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Bistum Erfurt

Die Schicksalsfrage der Christenheit

Weimarer Gespräche: Einfluss der Kirche auf die Wende

Theologin Katharina Seifert Weimar (as) -Haben die Kirchen die DDR zu Fall gebracht? "Das zu behaupten, wäre vermessen, aber das Engagement der Kirchen ist ein wichtiger Mosaikstein im Gesamtbild der Wende", sagt Katharina Seifert. Sie muss es wissen, denn die heute in Freiburg arbeitende Theologin ist in dieser Frage Fachfrau. Nach der Wende hat die frühere Gemeindereferentin für das Bistum Dresden-Meißen Theologie studiert und bei dem bekannten Dogmatiker Gisbert Greshake über "Glaube und Politik" promoviert. Eine der Kernthesen ihrer Arbeit: Die Texte der ökumenischen Versammlung in der DDR (1988/89) hatten maßgeblichen Einfluss auf die Programme der Parteien, die aus den Bürgerbewegungen hervorgegangen sind, und die Präambeln der Verfassungen in den neuen Bundesländern. Aber nicht nur das Neue Forum oder der Demokratische Aufbruch haben die Ergebnisse der Versammlungen genutzt, sondern auch andere Parteien wie die CDU oder die PDS. Elf Jahre nach der Wiedervereinigung hat Katharina Seifert in einer Veranstaltung der Weimarer Gespräche Rückschau gehalten. Ein Text der ökumenischen Versammlung, der sich mit der Gerechtigkeit in der DDR befasste, war besonders brisant. Hier seien zum ersten Mal die Erwartungen der Christen in der DDR formuliert worden. Erstmals, so Katharina Seifert, habe eine größere gesellschaftliche Gruppe das gesagt, was die meisten Menschen dachten und wollten.
Dabei waren sich die Kirchen keineswegs einig. In manchen Punkten, so hieß es, habe man keine gemeinsame Position finden können. So zum Beispiel in der Frage nach der Verantwortung des Christen im Sozialismus oder in der Frage nach der Nation. Schließlich, erzählt Frau Seifert, habe der Staat interveniert und erreichen wollen, dass dieser Text nicht verabschiedet wird. Das genau war der Grund, so die These des damaligen Erfurter Dogmatikers Lothar Ullrich, weshalb er von der Versammlung doch angenommen wurde, wenn auch denkbar knapp. Dieses Papier nun gilt heute als wichtiger Beitrag zum gesellschaftlichen Durchbruch. Erstmals in der Geschichte der DDR seien Probleme und Forderungen in solch breiter Öffentlichkeit diskutiert und in so ausführlicher Weise schwarz auf weiß dokumentiert worden. Was aber, so fragen die Teilnehmer an den Weimarer Gesprächen, ist von dieser Zeit des Aufbruchs geblieben? Die meisten Forderungen der ökumenischen Versammlung, zumindest was den politischen Teil anbelangt, sind durch die Wende erfüllt worden. Der Wunsch Dietrich Bonhoeffers und Max Josef Metzgers nach der Einberufung eines allgemeinen Konzils der Kirchen, das die dauerhafte Sicherung des Friedens zum Ziel haben soll, blieb bis heute jedoch ein Traum. Für Max Josef Metzger aber war es die "Schicksalsfrage der Christenheit". Der konziliare Prozess, sagt Katharina Seifert, ist im Sande verlaufen. Die Gründe dafür dürften auch in den Beziehungen zwischen Kirche West und Kirche Ost liegen. Frau Seifert hat da ihre eigenen Erfahrungen gemacht. Jetzt erst, so sagt sie, interessiere man sich auch im Westen für die Kirche im Osten und fragt sich, was man von den Erfahrungen der Christen in der ehemaligen DDR und ihrem Leben im Sozialismus in lernen könne.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 41 des 51. Jahrgangs (im Jahr 2001).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 11.10.2001

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