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Bistum Magdeburg

Hilfe für ein zerrissenes Land

Initiative in Leuna

Leuna (tdh) - Mitte Juni bekam die Christköniggemeinde Leuna ein Hilfeersuchen des Roten Kreuzes der bosnischen Stadt Novi Travnik. Knapp drei Monate später startete die katholische Gemeinde einen Hilfstrans-port nach Bosnien-Herzegowina. Die Kontakte nach Novi Travnik haben ihren Ursprung in der Betreuung der Bürgerkriegsflüchtlinge in Leuna und in einem Flüchtlingswohnheim in Wallendorf

Die Arbeitsgruppe "Hilfe für Novi Travnik", die der Leunaer Pfarrgemeinderat gebildet hatte, informierte sich bei Pax Christi über die Lage in der Region: Die Bosnienrückkehrer fallen nach ihrer Rückkehr in die Heimat in ein totales Nichts, erfuhren sie da. 80 Prozent Arbeitslosigkeit und ein völlig zusammengebrochenes Wirtschaftssystem, Fehlen von Arbeitslosen- und Sozialhilfe. Ohne humanitäre Hilfe aus dem Ausland könnten unübersehbare Konflikte wieder ausbrechen

In der eigenen Gemeinde, aber auch in Nachbarpfarreien, in Apotheken, Arztpraxen und ortsansässigen Betrieben bat die Arbeitsgruppe "Hilfe für Novi Travnik" um Unterstützung. "Ich fühle mich für diese Menschen mitverantwortlich, da ich ihnen in ihren Notlagen hier in unserem Lande vielfach zur Seite gestanden habe. Ich möchte aus meinem christlichen Verständnis den Hilferuf aus Novi Travnik nicht ungehört verhallen lassen" formulierte Dieter Falken, Diakon der Christköniggemeinde

Mit einem Kleinbus und einem Lastwagen samt Anhänger machten sich vier Männer und eine Frau schließlich auf den Weg. Diakon Falken schildert einige Eindrücke aus der befreundeten bosnischen Stadt

"Die Stadt gliedert sich in einen kroatischen und einen muslimischen Bereich auf. Es gibt eine unsichtbare Grenze zwischen beiden Bevölkerungsteilen, die offensichtlich von beiden Seiten respektiert wird. Das Wasserwerk befindet sich im muslimischen Stadtteil. Wenn das Wasser knapp wird, dreht die muslimische Seite den Kroaten das Wasser ab. Während unseres Aufenthaltes erlebten wir eine 16stündige Wassersperre. Es gibt in einer Stadt drei Währungen. Im kroatischen Teil gilt der kroatische Kunar, im muslimischen Teil der bosnische Dinar. In manchen Läden gilt nur die Deutsche Mark. Natürlich hat jede Bevölkerungsgruppe eine eigene Polizei und eine eigene Verwaltung. Als wir am Tag nach der Ankunft einstige kroatische Wohnsiedlungen in den Bergen besuchten, übergaben uns an der unsichtbaren Grenze kroatische Beamte den muslimischen Beamten. Sie waren beide sehr freundlich. Am 17. September wurde unser Transport im Lager des Roten Kreuzes entladen. Es waren viele Helfer zugegen. Wir bekamen Dankesworte vom Roten Kreuz und vom Caritasdirektor der Region zu hören

Vom Lager fuhren wir zum Behelfskrankenhaus der kroatischen Bevölkerung. Das einstige Stadtkrankenhaus liegt im muslimischen Teil. Es war im Krieg nicht möglich, dorthinzugelangen, und heute auch nicht. Das Behelfskrankenhaus befindet sich in einer Kirche. Es war für uns alle eine bedrückende Atmosphäre. Die Entbindungsstation befindet sich in einem gegenüberliegenden Haus. Dort sind vier Betten aufgestellt. Pro Tag finden hier durchschnittlich vier Entbindungen statt. Zwei Stunden nach der Entbindung werden die jungen Mütter ohne Nachsorge nach Hause entlassen. Im Krankenhaus übergaben wir unter anderem Hygieneartikel. Anschließend folgte ein Empfang beim Bürgermeister, der uns nochmals nachhaltig die Situation der Stadt und der Umgebung erklärte

80 Prozent Arbeitslosigkeit, Wassermangel, die hohe Zahl der zu erwartenden Rückkehrer, kein intakter Wohnraum: alles schier unlösbare Probleme. Nach dem Mittagessen folgte der Besuch der einstigen kroatischen Siedlungen in den Bergen und anschließend Besuche bei hilfsbedürftigen Familien. Bei vieler sichtbarer Armut erfolgte eine herzliche Aufnahme. Trotz vieler Unzulänglichkeiten bei uns zu Hause leben wir wie im Paradies.

Nach der Rückkehr dankte Diakon Falken allen Spendern und fand dabei auch einige nachdenkliche Worte: "Was haben wir erreicht? Haben wir den berühmten Tropfen auf den heißen Stein fallenlassen? Bosnien-Herzegowina ist weit vom friedlichen Nebeneinanderleben seiner Bürger entfernt. Ohne die Hilfe von Westeuropa droht dieser Staat unterzugehen. Die Sfor-Truppen werden wohl noch lange bleiben müssen..."

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 40 des 47. Jahrgangs (im Jahr 1997).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 05.10.1997

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