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Bistum Erfurt

Engel zwischen Kunst und Kitsch

Ausstellungen in Erfurt und Weimar

Sie gehören zu Weihnachten wie der Christbaum, der Weihnachtsmann, die Krippe und der Stollen: Engel. Selbst die atheistischen DDR-Zeiten haben sie überlebt, wenn auch unter anderem Namen, als "geflügelte Jahresendfigur". Die Engel sind nie ganz aus der Mode gekommen und sie scheinen sogar eine Art Renaissance zu feiern. Auch wenn Engel in der Theologie ein heute eher vernachlässigtes Thema sind, im Leben der Menschen - auch vieler, die mit Kirche sonst wenig zu tun haben - spielen sie eine Rolle.
Das zeigen zwei rechtzeitig zum Weihnachtsfest eröffnete Ausstellungen in Thüringer Galerien, die die Engel zum Thema gemacht haben. Unter dem Titel "send me an angel" (Sende mir einen Engel) zeigt die Erfurter Galerie am Fischmarkt 50 Ausstellungsstücke vom Mittelalter bis zur Gegenwart, eine bunte Mischung aus Werken von "Profi-Künstlern" und Volkskünstlern. Im benachbarten Weimar zeigt die ACC-Galerie nahe dem Weimarer Schloß teils sehr eigenwillige Arbeiten von 75 Gegenwartskünstlern unter dem Thema "Der rettende Engel".
"Send me an angel" in Erfurt will keine kulturhistorische Belehrung sein. Vielmehr gehe es darum, im Nebeneinander von kirchlichen Kunstwerken und Sammelstücken, von alter und moderner Kunst, von Gebrauchsgegenständen und persönlichen Zeugnissen den Besucher anzuregen, sich mit dem Thema Engel auseinanderzusetzen. Kai Uwe Schierz, Leiter der Erfurter Galerie: Der Kontrast zwischen den Bilderwelten dokumentiere nicht nur den Wandel der Vorstellungen über Engel seit dem Mittelalter, sondern zeige auch "die ungebrochene Faszination, die noch am Ende des zweiten Jahrtausends nach Christi Geburt von den himmlischen Heerscharen ausgehen kann". Anregungen zum Nachdenken bieten auch zahlreiche Zitate über Engel. Gleich am Eingang der Ausstellung wird der Besucher mit Überlegungen des Kirchenvaters Augustinus über die Leiblichkeit der Engel konfrontiert. Und der deutsche Schriftsteller Walter Benjamin (^1940) fordert: "Handle stets so, daß dein Engel zu tun bekommt".
Der Erfurter Ausstellung vorausgegangen war der Aufruf der Galerie "send me an angel". Der Aufruf stieß auf die erhoffte Resonanz, und jetzt stehen unter den Ausstellungsstücken auch zahlreiche Privateinsendungen, die für ihre Besitzer persönliche Bezüge zum Thema Engel offenbaren. Die Bandbreite ist beachtlich: Neben den für die erste Hälfte unseres Jahrhunderts typischen Poesiealbendarstellungen findet sich ein Engel, den ein Umschüler aus Abfall gebastelt hat. Ein 16jähriges Mädchen hat über vier Adventszeiten hinweg einen Engel aus einem Luftballon und Papierschnipseln geschaffen, der inzwischen zu einem "richtigen Familienmitglied" geworden sei, wie sie dazu schreibt. Wenn auch künstlerisch unbedeutend, von seiner Geschichte her faszinierend ist ein Porzellanengel mit Blumenschale. Er war das Hochzeitsgeschenk eines Fabrikbesitzers an einen Mitarbeiter Mitte der 30er Jahre im Sudetenland, hat dann die Familie durch die Zeit des Zweiten Weltkrieges begleitet, die Vertreibung der Sudetendeutschen miterlebt, die DDR-Zeiten überstanden und - wo immer möglich - einen würdigen Platz in der Wohnung der Familie gehabt. "Alles Unheil konnte er nicht aufhalten, aber auch heute noch wacht er über die Familie", schreibt der jetzige Besitzer.
Etwas gewöhnungsbedürftiger, nichts desto trotz Anstöße zum Nachdenken bieten die Kunstwerke, die die Weimarer ACC-Galerie unter dem Titel "Der rettende Engel", Untertitel "Engel sei der Mensch, hilfreich und gut" zusammengetragen hat. Die Austellung will zum einen "eine Referenz an den Engel als das Andere, als Allegorie für ein nicht bestimmbares Wesen mit seiner Charakteristik des Auftauchens und Verschwindens oder eines Daseins im Materiellen und zugleich im Immateriellen sein", so die Veranstalter. Andererseits ist die Weihnachtsaustellung ein Dankeschön an alle Förderer der Galerie. Etwa die Hälfte der 165 Künstler, die bislang hier ausgestellt haben, wirkt an dieser Ausstellung mit. Zugleich bestehe die Möglichkeit, ein Kunstpräsent in Engelsform für den Gabentisch zu erwerben.
Elizabeth-Jane Grose aus London zeigt in dieser Ausstellung Federn, die sie gesammelt hat und die fliegende Engel über Weimar verloren haben. Feder seien früher dazu benutzt worden, Botschaften und Wörter niederzuschreiben. "Engelsfedern, so lernen wir, können auch selbst Botschaften tragen, denn am Anfang war das Wort, das nun von ihrem filigranen Objekt ,The Word' getragen wird", so die Erklärung zu diesem Werk. Der Comic "3 Engel für Charlie", die Videoskulptur "Rette sich, wer kann", die Zeichnung "Durstiger Engel", Kinderbilder, Papierschnitte und Leuchtkästen bieten höchst unterschiedliche, manchmal vielleicht einwenig zu menschliche Sichtweisen auf das geheimnisvolle Wesen Engel.
mh
Die Erfurter Ausstellung ist bis 11. Januar Mittwoch bis Sonntag 10 bis 18 Uhr (donnerstags bis 22 Uhr) zu sehen. Die Exposition in Weimar (Eintritt frei) wird täglich (außer Montag) bis 25. Januar 12 bis 18 Uhr gezeigt.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 51 des 47. Jahrgangs (im Jahr 1997).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 21.12.1997

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