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Aus der Region

Kaiser Otto - Vertreter Christi auf Erden

Zur Europaausstellung "Otto der Große, Magdeburg und Europa"

Otto I. übergibt Christus den Magdeburger Dom Das ist gewissermaßen das Herzstück der Ausstellung", sagt Michael Peter: "Otto I. übergibt Christus den Magdeburger Dom. Geleitet, fast geschoben, wird der Kaiser -wie bei Audienzen üblich -vom heiligen Mauritius. Gegenüber auf der anderen Seite des Thrones Christi stehen der heilige Petrus mit dem Schlüssel und weitere Heilige. Die kostbare Elfenbeintafel symbolisiert die Stiftung des Erzbistum Magdeburg." Interessiert hört die kleine Besuchergruppe dem Kunsthis-toriker zu.
Michael Peter, der einer der fünf Wissenschaftler ist, die die Ausstellung "Otto der Große. Magdeburg und Europa" konzipiert haben, hat bei seiner Führung diesmal von hinten begonnen, weil die anderen Räume der auf 2000 Quadratmetern untergebrachten Exposition an diesem Samstagmorgen überfüllt sind. Nach der sechsten Abteilung "Das ottonische Kaisertum in Europa" ist er nun mit seiner siebenköpfigen Gruppe in Abteilung V "Magdeburg -Die königliche Stadt" angekommen. In angenehm ruhiger, kompetenter Weise macht er auf wichtige Exponate der Jahrhundertschau im Kunsthistorischen Museum Magdeburg aufmerksam. Etwa 90 Minuten wird die Führung dauern. In Abteilung V ist es vor allem die elfenbeinerne Stiftertafel inmitten von fünfzehn weiteren Täfelchen mit Szenen aus dem Neuen Testament. Ohnehin kann der Kunsthistoriker bei seiner Führung nur auf ausgewählte Stücke eingehen. Zu groß ist die Zahl der versammelten Exponate -alles Originale. 400 Ausstellungsstücke, sonst in der ganzen Welt verstreut, wurden in mühevoller Kleinarbeit zusammengetragen. Manchmal, lässt Michael Peter durchblicken, habe es schon Überredungskünsten bedurft, die Verwalter der Werke zu bewegen, ihre Kostbarkeiten für 100 Tage nach Magdeburg zu geben: Angefangen von den Evangeliaren über die 16 (von rund 50) noch vorhandenen Elfenbeintäfelchen, die anlässlich der Errichtung des Erzbistums Magdeburg angefertigt wurden, bis hin zu den drei in Köln, Trier und Prag aufbewahrten Stäben / Stabteilen des heiligen Petrus, die erstmals alle drei gemeinsam gezeigt werden. Dazu zahlreiche Urkunden, darunter die von Kaiser Otto unterzeichnete Errichtungsurkunde des Erzbistums Magdeburg sowie die von Ottos Sohn seiner Frau Theophanu ausgestellte, reich verzierte Heiratsurkunde. Außerdem einer der berühmten Kana-Krüge oder die zwei Marmorsäulen, die einst in der Pfalzkapelle Karls des Großen in Aachen standen -nach Magdeburg geholt, weil sich Otto der Große als Nachfolger des großen Karolingers verstand.

Auf allen Plakaten, auf Katalogen und Werbebroschüren aber ist die Stifterszene zu sehen, wie sie einst in das elf mal zehn Zentimeter große Elfenbeintäfelchen geschnitzt wurde. "Wir haben gerade dieses Stück ausgewählt, weil es Otto I. zeigt, weil es mit dem Dommodell in der Hand des Herrschers den Bezug zu Magdeburg herstellt und weil es in Ravenna entstand und damit die europäische Dimension deutlich macht, in der der Kaiser wirkte", sagt Michael Peter. Der religiöse Aspekt, insofern sich Otto als Oberhaupt der Christenheit verstand und Christus gegenüber verpflichtet wusste, sei dabei nicht im Blick gewesen.

Nach dem Sieg über die Ungarn 955 war König Otto 962 in Rom vom Papst zum Kaiser gekrönt worden. Seitdem betrieb er die Gründung eines Erzbistums Magdeburg. In seiner Pfalz in Magdeburg ließ er ein mächtiges Gotteshaus bauen. (Wie die Pfalz und das damalige Magdeburg ausgesehen haben könnten, wird in einer virtuellen Zeitreise in einem Visualistik-Raum der Ausstellung nachgegangen.) Hier schuf er ein Zentrum, von dem aus die Slawen östlich von Elbe und Saale zum christlichen Glauben geführt werden sollten, auch mit dem Schwert. 968 wurde das Erzbistum Magdeburg errichtet, dazu die Bistümer Meißen, Merseburg und Zeitz, die gemeinsam mit den bereits 948 errichteten Diözesen Brandenburg und Havelberg zum Erzbistum gehörten. Damit setzte Otto der Große die unter Karl dem Großen begonnene Strategie von Eroberung und Mission fort.

Ottos Verantwortungsbewusstsein als christlichem Herrscher aber geht die Landes- und Europaratsausstellung wenig nach. Zwar wird etwa in den Abteilungen II "Die ottonische Königslandschaft in Sachsen" und IV "Herrschaft und Reich" durchaus die Gründung von Klös-tern und Bistümern behandelt, doch vor allem unter dem Aspekt der Konsolidierung der Macht- und Verwaltungsstrukturen. Michael Peter räumt denn auch Grenzen der Jahrhundertschau ein: Die Gruppe von Wissenschaftlern, die die Expostion erarbeitete, sei sehr von Historikern dominiert gewesen. Kunsthistoriker hätten ähnlich wie bei der Karolingerausstellung 1999 in Paderborn möglicherweise die Liturgie stärker berücksichtigt. "Otto der Große ist mit Sicherheit ein sehr religiöser Herrscher gewesen", sagt Peter. Über sein Selbstverständnis sei allerdings bei seinem Historiker Thietmar von Merseburg wenig zu finden. Die religiöse Dimension sei damals möglicherweise viel zu selbstverständlich gewesen, als das man sie hätte erwähnen müssen. Auch das Thema Slawenmission hätte in der Ausstellung mehr Berücksichtigung finden können. "Allerdings", gibt Peter zu bedenken, "lässt sich Mission als inneres Geschehen schwer darstellen. Da hätte man dann auch nur Evangeliare und Ähnliches zeigen können."

"Der König und noch mehr der Kaiser verstand sich im Mittelalter als Vertreter Christi", sagt der Magdeburger Weihbischof Gerhard Feige, bis zu seiner Bischofsweihe 1999 Professor für alte Kirchengeschichte an der Theologischen Fakultät Erfurt, nach der religiösen Dimension des Kaisertums Ottos befragt. "Hatte sich in alter Zeit das Königtum allein durch Abstammung legitimiert, so wurde Otto nicht zuletzt durch seine sakrale Weihe über die anderen mächtigen Reichsfürsten gestellt. Königs- und Kaiserweihe wurden als Sakrament verstanden." Aus seiner "Verantwortung für die ganze Kirche" heraus habe Kaiser Otto zum Beispiel im durch vielfältige Wirren erschütterten Italien (saeculum obscurum) Ordnung geschaffen und die Erneuerung des Bundes zwischen Kirche und Reich durchaus als Auftrag Christi verstanden. So lies er etwa Papst Johannes XII., der ihn 962 zum Kaiser gekrönt hatte, 963 wegen dessen Konspiration mit seinem Gegner Berengar vor ein Gericht laden und kurzerhand absetzen. In seiner Herrschaft sei der Kaiser aber stets zu Demut gegenüber Gott und Milde gegenüber seinen Untergebenen verpflichtet gewesen. Den "Gottesdienst ausbreiten", wollte der Kaiser durch die Gründung der Bistümer, so Feige. Entsprechend lies es Otto auch in seiner Gründungsurkunde des Erzbistums Magdeburg formulieren: "Auf der Förderung des Gottesdienstes beruht Heil und Ordnung unseres königlichen und kaiserlichen Reiches."

Bei der kleinen Gruppe, die Michael Peter an diesem Samstag durch die Ausstellung führt, handelt es sich um eine Familie. Dies stellt sich heraus, als der Kunsthistoriker -an diesem Samstag wissenschaftlicher Mitarbeiter vom Dienst -plötzlich veranlassen muss, dass eine Tür zur museumspädagogischen Abteilung geöffnet wird, damit der Besucherstrom durch einen zusätzlichen Raum geführt werden kann. Die kleine Gruppe besteht aus einer jungen Magdeburger Familie, die anlässlich eines Familienfestes Angehörige aus Bremen, Braunschweig und Hannover zu Gast hat -eine insofern typische Situation, als die Mehrheit der inzwischen gut 75 000 Besucher aus den alten Bundesländern kommt. "Ich bin von der Ausstellung begeistert. Ich wollte morgen eigentlich nach Braunschweig. Aber nun will ich nochmals hierher", sagt eine der Damen, die Lateinlehrerin ist.

Darauf angesprochen, welche Erfahrungen er mit Besuchern aus Sachsen-Anhalt und den anderen jungen Bundesländern macht, sagt Peter: "Es gibt eine Menge von Leuten, denen hinsichtlich der Ausstellung viel Allgemeinbildung fehlt. Aber wir können nicht unter ein gewisses Bildungsniveau gehen, sonst müssten wir eine Fülle von Texten in die Präsentation einbinden. Wem das entsprechende Wissen fehlt, der muss es eben merken, dass es ihm fehlt", sagt Peter ohne jegliche Häme, aber auch bestimmt. Ihm sei ein Besucher begegnet, der gefragt habe, "wer denn der Mann sei, der da mit ausgebreiteten Armen vor dem Kreuz steht". Ein Glossar im Kurzführer der Ausstellung versuche, auch religiöse Begriffe wie Psalter oder Patene zu erklären.

Inzwischen ist die kleine Gruppe am Modell der Stiftskirche Gernrode in der Abteilung II "Ottonische Königslandschaft Sachsen" angekommen. Der Nachbildung des bis heute gut erhaltenen, vergleichsweise kleinen romanischen Gotteshauses ist die der aus gleicher Zeit stammenden Marienkirche der Kaiserpfalz Memleben gegenübergestellt, von der heute nur noch Mauerreste vorhanden sind. Dementsprechend fehlen dem Modell Details, dennoch ist die Größe der für das 10. Jahrhundert wohl einmaligen Basilika deutlich. Otto I. starb wie sein Vater Heinrich I. in Memleben (973), wurde aber in Magdeburg bestattet. Ein Modell des einstigen romanischen Magdeburger Doms, wie es Otto Christus auf der Elfenbeintafel überreicht, fehlt hingegen in der Ausstellung. Zu vage sind die archäologischen Funde, um so bedeutender aber die überkommene Elfenbeintafel, die einst mit vielen anderen solcher Tafeln Altar, Kanzel oder den Sitz des Erzbischofs in dem Gotteshaus schmückte und von der Heilsgeschichte erzählte, in die sich Otto der Große einreihte.

Eckhard Pohl

Die Ausstellung im Kulturhistorischen Museum in Magdeburg -keine 200 Meter vom heute evangelischen Dom mit dem Grab Ottos entfernt -ist bis 2. Dezember zu sehen. Sie ist montags bis mittwochs von 10 bis 18 Uhr und freitags bis sonntags von 10 bis 20 Uhr geöffnet. Öffentliche Führungen werden täglich 11, 13 und 15 Uhr angeboten, freitags bis sonntags zusätzlich 17 Uhr. Telefon (03 91) 5 32 92 82. Eintritt: 12 Mark. Familienkarte 28 Mark. Für Kinder und Jugendliche wird ein pädagogisch aufbereitetes Programm ange-boten. Zudem kann ein vom Mitteldeutschen Rundfunk erarbeitetes CD-Hörbuch über Otto I. und seine Zeit erworben werden.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 41 des 51. Jahrgangs (im Jahr 2001).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 11.10.2001

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