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Auf zwei Minuten

Stirb nicht im Wartesaal der Zukunft

von Pater Damian

Pater Damian Meyer Der Untersuchungsgefangene in der JVA klagte mir sein Leid: "Ich halte es nicht mehr aus! Schon seit Wochen und Monaten tappe ich im Dunklen. Ich weiß nicht, wie meine Verhandlung ausgehen wird. Wie viele Jahre werde ich sitzen müssen? Und dann, was fange ich an, wenn ich mit Fünfzig aus dem Knast komme? Ich halte es nicht mehr aus: Dieses ständige Warten! Ein Tag so langweilig wie der andere: Schlafen, Essen, ein bisschen Lesen, Fernsehen, keine Arbeit."
Den meisten Gefangenen der U-Haft geht es so. Die tägliche Beschäftigung mit der Vergangenheit und den Spekulationen über den Ausgang der Gerichtsverhandlung nimmt sie so in Anspruch, dass sie keine Energie mehr haben für eine sinnvolle Nutzung der Gegenwart. Geht es nur Gefangenen so, die ja unter besonderen Bedingungen leben? Sind wir nicht alle oft zu sehr eingenommen von Plänen und Entwürfen für die Zukunft oder sogar von Angst vor der Zukunft ? Oder lassen wir uns nicht oft niederdrücken von der Last vergangener Fehler und Fehltritte? Dadurch wird der Blick getrübt für die Erfordernisse der Gegenwart. Wir können natürlich nicht für den Augenblick leben: Unsere Vergangenheit spielt immer hinein in die Gegenwart, und ohne Ausblick auf Zukunft und Hoffnung auf bessere Zeiten werden die Tage oft unerträglich. Aber die einzige Zeit, die uns wirklich gehört, ist die Gegenwart.
Und die Gegenwart ist die Zeit der Gnade, Gottes "Jetzt" des Heiles. Im Jetzt geschieht die Begegnung mit Gott. Eine Legende verdeutlicht das: Es war einmal eine alte Frau, der hatte der liebe Gott versprochen, sie heute zu besuchen. Darauf war sie nun natürlich nicht wenig stolz. Sie scheuerte und putzte, buk und tischte auf. Und dann fing sie an, auf den lieben Gott zu warten. Auf einmal klopfte es an die Tür. Draußen stand ein armer Bettler, und sie Frau sagte: "Nein, geh deiner Wege! Ich warte gerade auf den lieben Gott und kann dich nicht bedienen." Als der Bettler gegangen war, kam bald darauf ein alter Mann und bat die Frau um Hilfe. "Ich warte heute auf den lieben Gott und kann mich nicht um dich kümmern." Nach einer Weile klopfte es von neuem, und da stand schon wieder ein zerlumpter und hungriger Bettler vor der Tür. "Ach, lass mich in Ruhe! Ich warte auf den lieben Gott." Und der Bettler musste weiterwandern. Die Zeit ging hin, Stunde um Stunde. Es ging schon auf den Abend zu, und noch immer war der liebe Gott nicht zu sehen. Die Alte wurde immer bekümmerter. Wo mochte der liebe Gott geblieben sein? Zu guter Letzt musste sie traurig zu Bett gehen. Im Traum erschien ihr der liebe Gott und sprach zu ihr: "Dreimal habe ich dich aufgesucht, und dreimal hast du mich hinausgewiesen!"

Leben geschieht in der Gegenwart. Nur Warten und Abwarten und Die-Zeit-Vertreiben aber erzeugen "tödliche Langeweile" ."Stirb nicht im Warteraum der Zukunft!" heißt der Buchtitel eines amerikanischen Theologen.

Pater Damian Meyer

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 14 des 51. Jahrgangs (im Jahr 2001).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 05.04.2001

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