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Bistum Magdeburg

Eine Art Liebesbrief von Gott an die Menschen

300 Ehrenamtliche bei Bischof Nowaks Neujahrsempfang

Magdeburg (dw) - Wolfram Hille spielt seit 50 Jahren die Orgel in Salzwedel, Josef Kammel führt Gäste durch die Hadmerslebener Peter- und Paulkirche, Christine Willmes hilft seit vielen Jahren beim Kirchenputz in der Genthiner Marienkirche und Gertrud Tippelt leitet die Katholische Frauengemeinschaft im Bistum Magdeburg - gemeinsam ist allen vieren eines: Sie arbeiten ehrenamtlich in der katholischen Kirche

Sie und rund 300 weitere Katholiken waren der Einladung des Magdeburger Bischofs Leo Nowak gefolgt, der den diesjährigen Neujahrsempfang zum Dank an die Ehrenamtlichen nutzte: "Ohne eure Einsatzbereitschaft könnten unsere Gemeinden kaum bestehen", sagte er den Frauen und Männern

Er bezeichnete die ehrenamtlichen Dienste als "Zeichen der Zuwendung und Liebe zu den Menschen", ohne die eine menschliche Gemeinschaft von Argwohn und Mißgunst erstickt würde. Alle ehrenamtlich Tätigen seien "eine Art Liebesbrief Gottes an die Menschen". Der Bischof rief seine Gäste dazu auf, sich nicht entmutigen und von dieser - oftmals im verborgenen wirkenden - Liebe abbringen zu lassen. Auch Priester, Gemeindereferentinnen und -referenten, Sozialarbeiter und Diakone, die hauptberuflich in der Kirche tätig sind, sollten sich über ihre Arbeitszeit hinaus ehrenamtlich in der Kirche engagieren. Nicht nur Maßnahmen und Strukturen, sondern vor allem lebendige und glaubwürdige Menschen seien für den Weg der Kirche in die Zukunft entscheidend. Eine sinnbildliche "Kirche aus lebendigen Steinen" bekam er von den anwesenden Ehrenamtlichen geschenkt. In eine gemalte Kirchensilhouette hatten sie Zettel mit den unterschiedlichsten kirchlichen Diensten geklebt, die sie ausüben

"Jeder Dienst in der Kirche ist wichtig", betonte Ordinariatsrat Willi Kraning in seiner Predigt zu Beginn des Empfangs. Ebensowenig wie ein Leib nur aus Augen oder Füßen bestehen könne, sei eine Kirche nur mit Priestern, nur mit Küstern oder Caritas-Sammlern denkbar. Entscheidend sei, daß alle Glieder des Leibes gemeinsam auf die Stimme des Heiligen Geistes zu hören versuchten

Am Rande des Empfangs nutzten die Ehrenamtlichen die Gelegenheit, sich über ihre Arbeit auszutauschen. Wolfram Hille aus Salzwedel erinnerte mit seiner Lebensgeschichte an die besonderen Repressionen, denen aktive Kirchenmitglieder zu DDR-Zeiten oftmals ausgesetzt waren. Der Oberschullehrer war 1962 zwangsweise an eine Grundschule versetzt worden und mußte dort den Rest seiner Berufslaufbahn verbringen. Erst nach der Wende erfuhr er aus seinen Personalakten den genauen Grund: Seine ehrenamtliche Tätigkeit als Organist in der katholischen Kirche war den Vorgesetzten ein Dorn im Auge gewesen

Ein junger Mann, der in seiner Gemeinde gleich mehrere Ehrenämter ausfüllt, klagte über die Schwierigkeit, weitere Mitarbeiter zu finden: Oftmals werde ihm die ehrenamtliche Arbeit, die er nach Feierabend und an Wochenenden leistet, beinahe zuviel. Von arbeitslosen Gemeindemitglieder, die er schon mehrfach zur Mitarbeit ermuntert habe, bekomme er jedesmal einen Korb. Rat Kraning erinnerte an die Initiative für das Ehrenamt, die mehrere deutsche Vereine und Verbände im vergangenen Jahr gestartet haben. Sie fordern dazu auf, Nachweise über die eigene ehrenamtlich geleistete Arbeit zu führen

Die Bedeutung der ehrenamtlichen Dienste für die Gesellschaft soll auf diese Weise stärker ins öffentliche Bewußtsein gerückt werden. Langfristig erhoffen sich die Vereine dadurch, daß ehrenamtliche Tätigkeit stärkere gesellschaftliche Anerkennung findet, zum Beispiel durch Anrechnung von Arbeitsjahren für die Rente

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 3 des 48. Jahrgangs (im Jahr 1998).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 18.01.1998

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