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Aus der Region

Projekt "Aufbruch" zur religiösen Lage des ehemaligen Ostblocks

Im Interview: Pastoraltheologe Paul M. Zulehner

Pastoraltheologe Paul M. Zulehner Mit einem Symposion in Berlin ist das Forschungsprojekt "Aufbruch" beendet worden, das sich der religiösen Lage in zehn Ländern des ehemaligen Ostblocks widmete (siehe Bericht). Einer der Leiter des Projektes war der Wiener Pastoraltheologe Paul M. Zulehner.

Frage: "Aufbruch" heißt Ihr Projekt. Ein Aufbruch mit Fragezeichen, als Feststellung oder als Aufruf an die Kirchen?

Zulehner: Es ist von allem etwas. Wenn wir mit den Leuten aus den Kirchen Ost(Mittel)- Euopas reden, dann sagen sie selbst, nach 40 Jahren Unterdrückung ist die Zeit gekommen, sich auf den Weg zu machen. Und sie wollen das, nicht nur weil die Verhältnisse sie herausfordern, sondern weil sie von der Kraft des Evangeliums gedrängt werden, aus den Chancen etwas Neues zu machen.

Frage: Welche Wege können die Kirchen Ost(Mittel)Europas gehen, um die Chancen wahrzunehmen?

Zulehner: Entweder kehren die Kirchen restaurativ zurück in die Zeit vor dem Kommunismus. Oder sie gehen in einer einfachen, fortschrittsgläubigen Weise in die Schule des Westens, indem sie das, was wir im Westen gelernt haben, jetzt übernehmen. Oder - und das scheint mir die favorisierte Position: Man beurteilt mit den Augen des Glaubens die 40 Jahre Unterdrückung und fragt: Welche Lektion war das für unsere Kirche? Was können wir daraus lernen? Was müssen wir auch "entlernen", weil es nur damals nötig war? Und wie können wir aus diesen Erfahrungen einen neuen Weg beginnen, der für unsere Kirche gut ist und von dem vielleicht langfristig auch die westliche Kirche etwas haben kann?

Frage: Von welchen Erfahrungen der östlichen Kirchen können denn die westlichen Kirchen profitieren?

Zulehner: Das Urkapital der Kirchen in Osteuropa besteht darin, dass in den Verfolgungsjahren so etwas wie eine fast unzerstörbare, selbstverständliche Kirchlichkeit, eine Kirchenloyalität gewachsen ist, die in den Kirchen des Westens zurzeit eher fehlt. Es gibt im Osten eine Grundloyalität, die vor einem Selbstzerjammern der kirchlichen Lage, auch wenn sie noch so schwierig ist, schützt. Im Osten heißt es: Wir werden zusammen den neuen Weg gehen. Und das stimmt optimistisch.

Frage: Ihre Studie ist nicht für die Schreibtische der Theologen bestimmt. Vielmehr wollen Sie den Entscheidungsträgern in den Kirchen Hilfen an die Hand geben. Wie geschieht das?

Zulehner: Während dieses Symposions waren wir beispielsweise nicht nur mit Theologen aus den ost(mittel)euro-päischen Ländern, sondern auch mit Bischöfen und Politikern im Gespräch. Wir waren nie der Meinung, dass wir den Kirchen und ihren Verantwortlichen Entscheidungen abnehmen können oder sie vom Westen her im pastoralen Sinne sozusagen kolonialisierend bevormunden sollten. Uns ging es darum, für Kirchenversammlungen und Synoden Grundlagen zu erarbeiten. Personen, die jetzt Entscheidungen zu treffen haben, sollten solide Grundlagen erhalten.

Frage: Eine wesentliche Rolle bei diesen Entscheidungen spielt die Rezeption des letzten Konzils. Machen sich die Kirchen Ost(Mittel)Europas jetzt daran, das Konzil, dass sie in den Jahren des Kommunismus nur fragmentarisch umsetzen konnten, mit Leben zu erfüllen?

Zulehner: Für die tschechische Kirche beispielsweise hat Kardinal Miloslav Vlk aus Prag festgestellt, dass dafür noch sehr viel Arbeit nötig ist. Bisher wurden vor allem die liturgischen Texte übernommen, aber entscheidende Fragen wie die Teilhabe der Laien am kirchlichen Leben oder die gesellschaftliche Präsenz der Kirche sind nicht ausreichend angegangen worden. Im Klartext: Die beiden großen Schlüsseldokumente "Gaudium et spes - Kirche in der Welt von heute" und die Kirchenkonstitution "Lumen gentium" warten noch auf eine konsequente Anwendung. Im Abstand von über drei Jahrzehnten und auf dem Hintergrund der kommunistischen Erfahrung kann das jetzt nicht so geschehen, dass das, was in den 70er Jahren in den westeuropäischen Kirchen geschehen ist, imitiert wird. Die Umsetzung des Konzils in Ost(Mittel)Europa muss in einer neuen und eigenständigen Weise geschehen, die ich diesen Kirchen auch zutraue. Vor allem in der polnischen Kirche können wir damit rechnen, dass das in einer sehr engagierten, spannungsreichen und produktiven Weise geschieht.

Frage: Auch die ehemalige DDR war Gegenstand Ihrer Untersuchung. Wie ist hier die Situation?

Zulehner: Die Lage der katholischen Kirche in Ostdeutschland ist - statistisch gesehen - so prekär, dass sie nichts verlieren, sondern durch Risiko nur gewinnen kann. Diese kleine, verschworene Kirche ist in der interessanten Lage, dass sie pionierartig eine sehr missionarische Kirche werden kann. Sie kann in der Begegnung mit den atheisierten Menschen, mit religiösen Analphabeten viel riskieren, indem sie ausprobiert, wie das Evangelium in die Biografie von Menschen hinein kommen kann, die - ohne eigenes Zutun, ohne Bosheit - mit dem Evangelium überhaupt noch nicht in Berührung gekommen sind. Ostdeutschland und ähnlich Tschechien sind sozusagen pastorale Biotope, in denen Dinge ausprobiert werden können, die für die Kirche in Europa überlebenswichtig werden können.

Fragen: Matthias Holluba

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 6 des 51. Jahrgangs (im Jahr 2001).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 11.02.2001

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