den Kulissenteilen fünfzehn Passionsszenen dargestellt werden", erklärt der Historiker und wissenschaftliche Mitarbeiter Winfried Töpler. Sechs einzelne Kulissen und schließlich eine Schlußkulisse werden hintereinander aufgebaut, so daß der Eindruck einer räumlichen Tiefe entsteht: Der Garten, in dem Jesus nach dem Abendmahl betete, die Stadt Jerusalem, der Palast des Pontius Pilatur, der Palasthof und der Kalvarienberg lassen sich auf diese Weise darstellen. Ganz hinten in der Mitte wurde eine der sogenannten "Hauptfiguren"; aufgebaut, eine szenische Darstellung der Passion Jesu. Links und rechts wurden die im Schnitt 1,50 Meter großen Begleitfiguren aufgestellt. Sie ergänzten oder kommentierten, unter anderem durch Bezüge zum Alten Testament, die dargestellte "Hauptfigur".

"Die Passionsdarstellungen sind sehr sperrig. Wie man es damals schaffte, die verschiedenen Szenen ständig zu wechseln und umzustellen, ist uns noch ein Rätsel", sagt Töpler. Ungewöhnlich bei den Passionsdarstellungen sei auch die häufige Verwendung der Schrift. Übrigens in deutsch, nicht in Latein - was die Funktion der Verständlichkeitshilfe für die einfachen Menschen nochmals bestätigt.

Das gesamte Kunstwerk entstand nach bisheriger Kenntnis 1751 - also in nur einem Jahr. "Wie in dieser kurzen Zeit die große Menge an bemalten Holz- und Leinwandtafeln hergestellt werden konnte, wissen wir nicht", erklärt Winfried Töpler. Dafür sind jedoch die drei jungen Künstler, die daran beteiligt waren, bekannt: Joseph Felix Seyfried, dessen Bruder Joannes Georgius Seyfried und Matthäus Lindner. "Zu damaliger Zeit war es üblich, noch relativ unbekannte, junge Künstler für ein Vorhaben zu rufen", ergänzt Töpler.

Seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts wurden ähnliche Darstellungen in Kirchenräumen aufgestellt. In der Neuzeller Kirche würde eine Kulisse den halben Kirchenraum ausfüllen. Dies ist einzigartig. Anderswo waren die Figuren und Kulissen kleiner und weniger zahlreich. Trotz unterschiedlichen Umfangs - das Ziel war das gleiche: Mit der Ausstattung der Kirche sollte zum Höhepunkt des Kirchenjahres auch ein gestalterischer Höhepunkt gesetzt werden. Die Passionsdarstellungen dienten ausschließlich der Betrachtung und Meditation. Gespielt wurde auf den Bühnen nicht.

Viele der Zeugnisse barocken Kirchenbrauchtums waren infolge der ziemlich rabiaten "Purifizierungsmaßnahmen" des österreichischen Kaisers Joseph II. abgebaut worden. Sie würden "mehr aus Gewohnheit und Unterhaltung oder Ausschweifung als der Andacht wegen" besucht, hieß es im Aufstellungsverbot des österreichischen Hofes im Jahr 1782. Ende des 18. Jahrhunderts kamen die Heiligen Gräber in den meisten Regionen einfach aus der Mode.

In Neuzelle hielt es sich bis ins Jahr 1863. Erst dann wurden die Figuren und Kulissenteile ausgelagert. Knapp 130 Jahre lang lagen sie in feuchten, von Vögeln bewohnten Räumen. Nun müssen die wertvollen Funde von Vogeldreck und Wasserflecken befreit werden. Obwohl das meiste noch relativ gut erhalten ist - einige Bilder könnten nach Restaurierung sogar vollständig wiederaufgebaut werden - fehlen der Stiftung Neuzelle bisher die nötigen Mittel dazu. "Wir schätzen, daß die Kosten für die Restauration des Prospekts an die drei Millionen gehen", sagt Walter Ederer, Geschäftsführer der Stiftung Neuzelle. Neben den enormen Kosten gebe es aber noch ein Problem: Wenn die Neuzeller Passionsdarstellungen irgendwann restauriert wären, sei es auch schwierig, sie der Öffentlichkeit zu präsentieren. "Schließlich können sie nicht ständig in der Kirche ausgestellt werden und ein extra Gebäude oder Museum zu bauen, ist undenkbar", gibt Ederer über die Komplikationen, die ein solcher Kunstschatz mit sich bringt, zu bedenken.

Eine erste Gelegenheit, auf die Einmaligkeit der Werke und deren Erhaltenswürdigkeit hinzuweisen, ist eine Ausstellung, die derzeit zum 875. Gründungsjubiläum des ersten Zisterzienserklosters auf deutschem Boden läuft. Im niederrheinischen Kloster Kamp-Linthfort werden einige Teile des Prospekts sowie das gesamte Repertoire an Entwürfen ausgestellt. Diese Modelle, auf Papier aufgezeichnete und auf Pappe aufgeklebte Miniaturen der Originaltafeln mit rückseitigen Kommentaren, wurden anfangs als Anleitungen hergestellt. "Im Gegensatz zu anderen Heiligen Gräbern wurden die Neuzeller Modelle nach Fertigstellung des Prospekts jedoch nicht vernichtet. Wir vermuten, daß sie sogar im nachhinein noch dazu dienten, die verschiedenen Passionsdarstellungen aufstellen zu können und den Kulissenschiebern Anleitung zu geben", erklärt Winfried Töpler.

Dazu bieten die Bühnenmodelle auch heute noch wertvolle Hilfe. Ohne sie wäre es heute kaum mehr möglich, die einzelnen Bilder und Szenen zu rekonstruieren. Und eine kleine Neuzeller Besonderheit läßt sich auch hier finden: "Etwas suspekt ist, daß vorn auf den Figurentafeln die kommentierenden Verse in deutsch geschrieben wurden. Dagegen sind die Anleitungen für die Bühnenarbeiter auf Latein", schmunzelt Winfried Töpler über die damalige anspruchsvolle Bühnenarbeit.

Katharina Funke

Die Ausstellung über das Neuzeller Heilige Grab ist bis 19. April 1998 dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr im Ordensmuseum der Abtei Kamp, Abteiplatz 24 in 47475 Kamp-Lintfort zu sehen.

Der Katalog erschien unter dem Titel "Sein grab wird Herrlich seijn - Das Heilige Grab von Neuzelle und seine Passionsdarstellungen von 1751", Verlag Schnell & Steiner, Regensburg 1998, 30 Mark, ISBN 3-7954-1173-4

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 14 des 48. Jahrgangs (im Jahr 1998).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 05.04.1998

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