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Bistum Magdeburg

Hartnäckig wird jeder einzelne zu den Proben eingeladen

Größter Chor in Halle wird 80 - Leiterin Vilma Guilland geht in Ruhestand

Halle (dw) - Pfarrer, Vikare, Sänger und Gesangbücher kamen und gingen. Die Kirchenmusikerin Vilma Guilland sorgte 55 Jahre lang für Beständigkeit in der Halleschen Pfarrei Dreieinigkeit. Schweren Herzens verabschieden Chor- und Scholasänger der Franziskanergemeinde ihre beliebte Leiterin zum Jahresende in den Ruhestand

Als 14jährige Schülerin hatte die gebürtige Hallenserin 1942 mit dem Orgelspiel in ihrer Heimatgemeinde begonnen. Der damalige Organist war zum Kriegsdienst eingezogen worden. Vilma Guilland wurde kurzerhand "ins kalte Wasser geworfen": Die junge Klavierspielerin bekam nur gezeigt, wo sich die Register und der Motor des Instrumentes befinden. Den Rest mußte sie sich selbst beibringen

In den 50er Jahren begannen, wie sie selbst sagt, die schönsten Jahre ihrer Berufslaufbahn. Franziskanerpater Wendelin Hudowsky, Vikar in Halle-Dreieinigkeit, setzte als Chorleiter musikalische Maßstäbe und brachte den Chor zu hohen Leistungen. Unter anderem führte er die C-Dur-Messe von Beethoven mit eigenen Solisten auf. Der Pater bildete die Sänger nicht nur musikalisch, sondern auch liturgisch weiter. Auf seine Initiative hin entstand eine Kinderschola. Vilma Guilland war er menschlich wie musikalisch ein Vorbild. Als er 1958 Pfarrer wurde, bat er sie, als Chorleiterin seine Nachfolgerin zu werden

"Ich habe mich mit Händen und Füßen gewehrt. Als Frau vor einem Chor zu stehen, schien mir damals undenkbar", erinnert sich die leidenschaftliche Kirchenmusikerin. Inzwischen hatte sie ein Musikstudium in Halle und ein kirchenmusikalisches Zusatzstudium in Leipzig erfolgreich absolviert. Vieles, was Pater Wendelin angestoßen hatte, führte sie weiter: Noch heute gibt es zum Beispiel in der Franziskanergemeinde eine Kinderschola, der 20 Jungen und Mädchen angehören. Hinzugekommen sind eine Mädchen- und eine Jungenschola und ein Orffscher Instrumentalkreis. Zeitweise leitete Frau Guilland auch den Chor der Schwestern am Elisabeth-Krankenhaus. Mehr als 60 Männer und Frauen singen im Kirchenchor mit, dem größten katholischen Chor in Halle. Viele der Sänger sind aus der Kinderschola hervorgegangen. "So viele engagierte junge Leute in der Kirche, das erlebt man sonst nur noch in Süddeutschland", sagte ein Fernseh-Mitarbeiter am 7. Dezember zu Vilma Guilland, als zum fünften Mal innerhalb von zwei Jahren ein Sonntags- gottesdienst aus der Dreieinigkeits-Gemeinde im ZDF übertragen wurde. Aus ihrem Erfolgsrezept für Nachwuchswerbung macht die 69jährige keinen Hehl: Hartnäckig lädt sie jeden einzelnen immer wieder zu den Proben ein und hakt nach, sobald jemand einmal "schwänzt"

Ihren Einsatz für junge Kirchenmusik zeichnete Bischof Johannes Braun 1987 mit der Norbert-Medaille aus. Er erwähnte dabei insbesondere ihre langjährige Mitarbeit am musikalischen Programm der Religiösen Kinderwochen. Bekannte Lieder von Vilma Guilland sind zum Beispiel "Ein Leben unterm Regenbogen" oder "Ave Maria grüßte der Engel" - beide stehen auch im Liederbuch "Poverello". Viele Jahre hindurch gestaltete sie die Kinderwallfahrten des Bischöflichen Amtes Magdeburg mit. Der vorerst letzte Fernsehgottesdienst aus der Gemeinde Halle-Dreieinigkeit am 28. Dezember wird ein Kindergottesdienst sein. Mädchen- und Jungenschola kommen gemeinsam mit der Orff-Gruppe zum Einsatz. Die Musiksätze stammen alle von Vilma Guilland. Für sie bedeuteten die Fernsehgottesdienste eine Menge Streß, gleichzeitig tat es ihr gut, kurz vor Ende ihrer Laufbahn noch einmal viel Bestätigung zu bekommen: Nach jeder Sendung riefen rund 400 Zuschauer in Halle an, etliche freuten sich über die Musik und interessierten sich für die Noten

Vilma Guillands Abschied wird zeitgleich mit dem 80jährigen Bestehen des Chores gefeiert. Der erste Auftritt des Cäcilienvereins Halle-Süd ist am 26. Dezember 1917 überliefert. Die Sängerinnen und Sänger haben damals auf den Stationen des St.-Barbara-Krankenhauses Weihnachtslieder gesungen. Die Kirche in der Lauchstädter Straße gab es zu dieser Zeit noch gar nicht. Gottesdienste fanden in der Kapelle des Krankenhauses statt. In der Zeit des Nationalsozialismus waren alle schriftlichen Unterlagen, die auf das Bestehen des Chores hindeuteten, vernichtet worden. An der Feier werden auch zahlreiche ehemalige Chormitglieder und ehemalige Orgelschüler Vilma Guillands teilnehmen, denen sie im Auftrag der Kirchenmusikschule Halle Unterricht erteilte

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 51 des 47. Jahrgangs (im Jahr 1997).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 21.12.1997

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