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Bistum Magdeburg

Armenische Christen gibt es auch in Halle

Gründonnerstagskollekte der Partnerschaftsaktion Ost für Armenien

Halle (dw) - Nicht nur in den katholischen Gottesdiensten werden am Gründonnerstag die Klingelbeutel für zwei Armenien-Projekte der Partnerschaftsaktion Ost im Bistum Magdeburg herumgereicht, auch die armenische Gemeinde in Halle beteiligt sich an dieser Kollekte für die Ausstattung der neuen Kathedrale der Republikhauptstadt Jerewan und für eine Schule in der Stadt Amawir.

"Wir freuen uns über den guten Zusammenhalt mit der katholischen Kirche", sagt Dr. Chatschik Lasarjan, der zum Vorstand der kleinen Gemeinde gehört und die armenische Diözese Deutschlands in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen auf Bundesebene vertritt. Ein Ausdruck der Gemeinschaft ist beispielsweise, dass die armenischen Christen ihre Gottesdienste am letzten Sonntag im Monat seit einiger Zeit in der katholischen Heilig-Kreuz-Kirche in Halle feiern. Anlass zur Freude ist für Lasarjan auch ein Schreiben des Papstes, das im Februar zur 1700-Jahr-Feier der Verkündigung des Christentums in Armenien veröffentlicht wurde.

Johannes Paul II. geht darin unter anderem auch auf den Völkermord am armenischen Volk von 1915 ein und würdigt die Haltung der Christen in den Verfolgungen, die sie auch zu anderen Zeitpunkten der Geschichte erlitten haben: "In der Tat war der christliche Glaube auch in den dramatischsten Augenblicken der armenischen Geschichte die Triebkraft, die den Anfang zur Wiedergeburt des leidgeprüften Volkes setzte".

Der Genozid und seine Folgen gehören für fast jeden Armenier zur persönlichen Familiengeschichte, das gilt auch für die rund 150 Mitglieder der armenischen Gemeinde in Halle. Die 1999 gegründete Gemeinde ist neben Berlin die einzige in Ostdeutschland. Viele Gemeindemitglieder sind zu DDR-Zeiten als Offiziere aus der sowjetischen Republik Armenien hergekommen, die damals zumeist russisch-orthodoxe Gottesdiensten mitgefeiert haben. In den letzten Jahren holten sie ihre Angehörigen nach. Eine größere Anzahl armenischer Christen stammt aus der umkämpften armenischen Enklave Karabach in Aserbaidschan. Lasarjan selbst kam 1981 mit einem Stipendium des Diakonischen Werkes als Theologiestudent nach Deutschland. In Halle lebt der mit einer evangelischen Theologin verheiratete Wissenschaftler seit 1994. An der Martin-Luther-Universität schloss er vor kurzem seine Habilitation über die armenische Kirche in der sowjetischen Republik Armenien zwischen 1920 und 1938 ab. In diesen Jahren erlebte die Kirche nach dem Völkermord eine zweite Welle der Vernichtung. Von den 800 Kirchen, die es 1920 gab, waren 1938 beispielsweise nur noch vier übrig.

Zu den Aufgaben der Gemeindeleitung, in der sich Lasarjan ehrenamtlich stark engagiert, gehören nicht nur die Feier der Gottesdienste und die seelsorgliche Betreuung der Mitglieder, sondern auch Beratung und Hilfe bei der Regelung des Aufenthaltsstatus für einzelne Familien, die Unterstützung beim Gang zu Arbeits- und Sozialämtern und Gefangenenseelsorge für Landsleute, die ins kriminelle Milieu abgeglitten sind. Besonders kompliziert ist es, die weit verstreut lebenden Asylbewerber ins Gemeindeleben zu integrieren, die in der Regel ihren zugewiesenen Aufenthaltsort nicht verlassen dürfen.

Im "Armenienhaus", einer kleinen Mietswohnung in Halle-Neustadt, befindet sich neben dem Gemeindebüro auch ein Unterrichtsraum, in dem Schulkinder einmal wöchentlich Armenisch lernen. Der Priester der Gemeinde studiert an der Universität noch Musikwissenschaften und muss mehrere Gemeinden in Deutschland versorgen. Fünf Priester stehen den 18 Gemeinden zur Verfügung, die zur armenisch-apostolischen Diözese in Deutschland gehören. Größere Gemeinden gibt es in den westdeutschen Ballungszentren. Sie wurden zumeist in den 60er Jahren von Gastarbeitern aus der Türkei, aus Syrien, dem Libanon und Iran gegründet.

Am Gründonnerstag wird der hallesche Priester vor Ort den Gottesdienst feiern, Karfreitag steht er in Nürnberg und am Samstag in München am Altar. "An den Kar- und Ostertagen spürt man die Diasporasituation besonders", sagt Chatschik Lasarjan, der selbst aus Istanbul stammt, wo die armenischen Christen als stärkere Minderheit vertreten sind. Die Gottesdienste seiner Kirche, die eigentlich reich an Symbolen und liturgischen Formen sind, können hier nur in einem weitaus nüchterneren Stil gefeiert werden als in der alten Heimat.

Beispielsweise müssen die Armenier in der Heilig-Kreuz-Kirche auf den üblichen erhöhten Altar verzichten und auf den mit christlichen Symbolen geschmückten Vorhang, der den Altarraum abtrennt und der bei der Vorbereitung der eucharistischen Gaben und der Reinigung der Kelche zugezogen ist. Meistens fehlen auch Personen, die zu einer feierlichen armenischen Liturgie nötig sind: Die Funktionen des Diakons, des Küsters und Lektors übernimmt Chatschik Lasarjan oftmals in Personalunion. Er ist froh, dass es einen kleinen Kirchenchor gibt, der aus dem Priester und drei Frauen besteht, und seit kurzem zwei Messdiener.

Ein Höhepunkt des Jubiläumsjahres wird in der Gemeinde Halle ein feierlicher Gottesdienst mit anschließendem Gastmahl am Kreuzerhöhungsfest am 16. September sein. Bereits im vergangenen September fand der deutschlandweite Auftakt der 1700-Jahr-Feier sein. Eine international beachtete Ausstellung über die kulturellen Schätze der Armenier aus Kilikien, eine wissenschaftliche Tagung und ein feierlicher ökumenischer Gottesdienst markierten diesen Auftakt.

Papst Johannes Paul II. plant anlässlich des Jubiläums im Herbst eine Reise in die Republik Armenien. Chatschik Lasarjan und viele andere Armenier sind auf diesen Besuch sehr gespannt, beispielsweise darauf, ob der Papst auch das Denkmal des Genozids in seinem Reiseprogramm haben wird.

Der Umgang mit dem historischen Fakt des Völkermords ist gegenwärtig von hoher politischer Brisanz, da die Türkei ihn nach wie vor leugnet. Als das französische Parlament beispielsweise im Januar eine offizielle Anerkennung des Genozids aussprach, reagierten türkische Politiker mit einem Boykottaufruf französischer Wirtschafts- und Wissenschaftskontakte. In Deutschland wiesen Politiker aller Parteien mit Ausnahme der PDS das Ansinnen zurück, einen ähnlichen Anerkennungsbeschluss auch dem deutschen Parlament vorzulegen. Dahinter steckt die Rücksichtnahme auf die große Zahl in Deutschland lebender Türken und auf wirtschaftliche Kontakte mit der Türkei. In der Republik Armenien selbst geht man das Thema vorsichtig an. Seit dem Karabachkonflikt ist die armenisch-türkische Grenze hermetisch geschlossen. Für die Armenier sind damit wichtige Handelswege verbaut. Die ohnehin schwierige wirtschaftliche Lage ist die Hauptursache dafür, dass immer mehr Menschen abwandern. Nicht nur die Vertreter der Kirche hoffen darauf, dass der Ausbau des Bildungssystems dem Land wieder eine Zukunftschance geben könnte. Bildung, Kultur und Religion sind in Armenien von jeher auf engste miteinander verbunden.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 14 des 51. Jahrgangs (im Jahr 2001).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 05.04.2001

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