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Aus der Region

Projekt erforscht religiöse Situation

Grundlagen für den Weg der Kirchen Osteuropas

Berlin (mh) - "Nach Abbruch ein Aufbruch" steht auf der großen Leinwand im Auditorium der Katholischen Akademie Berlin. Präsentiert werden darauf die Ergebnisse einer groß angelegten knapp sechsjährigen Studie. Erforscht wurde darin die religiöse Situation und die Lage der katholischen Kirche in zehn ehemals kommunistischen Ländern in Ost- und Mitteleuropa: von Kroatien bis Litauen, von der "Ex-DDR" bis zur Ukraine. So verschieden die Ergebnisse sind, gemeinsam ist den an dem Projekt beteiligten 90 Wissenschaftlern die Hoffnung, dass es jetzt - zehn Jahre nach Ende des Kommunismus - zu einem kirchlichen Aufbruch in der Region kommen kann. Doch das steht nicht mehr in der Hand der Forscher, vor allem Theologen und Soziologen. "Die Entscheidungen müssen die Kirchen jetzt selbst treffen. Wir wollten den Verantwortlichen dafür eine solide wissenschaftliche Grundlage liefern", sagt der Wiener Pastoraltheologe Paul M. Zulehner, der zusammen mit dem ungarischen Religionssoziologen Miklós Tomka das Projekt leitete (siehe auch Interview auf dieser Seite). Ein Schritt in diese Richtung sollte das Abschluss-Symposion in Berlin sein. Dort waren die Wissenschaftler im Gespräch mit Theologen, Bischöfen und Politikern aus den untersuchten Ländern.

Unbegründet ist die Hoffnung auf einen "Aufbruch" - so auch der Titel der Studie - nicht. Während in Westeuropa die Zahl der Unter-30-Jährigen, die sich als religiös bezeichen, in den letzten zehn Jahren teilweise drastisch zurückging, ist der Trend in Osteuropa deutlich positiv, sagt Tomka bei der Vorstellung der Ergebnisse. Allerdings gibt es zwei Ausnahmen: die ehemalige DDR und Tschechien, die die Forscher als weitgehend atheisierte Länder bezeichnen.

"Jedes Land ist ein Sonderfall", betont Tomka, denn: Für die heutige Lage von Religion und Kirche ist nicht nur das Maß der Unterdrückung durch den Kommunismus, sondern auch die Geschichte und die Verwurzelung der Kirche in der Gesellschaft von entscheidender Bedeutung. Besonderes Gewicht aber kommt dem Grad der Modernisierung zu: Je moderner eine Gesellschaft, desto prekärer die Lage der Religion. Tomka: "Modernität und Religiosität widersprechen sich zwar nicht, aber dort wo es gelungen ist, die traditionellen Gesellschaftsformen zu zerschlagen, zerschlug man gleichzeitig die Religion." Während in der traditionellen Gesellschaft Kirche und Religion alles umfasst haben, besteht die moderne Gesellschaft aus vielen, wenig zusammenhängenden Lebensbereichen, so dass Religion und Kirche nicht mehr automatisch auf alles Einfluss ausüben.

Wie kann es jetzt - zehn Jahre nach Zerschlagung des Kommunismus - weitergehen? Auch danach fragten die Teilnehmer des Berliner Symposions. Deutlich wurden zwei große Linien: Zum einen muss die Kirche in den Dialog mit der Gesellschaft treten, den sie 40 Jahre weitgehend nicht gepflegt hat, weil sie es meist auch nicht konnte. Zum anderen müsse die "Innenarchitektur" der Kirchen erneuert werden. Konkret stellt sich hier die Frage nach den kirchlichen Strukturen und nach der Rolle der Laien. Um beides zu erreichen müssen sich die Kirchen in den ehemals kommunistischen Ländern vor allem an die Umsetzung zweier wichtiger Dokumente des Zweiten Vatikanischen Konzils machen: "Gaudium et spes - Die Kirche in der Welt von heute" und "Lumen gentium", die Kirchenkonstitution. Beide Dokumente wurden - wenn überhaupt - nur bruchstückhaft übernommen. Jetzt, über 30 Jahre nach dem Konzil könne freilich nicht einfach das kopiert werden, was die westlichen Kirchen in den 70er Jahren daraus gemacht haben, waren sich die Teilnehmer einig. Notwendig sei eine neue, eine zweite Rezeption des Konzils.

Mögliche Alternativen, vor denen die Kirche in der Begegnung mit der Gesellschaft steht, zeichnete András Máté-Tóth, Religionswissenschaftler aus Ungarn, auf: Diese Alternativen seien allerdings häufig kein "Entweder - Oder", sondern: "Wir müssen aushalten, dass beide Wege gegangen werden, sonst wird die Kirche in unseren Ländern zerrissen." So seien einerseits klare, orientierende Aussagen der Kirche in einer Welt voller Unsicherheit nötig, andererseits stehe für die Kirchen im Osten noch die Auseinandersetzung mit dem Teil der Kirchengeschichte des vorigen und der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts aus, als die Kirche sich massiv gegen die moderne Welt gewandt hat. Romzentriertes Kirchenbild im Sinne einer starken Kirche (wie es sich häufig in den Kirchneubauten in jenen Ländern widerspiegele) und / oder "Kirche als offenes Haus" heiße eine zweite Alternative. Und schließlich müsse die Kirche nach den Jahren des Schweigens wählen, ob sie künftig zu ihrer Rolle als belehrende Kirche zurückkehren oder ob sie sich als lehrende und lernende Kirche verstehe wolle.

Um die "Innenarchitektur" der Kirche zu erneuern, sei vor allem die Betonung der Kirche als Gemeinschaft wichtig, sagte der slowakische Theologe Pavel Mikluscák. Zwar sei die Kirche auch eine Institution, die einer Leitung bedürfe, doch habe das Konzil neben den entsprechenden personalen Strukturen die kollegialen und synodalen Elemente betont. Gremien der Mitverantwortung - etwa Priester- oder Pfarrgemeinderäte - hätten ihren Platz noch nicht gefunden. Zweites wichtiges Element für die Erneuerung der Kirchen von innen sind für Mikluscák die Laien. Von ihrer Rolle hänge die Lebendigkeit und die pastorale Kraft der Kirchen ab. Die damit verbundene "Vielfalt der Gaben" werde zugleich als Reichtum und Bedrohung der Kirche wahrgenommen. Um die Einheit der Kirche zu wahren, sei deshalb die Entwicklung einer Dialogkultur notwendig, denn: "Der Austausch verschiedener Meinungen stellt die Schwäche unserer Kirchen dar."

Die Teilnehmer des Berliner Symposions zeigten sich hoffnungsvoll, dass die Kirchen in den ehemaligen Ostblockländern nun an die Umsetzung dieses Programmes gehen. Allerdings warnten sie auch vor übereilten Erfolgserwartungen. "Ich habe die Hoffnung, dass wir wirklich aus dem Getto herauskommen", sagte András Máté-Tóth, mahnte aber zugleich eine "Spiritualität der Langsamkeit" an. "Die Kirche in Osteuropa hat 100 Jahre einen Dornröschenschlaf gehalten. Nun kann man nicht erwarten, dass sie gleich Csárdás tanzt."

Hinweis: Die Ergebnisse der Studie werden im Schwabenverlag Ostfildern veröffentlicht. Unter dem Titel "Gott nach dem Kommunismus" sind insgesamt neun Bände geplant, von denen inzwischen fünf erschienen sind. Informationen telefonisch (07 11) 4 40 60

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 6 des 51. Jahrgangs (im Jahr 2001).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 11.02.2001

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